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PÄDAGOGIK: Meditieren im Klassenzimmer – mal leise, mal laut

Achtsamkeitsmeditation und Ringkämpfe als Schlüssel für einen effizienteren Unterricht: Zwei komplett unterschiedliche pädagogische Ansätze mit überraschend ähnlichen Resultaten machen derzeit Schule.
Ismail Osman
Mit Geist und Körper im Schulunterricht ankommen – das Ziel ist dasselbe, die Wege dahin aber diametral entgegengesetzt. (Bild: Illustration: Janina Noser)

Mit Geist und Körper im Schulunterricht ankommen – das Ziel ist dasselbe, die Wege dahin aber diametral entgegengesetzt. (Bild: Illustration: Janina Noser)

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

In der Ruhe liegt die Kraft

Augen schliessen, atmen, sich auf den Rhythmus des Atmens konzentrieren – wenn die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Mariahilf in Luzern zu Vera Isabella Renggli in den Unterricht kommen, wissen sie mittlerweile, was sie erwartet. Die Fachlehrerin für Bildnerisches Gestalten und Werken legt nicht einfach mit dem zu lernenden Schulstoff los, sondern lädt die Schülerschaft ein, zuerst in sich zu gehen. In einigen Minuten der Stille sollen sie sich auf die eigene Atembewegung konzentrieren oder sich ihrer aktuellen Gefühlslage bewusst werden. «Ich stelle dann jedem die Frage: ‹Wie geht es dir heute?›», erklärt Renggli.

Was Renggli tut, fällt in der Pädagogik unter den Begriff Achtsamkeit. Auf den ersten Blick mag dies etwas gar nach «gspürsch-mi» klingen, bei genauerem Hinsehen erweist es sich im Grunde als eine Form von Meditation. «Achtsamkeit hat einen religiösen Hintergrund mit Wurzeln im Buddhismus, aus dem die Techniken herausgelöst wurden», sagt Detlev Vogel, ­Dozent für Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH). Unter dem Titel «Achtsamkeit in Schule und Bildung» leitete er kürzlich die erste nationale Tagung zu diesem Thema. Rund 300 interessierte Lehrerinnen und Lehrer fanden sich dazu ein.

Pionier dieser säkularisierten Form der Meditation ist der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn. Er entwickelte die Achtsamkeitstrainings im Verlauf der 70er-Jahre. Und während man noch vor zehn Jahren ob der Idee zu meditieren die Nase rümpfte, finden Meditationstechniken heute vom Grossunternehmen bis zum Spitzensport überall Anwendung. Weshalb also nicht auch im Klassenzimmer? «Kinder sind heute einer enormen Zahl von Reizen ausgesetzt. Achtsamkeitsmeditation hilft den für das Lernen nötigen Fokus zu finden. Es ist so gesehen eine notwendige Gegenbewegung», ist Vogel überzeugt.

Was konkret solche Meditationen den Schülern bringen, wurde mittlerweile in mehreren Studien durchleuchtet. Die Resultate seien erstaunlich deutlich, sagt Vogel: «Die kleinen Übungen wirken sich positiv auf die kog­nitive Performance aus.» In anderen Worten: Bei Klassen, die Meditationsübungen absolvierten, wurde eine klare Leistungssteigerung festgestellt. «Gefördert wird die Fähigkeit, die naturgemäss wanderhafte Aufmerksamkeit während des Unterrichts immer wieder auf das Wesentliche zu lenken», erklärt Vogel. Die verbesserte Impulskontrolle wirke sich zudem auf das Sozialverhalten positiv aus: Die Kinder könnten gelassener mit Konflikten umgehen.

Investition zur Effizienz des Unterrichts

Kurze Stillesequenzen von ein bis zwei Minuten können schon im Kindergarten angewendet werden. Auf der Primarstufe können es zwischen 5 und 8 Minuten sein. «Das Gelingen von Achtsamkeitsübungen hängt stark von der Motivation der Lehrperson ab», weiss Vera Renggli aus Erfahrung. Als Gesundheitsbeauftragte ihrer Schule erarbeitet sie deshalb derzeit Workshops, in denen interessierte Lehrerinnen und Lehrer vertieft in das Thema eingearbeitet werden und die Übungen danach in ihren Unterricht integrieren können.

