PARIS/LUZERN: So erleben Luzerner den Alltag in Paris

Die schrecklichen Anschlägen in Paris am Freitag dem 13. November wirken immer noch nach. Exil-Luzerner und ein Schwyzer erzählen, wie die Stadt den Weg zurück zur Normalität sucht.

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Zora Kubinec  absolviert in Paris ein Austauschsemester an der Fachhochschule. (Bild: PD)

Zora Kubinec absolviert in Paris ein Austauschsemester an der Fachhochschule. (Bild: PD)

Roger Rüegger, Yasmin Kunz, Niels Jost

Die Stadtluzernerin Zora Kubinec (28) lebt seit Ende August in Paris, wo sie ein Austauschsemester an der Fachhochschule absolviert. Die 28-Jährige befand sich während den Terroranschlägen im Studentenheim, welches sich Westen von Paris – Stadtteil La Défense – lokalisiert ist.

Über Push-Meldungen hat sie von den Anschlägen gehört und «gleich präventiv eine Meldung in die Schweiz geschickt, dass es mir gut geht», sagt Kubinec. Die Sicherheitsmassnahmen an der Schule und im Studentenheim hätten seit dem 13. November zugenommen. «Auf das Gelände im Studentenheim kommt man abends jetzt nur noch mit einer Schlüsselkarte rein. Und an der Schule werden unsere Taschen durchsucht.»

Zudem, so Kubinec, sei auch das Militär sehr präsent. Trotzdem bewegt die Luzernerin sich noch genau gleich wie vor dem Terrorakt, «es fühlt sich durch die Kontrollen jedoch weniger frei an».

Auch die Stimmung unter den Studenten sei seither gedrückt. «Einige Austauschstudenten überlegen, ob sie früher nach Hause reisen wollen, weil sie im Familienkreis über die Geschehnisse sprechen wollen.» Kubinec glaubt allerdings, dass das Emotionale auch etwas aufgebauscht wird. «Die Austauschstudenten, die ich kenne, waren nicht unmittelbar vom Terroranschlag betroffen – wir sind demnach auch nicht traumatisiert.» Dennoch hat auch Kubinec eine vorzeitige Rückkehr in Betracht gezogen, «aus dem einfachen Grund, dass ich es nicht mag, wenn man derart oft kontrolliert wird».

Doch sie bleibt in Paris, bis ihr Austauschsemester Ende Dezember offiziell beendet ist. «Ein Attentat kann überall passieren», sagt sie zum Entscheid. Und sie weiss, wovon sie spricht: 2013, als in der kenianischen Hauptstadt Nairobi im Westgate-Einkaufszentrum sechs maskierte das Zentrum stürmten und 67 Menschen erschossen, befand sich die Luzernerin genau dort.

«Betroffenheit wird in den nächsten Wochen anhalten»

Erst seit zwei Wochen lebte und arbeitete der Luzerner Dany Bucher (52) in seiner «Traumstadt» Paris – dann kam es zu den Anschlägen. «Davon erfuhr ich erst Zuhause, im sechsten Arrondissement, durch einen Kollegen aus Luzern via SMS», erzählt Bucher am Telefon aus der Stadt der Liebe. Dieser Bezeichnung wird Frankreichs Hauptstadt in diesen Tagen gerechter denn je: «Man spürt die Liebe, die Wärme unter den Menschen. Der Zusammenhalt ist gross.» Die Schicksalsgemeinschaft sei sich gewissermassen ein wenig näher gekommen. Dany Bucher berichtet von Begegnungen im Supermarkt, von fremden Leuten, mit denen er spontan ins Gespräch kommt. «Man ist viel kommunikativer geworden, das ist schön. Dennoch spürt man eine latente Unsicherheit.» Das zeigte sich etwa in den leeren Strassen am Wochenende der Anschläge. Einzig die Sicherheitskräfte patrouillierten durch die Stadt. Alle öffentlichen Einrichtungen waren geschlossen, auf den sonst so belebten Terrassen sassen kaum Menschen.

