Interview
Päpstlicher Botschafter über die Nachfolge von Bischof Vitus Huonder: «Ich glaube nicht an den Superbischof»

Thomas E. Gullickson, der päpstliche Botschafter in der Schweiz, diskutiert an einem Podium unserer Zeitung über Wirtschaft, Politik, Kunst und Religion.

Jérôme Martinu
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Thomas Edward Gullickson

Thomas Edward Gullickson

Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Die Coronakrise hat das öffentliche Leben monatelang lahmgelegt, der Alltag hat sich schlagartig verändert. Alle haben mehr Zeit in den kleinsten Zellen miteinander verbracht. Das hat für unerwartete, positive Momente und Erkenntnisse gesorgt. Die Pandemie hat aber auch gesellschaftliche Brüche schonungslos offengelegt. Öffnet die Krise also neue Perspektiven?

In einer Podiumsveranstaltung unserer Zeitung (siehe Kasten) diskutieren Vertreter aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Kultur ausgehend vom neuen Roman des Autors Giuseppe Gracias über die Aspekte der Menschlichkeit, des Glaubens, der Freiheit der Individuen in einer sich immer schneller drehenden, vom ökonomischen Fortschritts- und Wohlstandsglauben getriebenen Gesellschaft. Mit Erzbischof Thomas E. Gullickson (69), Apostolischer Nuntius und damit päpstlicher Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein, diskutiert ein hoher kirchlicher Würdenträger mit.

LZ-Podium: «Öffnet die Krise neue Perspektiven?»

Die Podiumsveranstaltung «Öffnet die Krise neue Perspektiven?» unserer Zeitung findet statt am kommenden Dienstag, 23. Juni von 18.30 bis 20 Uhr im LZ Auditorium an der Maihofstrasse 76 in Luzern. Es diskutieren: Marianne Binder, Nationalrätin und CVP-Parteipräsidentin Aargau, Ivan Buck, Direktor Wirtschaftsförderung Luzern, Giuseppe Gracia, Schriftsteller und Mediensprecher Bistum Chur und Erzbischof Thomas Gullickson, Apostolischer Nuntius des Papstes. Moderiert wird das Podium von Jérôme Martinu, Chefredaktor. Der Eintritt ist frei, Anmeldungen werden erbeten (Kontakt: susanne.schmidli@chmedia.ch oder Telefon 041 429 52 52). Das Podium wird live auf unserer Webseite übertragen.

Ausgangspunkt des Podiums ist das neue Buch «Der letzte Feind» von Giuseppe Gracia (Verlag Fontis). Der Autor wird daraus vorlesen. Der Roman ist ein süffig geschriebener Verschwörungsthriller mit Schauplätzen im Vatikan und in der Schweiz. Im Plot - Reminiszenzen zu den Büchern von Dan Brown sind augenfällig - hat es immer wieder Platz für weltanschaulich-religiöse Debatten, in denen sich der Autor bestens auskennt. Eine unterhaltsame Lektüre mit diskursivem Anspruch. 

Was hat Sie, auch in Ihrer Funktion als Nuntius, während der globalen Coronakrise am meisten beschäftigt?

Als Mitglied einer amtlich definierten «Risikogruppe», der Menschen über 65 Jahre, versuchte ich, immer ein gutes Beispiel zu geben: Abstand halten, öffentliche Verkehrsmittel vermeiden usw. Das war auch ziemlich leicht, weil mein Terminkalender sich total von selbst geleert hat – diplomatisch und auch kirchlich.

Sie treten selten öffentlich auf. Nun nehmen Sie an einer Podiumsdiskussion unserer Zeitung teil. Dies anlässlich des neuen Romans von Giuseppe Gracia, ein Verschwörungsthriller rund um den Vatikan. Warum machen Sie hier mit?

