Nottwil: Schweizer Paraplegiker-Stiftung befindet sich im Umbruch

Daniel Joggi (69), Präsident der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, wird wohl noch dieses Jahr aus Altersgründen zurücktreten. Die Nachfolge wird ab sofort nicht mehr vom Stiftungsrat alleine geregelt, sondern anhand von Vorschlägen einer neuen Kommission.

Alexander von Däniken
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Blick auf das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. (Bild: Pius Amrein, 2. Dezember 2018)

Blick auf das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. (Bild: Pius Amrein, 2. Dezember 2018)

Ein Gremium wählt sich selbst: Das ist bei Stiftungsräten Routine, birgt aber auch Risiken: Ist der Kreis von neuen Kandidaten genügend gross? Werden genau jene Kompetenzen ersetzt, die nach einem Abgang eines Stiftungsrats fehlen? Und passt das neue Ratsmitglied zur Stiftung?

Was die Schweizer Paraplegiker-Stiftung betrifft, musste sich diese in den letzten Jahren wandeln – von einer patronal geführten Organisation in der Ära ihres Gründers Guido A. Zäch über ein holding-ähnliches Gebilde unter Stiftungsratspräsident Bruno Frick zu einer eher dezentral geführten Institution unter dem jetzigen Präsidenten Daniel Joggi.

Leistungsaufträge auf dem Prüfstand

Letzteres brachte der Stiftung und den anderen Organisationen innerhalb der Gruppe zwar Stabilität. Aber wegen des Salärs des Direktors der Paraplegiker-Vereinigung auch zu einem Imageschaden, den vor allem die Stiftung als Dach der Gruppe traf.

Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung wird grundsätzlich an ihrem Kurs festhalten – kündigt aber Korrekturen an: «Nächstes Jahr werden die Leistungsaufträge mit allen unseren Tochter- und Partnerorganisationen erneuert und den Zielen der Strategie 2021 bis 2024 angepasst», sagt Daniel Joggi, und meint damit unter anderem die Paraplegiker-Vereinigung, die Forschung und das Zentrum. «Es ist nicht ausgeschlossen, dass es da und dort zu Änderungen kommt.» Welche das sein werden, lässt Joggi noch offen. Die Strategie wird aktuell erarbeitet.

Joggi will Posten noch Ende Jahr räumen

Klar ist: Joggi wird im August 70-jährig – und erreicht damit das Maximalalter eines Stiftungsrats, welches die Stiftung sich kürzlich gegeben hat (wir berichteten). Trotz Übergangszeit bis Ende 2020 will Daniel Joggi den Posten noch Ende dieses Jahres räumen.

«Ich habe dieses Amt nicht gesucht, ging es aber mit Freude an. Nach der Ära Bruno Frick waren die Mitarbeiter zum Teil verängstigt. Mittlerweile hat sich die Situation wieder sehr stabilisiert.»

Haben früher die Stiftungsräte selbstständig eine Nachfolge gesucht und gewählt, kommt seit der Sitzung vom Mittwoch eine neue Kommission zum Einsatz. Unter dem Vorsitz des Politologen Iwan Rickenbacher sucht die Nominationskommission nach geeigneten Kandidaten und führt Assessments durch. «Wir werden in einzelnen Fällen auch externe Personalbüros beauftragen – immer mit dem Ziel, einen Stiftungsrat zu finden, der mit seinen Kompetenzen das Gremium optimal ergänzt», sagt Iwan Rickenbacher.

Die Kommission wird die Vorschläge dem Stiftungsrat unterbreiten, welcher nach wie vor für die Wahl zuständig ist. Damit geht die Stiftung einen anderen Weg als bis vor kurzem die Schweizer Berghilfe. Dort hatte ein ähnliches Gremium auch die Wahlkompetenz. «Die Berghilfe kam aus verschiedenen Gründen von dieser Lösung wieder ab, auch weil es schwierig war, die notwendige Zahl der Mitglieder für den Wahltag aufzubieten. Der Berghilferat ist jetzt neu ein Patronatskomitee», sagt Rickenbacher, der auch Stiftungsratsmitglied der Berghilfe war.

Neben Rickenbacher gehören der Kommission auch sieben Vertreter von Gönnervereinigung, Paraplegiker-Vereinigung, Stiftung, eines Rollstuhlklubs und je eine unabhängige Vertretung aus dem Leistungsfeld Medizin und dem Leistungsfeld Forschung an.

Kommission sucht jüngere Kandidaten

Die Kommission wird regelmässig Arbeit haben – denn neben der Altersbeschränkung hat die Stiftung auch eine Amtszeitbeschränkung von zwölf Jahren eingeführt. Zudem wurde die Maximalzahl an Stiftungsräten von 11 auf 7 bis maximal 9 reduziert. Rickenbacher sagt:

«Diese Kriterien werden dazu führen, dass wir noch stärker nach jüngeren Mitgliedern Ausschau halten müssen.»

Das sei in Anbetracht der geforderten Identifikation mit der Stiftung und den 1,8 Millionen Gönnern nicht einfach.

Joggi hat übrigens letztes Jahr 147'122 Franken an Spesen und Entschädigungen erhalten, wie dem aktuellen Non-Profit-Governance-Bericht zu entnehmen ist. Das ist weniger als die 188'372 Franken, welche 2018 die Firma Consultenax AG von Guido A. Zäch als Beratungshonorar erhalten hat.

Jahresrechnung im Plus

Die Schweizer Paraplegiker-Gruppe mit Sitz in Nottwil hat gemäss aktuellem Finanzbericht letztes Jahr bei einem Gesamtaufwand von 255,1 Millionen Franken ein positives Betriebsergebnis von 4,3 Millionen Franken erzielt. Das Leistungsfeld Medizin mit dem Paraplegiker-Zentrum beanspruchte 57,5 Prozent der Kosten, gefolgt vom Bereich Solidarität (unter anderem Direkthilfe durch die Stiftung) mit 19 Prozent und dem Bereich Integration und lebenslange Begleitung (unter anderem durch die Paraplegiker-Vereinigung) mit 16,1 Prozent. Der Bereich Bildung, Forschung und Innovation nimmt 7,4 Prozent der Kosten ein.

Machtstreit unter Rollstuhlfahrern

Die Beschwerde bei der Stiftungsaufsicht gegen die Schweizer Paraplegiker-Stiftung ist nur ein Kapitel eines langen Kampfs zwischen dem Verein Parawatch und der Stiftung. Letztere setzte sich kürzlich vor dem Luzerner Kantonsgericht durch.
Alexander von Däniken