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ORIGAMI: «Vor mir ist kein Papier sicher»

Als Kind liebte er Pa­pierflieger, heute faltet er sogar urzeitliche Gliederfüssler und lebensgrosse Elefanten. Der Luzerner Künstler Sipho Mabona über seine Tüftelwut, den Hang zum Chaos und seine afrikanischen Wurzeln.
Interview von Annette Wirthlin
«Origami weckt das Kind in dir.»

«Origami weckt das Kind in dir.»

Sipho Mabona, sind Sie ein gedul­diger Mensch?

Sipho Mabona: (lacht) Das ist eine FAQ, eine «frequently asked question» – eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Ich bin vielleicht jemand, der ausdauernd sein kann, wenn es um die Arbeit geht. Das lässt sich aber nicht auf meinen gesamten Charakter ausweiten. Ich sage immer: Ich bin geduldig mit Papier, aber nicht unbedingt mit anderen Dingen im Alltag.

Wie lange sitzen Sie hinter den komplexeren Ihrer gefalteten Objekte?

Mabona: Die verwendete Zeit macht nicht die Wertigkeit der Origamikunst aus. Es ist vielmehr das Überlegen, wie komme ich überhaupt zu dieser Figur? Das ist ein Prozess von einigen Tagen bis mehreren Monaten. Bei den Dingen, die ich ausstelle, steckt teilweise bis zu einem Jahr Entwicklungszeit dahinter. Wie überall in der Kunst, geht es auch beim Origami mehr um die Auseinandersetzung – um das, was dahintersteckt. Die Ausführung, das Falten selber, ist bloss Handwerk.

Können Sie trotzdem eine Zeitdauer nennen? Zum Beispiel für diesen filigranen Käfer hier.

Mabona: Die Netto-Faltzeit kann schon einmal 10 oder 20 Stunden betragen. Aber das macht man natürlich nicht alles an einem Stück.

Sehr wohl «an einem Stück» ist das Material des Origamikünstlers. Origamis werden aus einem einzigen Blatt Papier gemacht, ohne Einsatz von Schere oder Leim. Das kann man fast nicht glauben.

Mabona: Es ist aber so. Ohne Schere auf jeden Fall. Das wird strikte eingehalten. Klassische Origamis, wie ich sie mache, bestehen wirklich nur genau aus einem Blatt Papier – unterschiedlicher Grösse. Ab und zu nimmt man vielleicht einen Tupfer Leim, denn wenn man etwas an einen Kunden verschickt, könnte beim Transport etwas verrutschen.

Wann flog bei Ihnen das letzte Mal ein Papier zerknüllt in die Ecke?

Mabona: So kleine Wutanfälle sind früher hin und wieder mal vorgekommen. In letzter Zeit versuche ich das zu verhindern, indem ich immer mehr wegkomme von kleinen, kniffligen Faltsachen. Mir machen Faltsequenzen, die einfacher von der Hand gehen, viel mehr Spass. Gerade wenn ich etwas Installatives schaffe, wo ich zigmal die gleiche Figur falten muss, versuche ich, diese nicht allzu komplex zu machen.

Muss man ein Mathe- und Geometrie-Genie sein, um ein guter Origami-Künstler zu werden?

Mabona: Nein, das war ich auch nie. Es braucht sicher eine Affinität zu logischem Denken, zu genauem Beobachten und ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Gewisse feinmoto­rische Fähigkeiten helfen sicher auch, wenn man ein Häschen falten will, das nur daumengross ist. Und man muss bereit sein, sich intensiv mit der Materie zu befassen.

Was fasziniert Sie an Origami?

Mabona: Ich war schon immer jemand, der gerne Probleme und Rätsel löst. Die Frage, wie mache ich aus einem quadratischen Stück Papier eine Heuschrecke oder einen Baum, reizt mich.

Wie kamen Sie auf das Papierfalten?

Mabona: Es hat mit Papierfliegern angefangen, als kleiner Bub. Mir gefiel die Idee, dass ich aus einem einfachen Blatt Papier selber ein Spielzeug herstellen konnte und dafür nicht in den Laden gehen musste.

Aber Sie hatten doch sicher viele tolle Spielsachen zur Verfügung.

Mabona: Klar. Aber mich reizte schon damals dieser transformative Prozess. Es ist doch ein kleines Wunder, dass aus einem einfachen Blatt ein Flieger werden kann, der elegant durch die Luft schwebt. Der Vater meiner Cousins war Töpfer von Beruf und bastelte viel mit ihnen. Bei mir zu Hause war niemand besonders handwerklich begabt, und wir hatten auch nicht die entsprechenden Materialien zur Hand – aber Papier war immer da.

Ist das Papierfalten eine Art Sucht?

Mabona: Das hat was. Vor mir ist kein Papier sicher. Wenn andere beim Telefonieren mit dem Kugelschreiber ganze Notizblöcke vollkritzeln, falte ich halt von Hand oder mit der Pinzette an einem Papier herum. Hier habe ich gerade etwas fabriziert, das aussieht wie ein Auge eines Fabelwesens.

