Organspende
Fast hundert Zentralschweizerinnen und Zentralschweizer warten auf ein passendes Spenderorgan

Die Coronapandemie hat dazu geführt, dass die Warteliste für Organspenden im Vergleich zu den Vorjahren erstmals wieder länger wurde. 72 Menschen sind im vergangenen Jahr gestorben, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ gefunden werden konnte. Das Hauptproblem liegt jedoch nicht in der Gesundheitskrise, sondern an einem anderen Ort.

Livia Fischer
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Ärzte bei der Durchführung einer Organtransplantation.

Ärzte bei der Durchführung einer Organtransplantation.

Gaetan Bally/Keystone

1457 Personen in der Schweiz, darunter 50 aus Luzern, 20 aus Schwyz, 17 aus Zug, fünf aus Nidwalden sowie je drei aus Uri und Obwalden, warteten Ende letzten Jahres auf ein lebensrettendes Spenderorgan – 42 Menschen mehr als noch im Dezember 2019. Dies teilt die Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation Swisstransplant mit. Deren CEO Franz Immer begründet den Anstieg, nachdem die Anzahl der Wartenden in den Vorjahren stets leicht rückläufig war, nebst den üblichen Schwankungen auch mit den Auswirkungen der Coronapandemie. «Vor allem in der ersten Welle hatten Spitäler in der Westschweiz und im Tessin keine Kapazitäten für Organspenden mehr, wodurch wir einige Spenderinnen und Spender verloren haben.» In der zweiten Welle sei dies glücklicherweise kein Problem mehr, weshalb man letztlich «keinen allzu grossen Einbruch» bei der Organspende verzeichnet habe.

Dennoch kam für 72 Menschen auf der Warteliste – wie viele Zentralschweizerinnen und Zentralschweizer darunter sind, möchte Immer nicht kommunizieren – jede Hilfe zu spät. Weil nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan gefunden wurde, verstarben sie. Den Grund dafür sieht Immer, wie schon in den vergangenen Jahren, in der hohen Ablehnungsquote bei Angehörigen. Denn: «In vielen Fällen ist der Wunsch der verstorbenen Person nicht bekannt. Entsprechend lehnen über 60 Prozent der Angehörigen eine Organspende im Gespräch mit den Fachpersonen ab.» Zurzeit ist es hierzulande gesetzlich nämlich so geregelt, dass einer verstorbenen Person nur dann Organe, Gewebe oder Zellen entnommen werden dürfen, wenn zu Lebzeiten das Einverständnis dazu gegeben wurde. Liegt keine dokumentierte Zustimmung – oder auch Ablehnung – vor, sind die nächsten Angehörigen zu fragen. Ist auch ihnen keine Erklärung zur Spende bekannt, müssen die Angehörigen stellvertretend im Sinne des Verstorbenen entscheiden – was eben mehrheitlich dazu führt, dass der Entscheid aus Unsicherheit heraus negativ ausfällt.

Die grosse Mehrheit würde einer Organspende zustimmen

Problematisch ist das vor allem deshalb, weil laut Immer eigentlich 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung einer Organspende zustimmen würde. Dies zeigen auch die Einträge im Nationalen Organspenderegister, dazu gleich mehr. Das Online-Register wurde im Herbst 2018 von Swisstransplant eingeführt und soll für «Sicherheit, Klarheit und Entlastung für die Angehörigen und das Spitalpersonal» sorgen. So funktioniert's: In der Schweiz oder in Liechtenstein wohnhafte Personen ab 16 Jahren können elektronisch ihren Entscheid festhalten, ob und wenn ja, welche Organe und Gewebe im Todesfall entnommen werden dürfen.

Bis Ende 2020 trugen sich über 105'000 Menschen ein. Knapp 10'000 davon stammen aus der Zentralschweiz: 5470 aus Luzern, 1851 aus Schwyz, 1547 aus Zug, 533 aus Nidwalden, 467 aus Obwalden und 404 aus Uri. Am «spendewilligsten» sind dabei die Urnerinnen und Urner, lediglich 5,4 Prozent aller Einträge belegen, dass keine Spende erwünscht ist. Im Kanton Luzern haben sich 6,7 Prozent dagegen ausgesprochen, in den anderen Kantonen liegt die Ablehnungsrate bei 7,7 Prozent (Obwalden), 8,3 Prozent (Schwyz), 8,7 Prozent (Zug) und 9,2 Prozent (Nidwalden).

Auffallend ist zudem, dass sich Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer häufiger gegen eine Organspende entscheiden als Personen, die in der Westschweiz oder im Tessin wohnhaft sind. Da liegt die Ablehnungsquote jeweils zwischen 1,9 und 3,1 Prozent. Franz Immer führt das auf die Mentalität zurück, wonach jene Menschen «vielleicht ein bisschen offener» seien bei solchen Themen.

519 Transplantationen wurden durchgeführt

Tatsächlich eins oder mehrere Organe gespendet haben im vergangenen Jahr 146 verstorbene Personen – unter anderem sechs Luzernerinnen und Luzerner und drei Personen aus dem Kanton Schwyz. Dadurch, und dank der Lebendspenden, konnte schweizweit 519 Menschen auf der Warteliste geholfen werden. Zu den Glücklichen gehörten unter anderem 39 Zentralschweizerinnen und Zentralschweizer. Zu ihnen zählte vor zehn Jahren auch Lukas Achermann aus Dagmersellen. Seine Mutter schenkte ihm eine ihrer Nieren und rettete ihm so das Leben.