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PARTEIGESCHICHTE: Seit 30 Jahren «grünt» es im Kanton Luzern

Mit einer Sensation startete vor 30 Jahren die Geschichte der Luzerner Grünen. Die Partei – und mit ihr ihre Exponenten – hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark gewandelt.
Ismail Osman
Das Abstimmungsplakat von 1988 zeigt: Manche Themen der Grünen sind heute noch genau so aktuell wie damals. (Bild: PD)

Das Abstimmungsplakat von 1988 zeigt: Manche Themen der Grünen sind heute noch genau so aktuell wie damals. (Bild: PD)

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Das Luzern der späten 70er-Jahre war in vielerlei Hinsicht ein anderes als heute: «Der Kanton ist auch heute noch sehr konservativ – der gesellschaftliche Mief, der damals in der Luft lag, war jedoch von einer ganz anderen Prägnanz», sagt Michael Töngi rückblickend. Heute nimmt Töngi (49) für die grüne Fraktion Einsitz im Kantonsrat. Als Kanti-Schüler wird er damals durch Drittwelt- und Umweltfragen zunehmend politisiert. In Luzern scheint sich nur eine Partei ernsthaft für solche Themen einzusetzen: die Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch). Eine Luzerner Sektion der Partei, die aus der 68er-Bewegung entstand, wurde 1973 gegründet.

Tatsächlich feiern die Poch bei den Grossratswahlen beachtliche Erfolge (siehe Grafik). 1979 ziehen fünf Poch-Mitglieder in den Grossen Rat ein und haben somit immerhin bereits Fraktionsstärke. Zu den gewählten «Pöchlern» gehört auch die damals 23-jährige ­Renata Meile. Die neuen Grossratsmitglieder fallen nicht nur durch bunte Kleider oder bewusst auf Schweizerdeutsch gehaltene Voten aus dem Rahmen. Sie politisieren auch anders: «Manchmal musste man ein wenig provozieren, um die starren Denkmuster aufzubrechen», erinnert sich die heute 60-jährige Naturheilpraktikerin, die zehn Jahre im Luzerner Parlament verbrachte – genauso lange wie ihre Tochter Katharina, die sich vergangenen Januar aus dem Kantonsrat verabschiedete.

Erfolge der «Jungen Wilden»

Um die Lächerlichkeit einer ausufernden Debatte über die korrekte Bezeichnung «Fasnacht» oder «Fastnacht» zu illustrieren, montierten sich die Poch-Mitglieder etwa kurzerhand rote Clownnasen und debattierten so weiter. Und um das Waldsterben zu veranschaulichen, wurde dann auch schon mal eine tote Tanne in den Ratssaal «gefugt». «Das trieb manche da drin zur Weissglut», sagt Meile mit einem Schmunzeln. Solche Aktionen der Poch-Fraktion seien aber nur möglich gewesen, weil man nicht nur provozieren, sondern auch argumentieren konnte, ist Meile überzeugt. «Die ersten Voten, die ich hielt, übte ich vor dem Spiegel.» Die gesamte Fraktion habe hohe fachliche Ansprüche an sich selbst gestellt. «Wir wussten sehr genau, wie der Ratsbetrieb funktioniert, wie man Anliegen nachvollziehbar formuliert und diese in der Sprache von Gesetzestexten korrekt verfasst, um so unsere Ideen konkret umzusetzen.» Dass man sich seriös vorbereitete, argumentativ stark auftrat und die Grundregeln des Rates respektierte, habe den politischen Kontrahenten auch Respekt abgerungen.

Auch gegen aussen fanden die Poch zunehmend Anklang. Bei den Grossratswahlen 1983 legte man ganze sechs Sitze zu. Danach kam es aber zu einem grundlegenden Wandel: «Die Poch waren ein kleiner, verschworener Kern mit einem grossen Netzwerk an Sympathisanten», erklärt Renata Meile. «Wir sahen das riesige Potenzial und erkannten die Notwendigkeit einer Öffnung, um dieses Potenzial zu nutzen.» Es gab durchaus Gründe, den Poch nicht beizutreten. «Als bekanntes Poch-Mitglied eine Wohnung zu finden, war ein Spiessrutenlauf», berichtet etwa Meile. «Es bestand auch ein aktives Lehrerverbot für Poch-Mitglieder», ergänzt der heutige Grünen-Nationalrat Louis Schelbert (64), der dies als Poch-Mitglied ebenfalls am eigenen Leibe zu spüren bekam. Andere wiederum konnten die klar vom Marxismus geprägte Ideologie der Poch nur begrenzt oder gar nicht unterschreiben. Dem Beispiel der Grünen Bewegung in Deutschland folgend, entschied man sich, eine Öffnung der Partei zu vollziehen. Diese wurde mit der Gründung des Grünen Bündnisses Luzern im Frühjahr 1987 besiegelt.