Die Frage, ob durch die Meditationsübungen nicht wertvolle Unterrichtszeit verlorengehe, werde häufig gestellt, sagt Detlev Vogel. «Mann muss es als eine Investition sehen. Die paar Minuten, die zu Beginn des Unterrichts in die Achtsamkeit investiert werden, zahlen sich durch die gesteigerte Effizienz der restlichen Unterrichtszeit aus.»

In der Kraft liegt die Ruhe

Raufen Auf den Pausenplätzen des Landes geht es naturgemäss hoch her. Es wird gejohlt, gespielt, gejagt und nicht selten auch «gerutzt». Das spielerische Ringen und Raufen dient den Kindern unter anderem als Ventil, um überschüssige Energie rauszulassen. Seit ein paar Jahren gibt es Ansätze, dieses Raufen vom Pausenplatz ins Klassenzimmer zu holen und dort ebendiese «Ventilwirkung» gezielt einzusetzen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Schulzimmer zur Kampfzone werden. Im Gegensatz zum Schulhof muss im Rahmen der Schulstunde nach klaren Regeln gekämpft werden. Dabei ist der Respekt vor dem Gegenüber das oberste Gebot. Konkret: Vor und nach jedem Kampf geben sich die Kinder die Hand, «Stopp» heisst immer «Stopp».

Durch Strategie und Geschick zum Sieg

Ein kürzlich in «Bildung Schweiz», dem Magazin des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH), erschienener Artikel setzt sich ausführlich mit dem Thema auseinander. So wird dort auch eine Primarklasse in Zürich besucht, welche das Raufen im Klassenzimmer aktiv betreibt. Im Artikel wird auch auf eine der «Bibeln» in Zusammenhang mit dem Thema verwiesen: «Wo rohe Kräfte sinnvoll walten: Handbuch zum Ringen, Rangeln und Raufen in Pädagogik und Therapie». Das Buch von Wolfgang Beudels und Wolfgang Anders erschien 2002 und ist als Leitfaden für diverse «Kampfspiele» konzipiert. In vielen der Beispiele wird aufgezeigt, mit welchen Regeln und Sicherheitshinweisen der Zweikampf im Schulzimmer gelingen kann.

Die meisten solcher Kampfspiele sind so aufgebaut, dass nicht Kraft alleine zählt – meist geht es darum, durch Strategie und Geschick die Runde für sich zu entscheiden. Die Spiele können dann so fantasievolle Namen tragen wie «Bärenkampf» (zwei Kinder sind sich auf Knien gegenüber und halten sich an den Schultern und Armen: Wer bringt den anderen durch Ziehen oder Stossen aus dem Gleichgewicht?), «Störrischer Bock» (ein Kind versucht das andere, den störrischen Bock, von der Matte oder aus einem vorher definierten Ring zu stossen) oder einfach «Sumo» (beide versuchen den anderen aus dem Ring zu stossen). Für die meisten Schulkinder sind solche Spiele sicherlich ein grosser Spass. Bleibt die Frage, welchen konkreten Nutzen es hat, das Raufen in diesem Sinne zu institutionalisieren.

Umgang mit Niederlagen erlernen

«Die positiven Effekte sind zum Teil erstaunlich», sagt Joe Bos­sert, Leiter des Sportzentrums Willisau. Gerade bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen könnten solche Übungen frappante Verbesserungen in Sachen Fokus und Konzentration bewirken. Bossert beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem Thema «Kämpfen, Raufen, Ringen». Im Rahmen des vom Bund geförderten Kinder- und Jugendsports hat Bossert, der auch beim Ringer-Club Willisau als Jugendtrainer tätig ist, Schnupperkurse für Kinder im Primarschulalter bis zur Berufsschule entwickelt. Sie kommen beispielsweise im Rahmen von Projektwochen an den Schulen zur Anwendung.

«Bei solchen Übungen ist auch das Erlernen von sozialen Kompetenzen ein sehr wichtiger Faktor», sagt Joe Bossert. «Der Umgang mit persönlichen Niederlagen und auch als Sieger oder Verlierer dem Gegenüber noch respektvoll zu begegnen ist eine wichtige Fähigkeit, die beim ‹Kämpfen, Raufen, Ringen› spielerisch vermittelt und gelernt werden kann.»

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