Doch schon am Montag begann das alltägliche Leben wieder, es musste. Ans Heimkehren nach Luzern dachte er keine Sekunde. Besonders eindrücklich war die Schweigeminute, an der selbst die lebhaftesten Plätze stillstanden. «Diese Betroffenheit wird wohl auch in den nächsten Tagen und Wochen anhalten.» Der Terrorakt und das damit verbundene Leid seien noch sehr präsent. Ob die Normalität jemals wieder für die Bürger einkehren werde, könne er nicht sagen. «Schon nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist diese vermeintlich wieder eingekehrt – und jetzt das. Aber die Franzosen sind sehr patriotisch, sie sind ein Land, eine Nation. Sie ticken anders als wir Schweizer. Sie stehen das gemeinsam durch, ganz nach dem städtischen Motto: ‹Fluctuat nec mergitur – sie schwankt, aber sie geht nicht unter›.»

Was Dany Bucher besonders auffällt, ist die Ruhe in der Grossstadt, gerade was die Polizeisirenen angelangt, die sonst alle halbe Stunde aufheulen. «Diese Woche habe ich selten eine Sirene gehört. Mag sein, dass von Seiten der Behörden hier aus psychologischen Gründen zur Zurückhaltung aufgerufen wurde.»

«Will mich nicht einschüchtern lassen»

Adrian Steinegger (23) besucht einen Sprachaufenthalt in Paris. Der 23-jährige Schwyzer war während den Attentaten zu Hause bei seiner Gastfamilie. «Zu diesem Zeitpunkt habe ich überhaupt nicht realisiert, was im Stadtzentrum abgegangen ist», sagt Steinegger auf telefonische Anfrage. Erst als seine Gastgeber an diesem Abend heimkehrten, habe er von der Tragödie erfahren. «Wir haben dann gemeinsam im Fernsehen die Geschehnisse verfolgt. Es war ein Schock.»

In dem Moment habe er sich überlegt, wie er weiter vorgehen soll. «Breche ich meinen Aufenthalt hier ab, soll ich bleiben?» Der gelernte Maurer entschied sich, in Paris zu bleiben und seinen Aufenthalt wie vorgesehen weiterzuführen. «Einen Tag nach den Vorfällen begab ich mich zum Eifelturm. Dort wo sich sonst immer viele Leute aufhalten, war es praktisch menschenleer. Einzig Polizei, Militär und andere Sicherheitskräfte waren zu sehen. Die waren plötzlich überall. Das gab einem fast das Gefühl, Paris sei nun so sicher wie nie», schildert er die Situation.

Man habe dennoch Verunsicherung und teilweise auch Angst gespürt, die über der Stadt schwebte. «In jedem Geschäft wurden Taschen kontrolliert. Ich persönlich war die ersten beiden Tage nach den Attentaten angespannt. Denn ich war erst eine Woche hier, für mich war also ohnehin alles neu», so Steinegger. Der Alltag auf der Strasse, zu Hause und in der Schule habe aber schnell wieder Einzug gehalten. «ich will mich nicht einschüchtern lassen und mein Leben nicht ändern. Sonst haben die Terroristen gewonnen. Das ist das, was alle Leute hier denken und auch entsprechend handeln.»

Zur Schule ins Zentrum fährt der Schwyzer jeweils mit der Metro. «Angst auf die Strasse zu gehen hatte ich nicht. Zuerst machte ich mir jedoch während den Stosszeiten Gedanken, weil sich so viele Leute in der Metro an einem Ort befinden. Aber inzwischen ist die Tagesaktualität wieder eingekehrt, was auch richtig ist.» Über das Thema werde natürlich gesprochen, es sei jedoch nicht so, dass es einen den ganzen Tag verfolge. «Was nicht bedeutet, dass die vielen Toten vergessen sind.»

Dany Bucher erfuhr in Paris von den Anschlägen durch SMS aus Luzern. (Bild: Herbert Zimmermann, Luzern)

Dany Bucher erfuhr in Paris von den Anschlägen durch SMS aus Luzern. (Bild: Herbert Zimmermann, Luzern)

Der Schwyzer Adrian Steinegger befindet sich für einen Sprachaufenthalt in Paris. (Bild: PD)

Der Schwyzer Adrian Steinegger befindet sich für einen Sprachaufenthalt in Paris. (Bild: PD)