Es ist alles relativ. Ausser während des Lockdown bin ich viel öfter als mein Vorgänger aufgetreten. Botschafter treten natürlich nicht derart in der grossen Öffentlichkeit auf wie Sportler oder Entertainer. Auch als Erzbischof hängen Auftritte immer von Einladungen ab. Weil ich aber Deutsch spreche, konnte ich viel mehr Einladungen wahrnehmen als meine vier italienischen Vorgänger ohne deutsche Sprachkenntnisse.

Wie aktiv sind Sie denn?

Ich bin wohl der öffentlich aktivste Nuntius hier in der Schweiz in den letzten 20 Jahren. Im vergangenen Jahr habe ich bereits an zwei Podiumsdiskussionen teilgenommen. Meines Erachtens war es eine gute Erfahrung, sie sind nicht schlecht gelaufen. Und in einer davon war Giuseppe Gracia der Moderator. Ich habe gedacht, warum nicht noch einmal?

Sie sind der Nuntius von Papst Franziskus und als solcher der offizielle Stellvertreter seiner Heiligkeit in der Schweiz. Worin besteht genau Ihre Arbeit?

So einfach ist es nicht. Ich vertrete ja den Heiligen Vater, aber in verschiedenen Funktionen: Vor der Regierung vertrete ich den Papst, betrachtet als Rechtsperson, als den Heiligen Stuhl. Ich bin ja der diplomatische Vertreter eines Staates sozusagen, des Vatikans.

Und geistlich ...

... vertrete ich den Papst in seinen Beziehungen zur Kirche hier in der Schweiz. In der römischen Kurie sind allerdings eher der Kardinalstaatssekretär und die Chefs der verschiedenen – je nach Zuständigkeitsbereich – Ämter oder Departemente der Kurie meine Auftraggeber oder Gesprächspartner. Man versteht diese Konfiguration vom Subsidiaritätsprinzip aus. Der Heilige Vater kann nicht alles selbst erledigen und so delegiert er vieles an seine engsten Mitarbeiter.

Als vatikanischer Botschafter und US-Amerikaner: Wie beurteilen Sie die Situation der Katholischen Kirche in Europa, in der Schweiz?

Viele meinen, die Schweiz sei ganz anders als die andern Länder. Aber die Ähnlichkeiten sind oft viel grösser als die Unterschiede: zwischen der Schweiz und dem restlichen Europa, und sogar zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Zum Beispiel?

Bei der Säkularisierung. Einige bezeichnen die Gesellschaft in Europa säkularisierter als in Amerika. Wenn man von katholischen Kreisen spricht, stimmt das aber nicht ganz. Das Kirchensteuersystem in der Schweiz oder in Deutschland gibt nur ein Zerrbild des Verhältnisses der Menschen zur Kirche. Sowohl anderswo in Europa als auch hier in der Schweiz bleiben viele Leute auf den Steuerlisten der Kirche, auch wenn ihre Kinder nicht getauft sind und keine Ahnung sogar vom Kreuzzeichen haben. Man spricht von 1 bis 4 Prozent praktizierende Katholiken in der Schweiz und vielleicht von 40 Prozent in Amerika. Aber auch in Amerika schliesst man überall Pfarreien und jetzt fusionieren sogar Diözesen, weil die Leute gehen einfach weg. Ohne Staatsgeld wäre es auch hier anders und ähnlich wie in Amerika.

Das Bistum Chur wartet immer noch auf die Wahl eines Nachfolgers des emeritierten Bischofs Vitus Huonder. Können Sie hierzu etwas sagen?

Eigentlich nicht. Auch ich warte auf Nachricht aus Rom. Ich bete inständig nicht nur für einen guten Bischof, sondern dass die Menschen hierzulande ihre Meinung dem Bischof gegenüber ändern. Ich glaube nicht an den Superbischof, den viele sich wünschen, charismatischer Leader und Versöhner: So ein Bischof ist noch nicht geboren. Das Erfolgsrezept für das Bistum Chur ist eher auf die Bereitschaft des Klerus gebaut, den neuen Bischof bedingungslos anzunehmen und ihn durch dick und dünn zu tragen.

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