Wie sieht es in Ihrer Wohnung aus? Darf ich raten: kreatives Chaos, Origamis an allen Wänden?

Mabona: Das mit dem Chaos dürfte zutreffen. Ich bin eher ein chaotischer Mensch. Das saubere, strukturierte Origami ist für mich eine Art Gegenpol. Man stelle sich vor, ich würde mit Lehm und Farben zu arbeiten beginnen! In meiner Wohnung habe ich nur ein paar wenige Origami-Sachen. Davon habe ich schon im Atelier genug.

Sie führen auch Workshops mit Laien durch, etwa in diesen Tagen in Luzern mit den Besuchern der Luga. Wie lange brauche ich, um den Hahn, das Maskottchen der Zentralschweizer Frühlingsmesse Luga, zu falten?

Mabona: Zehn Minuten sollten reichen. Das schafft auch ein 6-jähriges Kind. Ich hoffe, dass mindestens tausend solche Güggel zusammenkommen, um daraus ein riesiges dreidimensionales Pixelbild eines Hahns anzufertigen.

Was ist das Schwierigste am Papierfalten?

Mabona: Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben Mühe mit der Feinmotorik, andere sind sogenannte Links-Rechts-Legastheniker und finden es schwierig, zu kopieren, was ich vorne vorzeige. Aus dem Unterrichten weiss ich, dass ansonsten relativ schwache Schüler im Origami recht gut waren – und umgekehrt.

Wirkt es auch stressabbauend?

Mabona: Das kommt darauf an, wie gut es einem von der Hand geht. (lacht) Was fast bei allen Leuten immer zutrifft, ist das Gefühl: Wow, ich habe etwas geschafft. Viele Leute haben heute einen Job, bei dem sie wirklich nie etwas in den Händen halten, von dem sie sagen können: Das habe ich gemacht.

Mutiert man beim Basteln zum Kind?

Mabona: Man könnte vielleicht sagen: Es weckt das Kind in dir. Die kindliche, spontane Freude, die wir im Alltag nicht mehr zeigen zu dürfen meinen, dringt an die Oberfläche. Die Zurückhaltung, die viele Leute haben, geht ein Stück weit ver­loren. Am besten merkt man das, wenn man mit den Leuten Papierflieger faltet und sie im Raum herumfliegen lässt.

Hat Papierfalten vielleicht gar einen therapeutischen Zweck?

Mabona: Absolut. Es gibt viele Anwendungsbereiche. Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung zum Beispiel kann es helfen, weil es die Konzentration schult und weil ihre Anstrengungen unmittelbar belohnt werden. Auch in der Gehirnentwicklung könnte Origami eine Rolle spielen, ich denke da etwa an die Wirkungen des Links-rechts-Übergreifens, die man aus der Kinesiologie kennt. Und es fördert sicher das räumliche Vorstellungsvermögen. Ich habe Problemstellungen aus dem Origami auch schon in der Begabtenförderung verwendet.

Könnte das ein berufliches Fernziel von Ihnen sein?

Mabona: Ich finde es spannend, aber ich sehe mich mehr und mehr als freischaffenden Künstler. Dort ist es, wo mein Herz liegt. Origami wird dabei immer ein Eckpfeiler bleiben, aber ich kann mir auch vorstellen, zusehends mehr andere Materialien und Methoden in meine Arbeiten miteinzubeziehen.

Sie waren schon in Japan, dem Heimatland der Origami-Kunst. Dort hat Origami sicher ganz einen anderen Stellenwert als hier.

Mabona: Jeder Japaner kann einen traditionellen Kranich oder vielleicht noch irgend ein einfaches Füchslein falten. Aber die meisten Japaner sind sich ebenso wenig wie die Schweizer bewusst, was das zeitgenössische Origami alles beinhaltet. Dort sind den möglichen Figuren keine Grenzen gesetzt.

Was kann man denn so alles falten?

Mabona: Man kann aus Papier fast alles machen. Ich habe schon Autos gefaltet, Turnschuhe, ein Mikroskop, allerlei abstrakte Objekte, einen menschlichen Arm, die verschiedensten Tiere, Fantasiefiguren.

Dazu braucht es komplexe Faltpläne voller wirrer Linien. Sehen Sie diesen Plänen an, in welche Richtung die Linien gefalzt werden müssen – und was es einmal werden wird?

Mabona: Man kann nur ungefähr abschätzen, ob es beispielsweise eine menschliche Figur geben könnte oder irgendeinen Vierbeiner. Ob Schaf, Hund oder Kuh kann man aber nicht erkennen. Wie genau das Papier zu falten ist, wo Berg- und Talfalze hingehören, das lernt man nur mit der Erfahrung.

Sie entwerfen auch eigene Formen. Wie gehen Sie da vor?

Mabona: Angenommen, ich will eine menschliche Figur falten, gehe ich zuerst von einer Art Strichzeichnung aus, und abhängig davon, wie gross die einzelnen Körperteile werden sollen, kann ich nach gewissen geometrischen Regeln den Körperteilen verschieden grosse Papierabschnitte zuteilen. Danach wird die Figur gefaltet, aber die Proportionen stimmen meist noch nicht ganz und müssen angepasst werden.

