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Patienten bleiben nur kurz im Luzerner Bahnhof-OP

Wegen der Strategie «ambulant vor stationär» haben die Luzerner Spitäler in neue Infrastrukturen investiert. Der Blick in das Ambulatorium im Bahnhof zeigt: Patienten spazieren dort selber in den OP – und sind schon Stunden später wieder weg.
Yasmin Kunz
Eine Metallplatte wird aus dem Sprunggelenk von Jacqueline Senn entfernt: Im neuen Ambulatorium der Hirslanden Klinik St. Anna im Luzerner Bahnhof dauert der Eingriff inklusive Ruhezeit nur knapp vier Stunden. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Eine Metallplatte wird aus dem Sprunggelenk von Jacqueline Senn entfernt: Im neuen Ambulatorium der Hirslanden Klinik St. Anna im Luzerner Bahnhof dauert der Eingriff inklusive Ruhezeit nur knapp vier Stunden. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Jacqueline Senn (27) liegt auf dem Operationstisch. Sie ist intubiert, das Narkosemittel beginnt zu wirken. Langsam driftet sie in die Traumwelt ab. Während der Anästhesist die Vitalwerte überprüft, machen sich die Operationsassistentinnen an die Arbeit. Sie desinfizieren das Bein vom Fuss aufwärts zum Knie. Anschliessend entfernt der Orthopäde Daniel Krapf die vor wenigen Monaten eingefügte Platte am Sprunggelenk.

Währenddessen fahren vier Stockwerke tiefer die Züge ein und aus – wir befinden uns am Luzerner Bahnhof, wo die Hirslanden Klinik St. Anna vor rund einem Monat zwei Operationssäle in Betrieb genommen hat. Grund für das neue Angebot ist die Strategie «ambulant vor stationär.» Mit ihr wollen der Bund und die Kantone Gesundheitskosten sparen. Kniespiegelungen, Entfernungen von Implantaten oder Leistenbrüche: Das sind einige von 18 Eingriffen, die ein Spital seit Ende 2017 ambulant vornehmen muss.

Eine Metallplatte wird aus dem Sprunggelenk einer Patientin entfernt: Im neuen Ambulatorium der Hirslanden Klinik St. Anna im Luzerner Bahnhof dauert der Eingriff inklusive Ruhezeit nur knapp vier Stunden. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Eine Metallplatte wird aus dem Sprunggelenk einer Patientin entfernt: Im neuen Ambulatorium der Hirslanden Klinik St. Anna im Luzerner Bahnhof dauert der Eingriff inklusive Ruhezeit nur knapp vier Stunden. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Fünf Millionen Franken für zwei Operationssäle

Dies stellt die Spitäler vor Herausforderungen. Auch darum hat die Hirslanden Klinik St. Anna das ambulante Zentrum am Bahnhof eröffnet. Denn logistisch ist es für das Spital nicht sinnvoll, die ambulanten Eingriffe in den bereits existierenden Operationssälen im Spital durchzuführen. Unter anderem liegt dies daran, dass in einem Spital auch Notfälle eingeliefert werden, was die Planung von Operationen erschwert.

Auch das Luzerner Kantonsspital (Luks) trennt mit Blick auf die seit Jahren steigende Zahl ambulanter Patientenkontakte bewusst ambulante und stationäre Leistungen und Bereiche. Mitte Oktober 2017 wurde beispielsweise das Haus für ambulante Medizin am Luks Luzern, eine Tagesklinik mit zwei Operationssälen und neun Aufwachräumen, in Betrieb genommen – zugunsten einer effizienten Behandlung ambulanter Patientinnen und Patienten.

Anästhesiepfleger Stefan Flatz bereitet Patientin Jacqueline Senn auf den Eingriff vor. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Anästhesiepfleger Stefan Flatz bereitet Patientin Jacqueline Senn auf den Eingriff vor. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Das ambulante Modell ist für Spitäler finanziell weniger attraktiv als das stationäre. Doch es hat auch klare Vorteile: Ambulante Eingriffe sind planbar, von kurzer Dauer und meist relativ unkompliziert. Wenn man es richtig angeht, lässt sich damit ebenfalls Geld verdienen. Das weiss auch die Hirslanden Klinik St. Anna, die rund fünf Millionen Franken in die zwei Operationssäle im Luzerner Bahnhof investiert hat. Kliniksprecher Lukas Hadorn ist sich sicher: Diese Ausgabe wird sich angesichts der fortschreitenden Ambulatisierung im Gesundheitswesen auf lange Sicht auszahlen.