Öffnung bringt den Durchbruch

Die Rechnung ging auf: «Die Poch waren interessant, das Grüne Bündnis verkörperte jedoch genau das, was ich suchte», sagt etwa Michael Töngi, der als 19-Jähriger der Gründungsversammlung der Krienser Ortspartei beiwohnte. «Ein wichtiger Faktor war, dass wir eine Regenbogenpartei blieben», sagt Louis Schelbert rückblickend. «Violette Frauenthemen, rote Sozialthemen und grüne Umweltthemen hatten weiterhin nebeneinander Platz.» So erlebte es auch ­Cécile Bühlmann (67): «Es herrschte damals eine echte Aufbruchstimmung.» Bühlmann war bereits seit Jahren in der Frauenbewegung aktiv. «Es gab ein grosses Spektrum an Linken, die weder in die SP noch die Poch passten.» Dem Grünen Bündnis beizutreten, habe sich denn auch nicht wie ein Parteibeitritt angefühlt. «Es war das gesamte Milieu, in dem ich mich bewegte, es war eine Bewegung.» Die damals 37-Jährige weiss es noch nicht, aber sie würde bald eine zentrale Rolle in der Geschichte der neuen Partei einnehmen. Die Bewegung jedoch startete mit einem Knall: Bei den Grossratswahlen 1987 holt man sich 16 von 170 Sitzen und ist danach drittstärkste Fraktion im Parlament.

Die kantonalen und nationalen Wahlen von 1991 haben für die Grünen einen bittersüssen Geschmack. Da ist der Einzug von Cécile Bühlmann als erste Grüne in den Nationalrat. Auf Druck der Frauen hin habe sich die Partei für eine Doppelkandidatur von Bühlmann und Peter Mattmann entschieden, erinnert sich Bühlmann. Die Öffentlichkeit und auch grosse Teile der Partei gingen davon aus, dass – sofern überhaupt jemand das Rennen machen würde – Mattmann der klare Favorit sei. Dieser war schliesslich schon zu Poch-Zeiten eine Leaderfigur. Nun also war es Cécile Bühlmann, die nach Bundesbern ziehen sollte – und das ohne parlamentarische Erfahrung. In der Hauptstadt wartete das politische Establishment nicht auf eine wie sie: «Es war ein echter Kulturschock», sagt sie heute. «Diese verknöcherte, steife Männerdomäne – ich dachte mir: ‹In was für einer Welt bin ich hier gelandet, und was mache ich hier eigentlich?›» Nach einem harzigen Start vermochte sich Bühlmann schweizweit Respekt und Anerkennung zu verschaffen. 14 Jahre lang sollte sie in Bern politisieren, 12 davon als Fraktionspräsidentin.

Im luzernerischen Grossen Rat musste man hingegen den Verlust von drei Sitzen hinnehmen. Auch in den folgenden Wahljahren verlor man kontinuierlich an Boden. Besonders hart traf die Partei die Reduktion des Kantonsparlaments im Jahr 1999 von 170 auf 120 Sitze. Erst 2007 konnte der Sinkflug gestoppt werden.

Mit dem zunehmenden Erstarken der SVP hat sich die politische Tektonik seither entscheidend verschoben. Die Partei wird von der Offensive immer mehr in die Defensive gedrängt. «Es geht heute oftmals darum, Errungenschaften von damals zu verteidigen», sagt Renata Meile. Auch Nationalrat Louis Schelbert ist dies nicht entgangen. Dessen kürzlich verstorbener Zürcher Parteikollege Daniel Vischer habe die darin liegende Ironie treffend formuliert: «Dass ich als Linker zum Verteidiger des Rechtsstaates geworden bin, hätte ich mir auch nie träumen lassen», zitiert ihn Schelbert. Andererseits sei die Veränderung auch eine natürliche: Ist man mit exekutiven Aufgaben betraut, wie etwa im Luzerner Stadtrat, so beeinflusse dies auch den Blickwinkel und die Meinungsbildung einer Partei. Der aktuelle grüne Stadtrat Luzerns heisst Adrian Borgula (57). «Die persönliche Überzeugung und Grundausrichtung hat sich bei mir nicht verändert», stellt dieser fest. «In der Rolle als Stadtrat hat man allerdings eine andere Aufgabe. Man muss pragmatische und mehrheitsfähige Vorschläge ins Parlament tragen und die Ansprüche der gesamten Bevölkerung und der Umwelt im Auge behalten.» Es gelte dann auch auszuloten, welche Ideen, die auf jener persönlichen Überzeugung gründen, über die Parteigrenzen hinaus Zustimmung finden können.

