Orthodoxe Weihnachten
Nicht alle Christen feiern am 25. Dezember – aber irgendwie eben doch

Orthodoxe Christen pflegen andere Weihnachtsrituale als römisch-katholische. Hier erfahren Sie, welche und warum.

Chiara Z'Graggen
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In Triengen steht die einzige mazedonisch-orthodoxe Kirche der Schweiz.

In Triengen steht die einzige mazedonisch-orthodoxe Kirche der Schweiz.

Archivbild: Boris Bürgisser (Triengen, 13. Januar 2013)

In drei Tagen erstrahlen wie jedes Jahr zig Kinderaugen vor dem Weihnachtsbaum, bevor nach schief gesungenen Weihnachtsliedern wie «Oh du fröhliche» oder «Oh Tannenbaum» die Weihnachtsgeschenke ausgepackt werden. Kinder russisch- oder serbisch-orthodoxer Eltern müssen sich jedoch noch zwei Wochen länger gedulden, denn: Diese feiern das Weihnachtsfest erst am 7. Januar. Zumindest in den Augen derer, die nach dem weltlichen Kalender leben. Die Erklärung dazu liefert Stefanos Athanasiou, griechisch-orthodoxer Priester und Dozent für orthodoxe Theologie: «Eigentlich feiern diese orthodoxe Christen und Christinnen auch am 25. Dezember Weihnachten, aber mit dem alten Kalender.»

So viele Mitglieder gibt es in der Zentralschweiz

In der Zentralschweiz gibt es die serbisch-orthodoxe Kirche seit 1988. Laut der Universität Luzern gibt es rund 22'000 Gläubige in der Zentralschweiz. 

Die Universität schreibt, dass es ungefähr 2000 Eritreer in Luzern gibt, die Mehrheit von ihnen seien eritreisch-orthodox. Die eritreisch-orthodoxe Kirche als eigenständige christliche altorientalische Glaubensgemeinschaft.

In der Schweiz leben rund 13'000 griechisch-orthodoxe Gläubige. Genauere Zahlen gibt es laut Website nicht.

Seit 2010 gibt es eine mazedonisch-orthodoxe Kirche in Triengen, die zugleich das Schweizer Zentrum für Gläubige dieser Strömung mit rund 15'000 Mitgliedern in der Schweiz bildet.

Die rumänisch-orthodoxe Kirche ist mit weltweit rund 20 Millionen Mitgliedern weltweit die zweitgrösste innerhalb der orthodoxen Kirchen. Seit 1998 gehören die in der Schweiz lebenden Rumänen der Metropolie mit Sitz in Paris an. In Luzern besteht die Kirchengemeinde «Nasterea Maicii Domnului» (Mariä Geburt).

Es gibt keine russisch-orthodoxe Kirchgemeinde im Raum Zentralschweiz.

Doch was heisst das genau? Die Diskrepanz geht zurück auf die Kalenderreform vor über 400 Jahren. Bis 1582 galt nämlich der julianische Kalender, benannt nach dem römischen Kaiser Julius Cäsar. Dieser wies Fehler auf, weshalb Papst Georg einen neuen erliess und ihn sogleich nach sich benannte. Gemäss Athanasiou haben die römisch-katholischen Gebiete dies sofort akzeptiert, aber: «Die orthodoxen Kirchen und somit die Gebiete, in denen sie am zahlreichsten vertreten waren, haben die Reform nicht angenommen.» 1926 zogen dann die orthodoxen Kirchen, wie etwa die griechisch-orthodoxe, nach. Aber: Serbisch-orthodoxe und russisch-orthodoxe Kirchenmitglieder leben noch heute nach dem Kalender des vor über 2000 Jahren ermordeten römischen Kaisers.

Orthodoxe Weihnachten: Fasten vor Weihnachten

Gibt es denn weitere Unterschiede zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Weihnachtsfeierlichkeiten? Ja, etwa bezüglich der Weihnachtsmesse. «Die Messe der römisch-katholischen Kirche, die jeweils abends stattfindet, wird in der orthodoxen Kirche traditionell frühmorgens gegen 5 Uhr gefeiert», erklärt Stefanos Athanasiou.

Stefanos Athanasiou

Stefanos Athanasiou

Bild: PD

Weitaus weiter geht die Schere auseinander bei der Vorbereitung aufs Fest. Wie der griechisch-orthodoxe Priester erzählt, fasten Orthodoxe vor Weihnachten. Dies ist für die Gläubigen eine Periode des Zurückziehens im Sinne des spirituellen Lebens des Menschen. «Heute ist die Vorweihnachtszeit vor allem die Zeit des Konsums, was dem Gegenteil des ursprünglichen Sinnes entspricht.» Die Beginn der Fastenzeit bildet der 11. November, auch bekannt als Fasnachtsbeginn. Von daher stammt überdies der Name Carnevale – also fehlendes Fleisch.

Auf das Fasten folgt die 12-tägige Feier

Alsbald das Fest beginnt, dauert es dann gegen zwei Wochen. Alle orthodoxen Kirchen kennen das sogenannte Dodekaemeron – eine 12-tägige Feier. Sie beginnt nach dem 25. Dezember und dauert bis 5. Januar, dem Vorfest der Epiphanie, also der Erscheinung des Herrn.

Zur Person

Dr. Stefanos Athanasiou (40) ist griechisch-orthodoxer Priester und arbeitet an verschiedenen Hochschulen und Universitäten; so hat er einen Lehrauftrag der orthodoxen Theologie an der Hochschule Chur und einen Lehrauftrag im Bereich der Theologie der Ostkirchen an Universität Fribourg. Zudem ist er Dozent für Orthodoxe Theologie und Lehre am Departement für Kultur und Theologie der Logos Universität Tirana. Seit 2019 schreibt er an einer zweiten Promotionsarbeit an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich am Institut für Biomedizinische Ethik und beschäftigt sich mit der ethischen Grundvoraussetzung der Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Medizin. (zgc)

Ein weiterer spannender Fakt ist, dass Orthodoxe gewisse Feste feiern, jedoch aus einem anderen Grund als Römisch-katholische. «Am Stephanstag wird beispielsweise Maria gedacht. Der erste Januar ist der Festtag des Heiligen Basilios des Grossen. Am selben Tag wird noch etwas anderem gedacht, erzählt Athanasiou: «Am diesem Tag gedenkt die orthodoxe Kirche der Beschneidung Jesu Christi.»

Der 6. Januar, der Tag der Epiphanie, ist auch verschieden. Dort gedenken orthodoxe Kirchen Christi Taufe im Jordan. Genau wie Christus mit seiner Taufe die gesamte Schöpfung gesegnet hat, werden zum Gedenken zu diesem Ereignis die Wasser gesegnet – es gibt eine Prozession zu den Flüssen, Seen und zum Meer, dann wird dort ein Holzkreuz drei Mal ins Wasser geworfen. Auch in der Schweiz gibt es diese Tradition bei den Orthodoxen.

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