Patientenaufklärung gewinnt an Bedeutung

Zurück zu Jacqueline Senn, die noch tief schläft. Für sie sei ein ambulanter Eingriff ideal, hat sie uns vor der Narkose im Wartezimmer gesagt. «Ich komme um 14.45 Uhr und verlasse die Klinik gegen 19 Uhr wieder. Lieber schlafe ich zu Hause anstatt im Spitalbett.» Den Standort am Bahnhof findet sie optimal, «weil ich die Möglichkeit habe, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen.» Senn wurde heute allerdings zum OP-Termin chauffiert. Der Eingriff dauert ungefähr eine halbe Stunde. Die Patientin, selber eine Pflegefachfrau in der Hirslanden Klinik in Meggen, wird danach mit dem Bett in eine Koje geschoben, wo sie noch zwei Stunden ruht – so lange, bis das betäubende Medikament Propofol so weit abgebaut ist, dass sie eigenständig nach Hause kann.

Anästhesiepfleger Stefan Flatz sieht insbesondere in der Nachbetreuung eine Herausforderung: «Die Patienten müssen schneller Verantwortung übernehmen.» Vor der Einführung der Strategie «ambulant vor stationär» wäre Senn zur Überwachung möglicherweise eine Nacht im Spital geblieben. «Nun muss sie etwa selber entscheiden, ob und wann sie Schmerzmedikamente nimmt.» Daher, so Flatz, sei insbesondere eine gute Aufklärung vor und nach der Operation sehr wichtig.

Ambulatorium: Operationen straffer getaktet

Doch nicht nur die Aufklärung hat an Bedeutung gewonnen. Die Ambulatisierung stellt im Grunde ein altes Konzept auf den Kopf, wie Matthias Wissler sagt. Er leitet den Standort St. Anna im Bahnhof. «Es ist falsch zu denken, man könne den Operationssaal vom Spital eins zu eins in eine ambulante Umgebung überführen.» Die Abläufe bei ambulanten Operationen seien viel straffer getaktet. «Das bedeutet auch, dass jede und jeder überall mit anpacken muss. In einem Operationssaal im Spital sind die Zuständigkeiten klarer definiert.»

Das sei auch nötig, da gerade bei komplexeren Eingriffen mehr Personal im Operationssaal tätig seien als bei einem ambulanten Eingriff. Das oberste Ziel des Operationszentrums im Bahnhof sei es, die beiden Säle so frequentiert wie möglich zu bewirtschaften. Dies versuche man mit geringen Wechselzeiten, einem eingespielten Team und kurzen Wegen für die Patienten und das Personal zu erreichen.

Künftig werden wohl noch mehr Eingriffe ambulant vorgenommen

Bis dato werden oberhalb der Gleise des Luzerner Bahnhofs vor allem Augenoperationen durchgeführt. Nach und nach sollen aber weitere Eingriffe vorgenommen werden – so wie jener bei Jaqueline Senn. In rund einem Monat registrierte das Zentrum knapp 300 Eingriffe, Schmerztherapien inbegriffen. Für den Leiter Matthias Wissler ist aber klar: Alle Operationen der 18er Liste werden nicht ins Ambulatorium übersiedelt. «Es gibt Eingriffe wie etwa die Herzkatheteruntersuchung, die wir nach wie vor in der Klinik tätigen werden, weil wir eine Absicherung in Form der Intensivstation brauchen.» Vom ambulanten Eingriff abgesehen werde ausserdem auch, wenn der individuelle Zustand eines Patienten dies nahelege.

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt: Die Liste an ambulanten Eingriffen könnte in Zukunft noch wachsen. In den USA werden zum Beispiel auch Hüftprothesen ambulant eingesetzt. In der Schweiz bleiben solche Patientinnen und Patienten in der Regel bis zu einer Woche in stationärer Behandlung.

Jacqueline Senn nach der 30-minütigen Operation in der Aufwachkoje. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Jacqueline Senn nach der 30-minütigen Operation in der Aufwachkoje. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 18. Dezember 2018))

Mittlerweile ist die Patientin Jacqueline Senn aufgewacht. In guter Verfassung, aber noch etwas verträumt, blickt sie aus dem Fenster ihrer Koje und lässt die Weihnachtslichter von der Seebrücke auf sich wirken.

Aargauer Gericht hebt «ambulant vor stationär» auf

Seit Anfang 2018 müssen im Kanton Aargau 13 Behandlungen und Untersuchungen grundsätzlich ambulant durchgeführt werden. So hat es die Regierung in der Spitalverordnung festgeschrieben. Das Verwaltungsgericht hat diese Bestimmungen nun aufgehoben, weil sie von zwei Privatpersonen angefochten wurden. Damit existieren im Aargau keine kantonalen Vorschriften mehr zur Umsetzung des Grundsatzes «ambulant vor stationär». Das Departement für Gesundheit und Soziales zieht laut «Aargauer Zeitung» einen Weiterzug des Urteils ans Bundesgericht in Betracht. (nus)

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