Und dann wird der Faltplan unter Schloss und Riegel gehalten?

Mabona: In der Origami-Szene interessiert man sich natürlich brennend für die Faltpläne der Konkurrenz. Ich habe mal ein Muster für Koi-Fische entwickelt und davon eine Stop-Motion-Trickaufnahme auf Youtube gestellt. Jetzt hat jemand dieses Video angeschaut, immer wieder gestoppt und so den Fisch rekonstruiert – auf nicht so gelungene Weise übrigens. Jedenfalls benutzt jetzt der Kleiderladen Company’s gerade in diesen Tagen diese Papierfische kommerziell als Schaufensterschmuck. Da muss man sich natürlich als Künstler schon überlegen, ob man die Anleitung beim nächsten Mal nicht besser in der Schublade verstecken würde.

Sie haben im Kunst- und Kulturhaus des Landessenders in Beromünster einen lebensgrossen Elefanten aus einem einzigen Stück Papier gefaltet. Wo lag die grösste Herausforderung?

Mabona: Es fing schon mit der Finanzierung und mit der Suche nach einem geeigneten, genügend grossen Papier an. Es war grösser als der Raum selber. Als dieses Problem mal gelöst war, kam die Frage: Wie bringe ich die Figur in drei Dimensionen, da das Material weich und schwabbelig ist. Wir mussten ein Holzskelett anpassen, das den Elefanten von innen stützt.

Ist der Elefant eigentlich ein Welt­rekord?

Mabona: Nein, das habe ich nie in Anspruch genommen. Es hat sich bereits ein Inder aus der Origami-Community gemeldet, der behauptet, einen grösseren Papierelefanten gemacht zu haben. Aber mich interessiert das nicht. Es ist für mich keine sportliche Leistung, sondern ein Kunstwerk, das aufzeigen soll, dass es keine Grenzen gibt. Ich war schon immer jemand, der Grenzen auslotet und versucht, Wege zu gehen, die andere noch nicht gegangen sind.

Was haben Sie als Nächstes vor?

Mabona: Die Ideen gehen mir noch lange nicht aus. Schön wäre es, wenn der Elefant in einem Plexiglaskasten noch etwas auf Reisen gehen und auch in anderen Ländern gesehen werden könnte.

Apropos Reisen: Gerade waren Sie für ein paar Wochen in Südafrika. Wie haben Sie das Land heute erlebt, das Ihr Vater einst als politischer Flüchtling verliess?

Mabona: Das Land hat immer noch viele Probleme, vor allem die Kriminalität. Aber ich erlebte die Leute als sehr herzlich. Zwischen Weissen und Schwarzen habe ich kaum Spannungen wahrgenommen. Komisch ist halt, dass an den schöneren Orten immer noch hauptsächlich Weisse anzutreffen sind. Für mich persönlich ist es interessant, wie unterschiedlich die Menschen hier und in Südafrika auf mich reagieren. Hier denken alle, bevor sie mich reden hören, ich sei ein Ausländer. Dort betrachten sie mich als «einen von ihnen», aber auch nur, bis ich den Mund aufmache. Es ist also genau umgekehrt.

Was bedeutet eigentlich Ihr ungewohnter Vorname?

Mabona: Sipho ist ein sehr typischer südafrikanischer Name, der so viel wie «Geschenk» bedeutet.

Das ist aber eine schöne Bedeutung:

Mabona: Eigentlich schon. Wenn man den Leuten die Bedeutung erklärt, sagen aber viele Dinge wie: «Aha, dann hat man mit dir also das Geschenk!»

Hinweis: Workshops mit Sipho Mabona an der Luga: bis 4.5., jeweils 10.30, 11.30, 13.30, 14.30, 15.30 und 16.30 Uhr im Foyer der Hallen 1 & 2. «White Elephant» ist bis auf Weiteres im KKLB in Beromünster zu besichtigen.

Der Papierfalter

Zur Person wia. Sipho Mabona (34) wurde als Sohn einer Schweizerin und eines Südafrikaners in Luzern geboren, wo er auch heute noch lebt. Er absolvierte die Ausbildung zum Primarlehrer und studierte Psychologie an der Uni Zürich. Nebenbei unterrichtete er immer wieder als Stellvertretung oder in kleinen Pensen auf der Primar- oder Sekundarstufe. Zurzeit arbeitet Mabona, der schon in Tokio, London und Los Angeles ausgestellt hat, ausschliesslich als freier Künstler mit eigenem Atelier. Als Origami-Künstler ist er international bekannt. Er gibt Workshops und hat diverse Objekte für die Werbung entwickelt.

«Man kann aus Papier fast alles machen»: Sipho Mabona mit selbst entworfenen Origami-Tieren - Stier, Trilobit (ein Gliederfüssler) und Tintenfisch. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

«Man kann aus Papier fast alles machen»: Sipho Mabona mit selbst entworfenen Origami-Tieren - Stier, Trilobit (ein Gliederfüssler) und Tintenfisch. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

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