Nun also feiert die Partei ihr 30-jähriges Bestehen. Dem Blick in die Vergangenheit muss auch jener in die Zukunft folgen. Wohin geht es für die Grünen im Kanton Luzern? «Unsere Kernthemen: Ökologie und der Kampf für eine liberale, offene und faire Gesellschaft, werden auch weiterhin unser Antrieb sein», sagt Kantonsrat Töngi. «Die Grünen werden nie den Charakter einer Mehrheitspartei haben – die Partei hat aber schon immer eine Vordenkerrolle eingenommen», fügt Renata Meile hinzu, die heute wieder an der Basis aktiv ist. Meile sieht in einer globalisierten Welt Potenzial, diese Vordenkerrolle neu zu definieren.

Hinweis

Während des Jubiläumsjahres finden diverse Anlässe statt. Die Jubiläumsfeier findet am 19. August statt. Mehr Infos: 30jahre.gruene-luzern.ch

«Unsere Ziele und Ideale sind immer noch die gleichen»

Der Luzerner Maurus Frey (34) ist seit Mai 2016 neben Katharina Meile Co-Präsident der Grünen ­Luzern. Er macht eine Standortbestimmung seiner Partei.

Maurus Frey, die Grünen Luzern feiern ihr 30-jähriges Bestehen. Wo steht die Partei heute?

Wir sind eine dynamische Partei geblieben und nehmen in vielen Fragen die Rolle der Vorreiter ein. Inzwischen haben wir kantonal als auch kommunal einiges mehr an Verantwortung übernommen. Das macht uns vielleicht etwas weniger frech, unsere Ziele und Ideale sind aber immer noch die gleichen.

Innerhalb der Partei kam es in den Jahren seit der Gründung zu mindestens einem «Generationenwechsel». Wie sieht es bei der Basis aus? Wer wählt heute grün?

Wählerinnen und Wähler, denen eine intakte Umwelt genau so wichtig ist wie faire und soziale Bedingungen, wählen konsequent grün. Die Grünen setzen sich für Themen wie etwa den Landschaftsschutz oder die Förderung von naturnaher Landwirtschaft ein, die auch ausserhalb von Stadt und Agglomeration wichtig sind und uns immer mehr Wähler auf dem Land bescheren.

Der Wähleranteil der Partei hat sich seit der Gründung nicht wesentlich gegen oben oder unten bewegt. Was sagt das über die Partei aus?

Das sagt aus, dass wir unseren Idealen treu geblieben sind und Politik jenseits von Angst und Schockzuständen betreiben. Für die kantonalen Parlamentswahlen mag eine Stagnation ja zutreffen. In den kommunalen Exekutiven haben wir jedoch mit profilierten grünen Persönlichkeiten zugelegt und stellen unter anderem mit Cyrill Wiget den ersten grünen Innerschweizer Gemeindepräsidenten. Wir möchten nicht aufgrund tragischer Umweltkatastrophen oder einzig zur oberflächlichen Beruhigung der Angst um unser Klima kurzfristige Erfolge erzielen, sondern als Vorreiter-Partei weiterhin gescheite Lösungen für die heutigen Herausforderungen bieten.

Selbst konservativste Kreise schreiben sich mittlerweile Umweltthemen auf die Fahne. Wo liegt darin die Herausforderung für die Grünen?

Wir Grünen setzen uns in letzter Konsequenz für Umweltthemen ein. Diesen Einsatz geben wir nicht schon beim ersten Gegenwind auf. Für uns ist eine intakte Umwelt, nicht wie für die bürgerlichen Parteien ein Supplement, das wir uns inzwischen leisten können, sondern Grundvoraussetzung für intakte Zukunftschancen.

Welche Themen müssen Luzerns Grüne in Zukunft aufnehmen?

Aktuell ist der Kanton Luzern aufgrund der finanziellen Situation in allen politischen Themenbereichen blockiert. Wir müssen uns von jeglichen Steuerideologien verabschieden und diese Blockade so schnell wie möglich gemeinsam mit allen Luzerner Parteien aufbrechen. Die Energiewende und neue klimaschonende Technologien bergen enorme Chancen für das lokale Gewerbe. Veränderungen wie die Digitalisierung nehmen wir ernst. Sie betreffen unsere sozialen Bedingungen genauso wie den Umgang mit der Umwelt. Dem stellen wir uns. (io)

30_Jahre_Grune (Bild: Grafik LZ)

30_Jahre_Grune (Bild: Grafik LZ)

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern. (Bild: pd)

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern. (Bild: pd)

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern. (Bild: pd)

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern. (Bild: pd)

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern.

Abstimmungsplakat der Grünen und ein Wahlkampfplakat von Renata Meile als Mitglied der Progressiven Organisationen (Poch). Aus diesen entsprangen 1987 die Grünen Luzern.

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