PENSIONIERUNG: «Die Schule ist eigentlich erschreckend gleich geblieben»

43 Jahre war Susann Tafanalo mit Hingabe Primar­lehrerin, davon 42 im selben Schulhaus. Etwas hat ihr immer widerstrebt.

Hannes Bucher
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Susann Tafanalo in ihrem Schulzimmer im Schulhaus Moosmatt. (Bild Boris Bürgisser)

Susann Tafanalo in ihrem Schulzimmer im Schulhaus Moosmatt. (Bild Boris Bürgisser)

Noch drei Wochen, dann ist die lange Pädagogenkarriere von Susann Tafanalo zu Ende. Dann geht die 63-Jährige in Pension. Doch in ihrem Schulzimmer im Schulhaus Moosmatt ist von Aufbruchstimmung noch wenig auszumachen. An diesem Abend sitzt sie in ihrem Klassenzimmer – wie an unzähligen anderen Abenden auch während der letzten vier Jahrzehnte. «Es wird häufig sieben oder acht Uhr abends, bis ich von der Schule nach Hause komme.» Das Moosmattschulhaus ist nicht bloss Arbeitsstätte, sondern geradezu ihr schulisches Zuhause.

«Dieses Alter ist nicht mein Ding»

Ein einziges Jahr ihres Berufslebens hat sie nicht in diesem Schulhaus unterrichtet – es war das erste Jahr ihrer 43-jährigen Laufbahn. Damals, als sie das Menzinger Lehrerinnenseminar verliess, trat sie ihre erste Stelle im Würzenbach an. Kurz darauf wechselte sie ins Moosmatt und führte dort rund 20 Jahre lang die 3./4. Klasse. Seither unterrichtet sie die Grösseren, die 5./6.-Klässler. «Das ist meine Schulstufe», sagt sie. «Ich bewundere die Grundstufenlehrer für die wichtige Basisarbeit, die sie leisten, aber dieses Alter ist nicht mein Ding.» Sie schätzt den anspruchsvolleren Schulstoff und den anregenden, herausfordernden Dialog mit den zunehmend kritischeren Kindern. «Kein Kind ist gleich wie das andere. Jede Gruppe hat ihre eigene Dynamik. Das faszinierte mich immer wieder aufs Neue.»

Insgesamt 500 Schüler unterrichtet

Susann Tafanalo lehnt sich auf ihrem Stuhl etwas zurück. Nein, keineswegs aus Müdigkeit. Davon ist keine Spur auszumachen. Vielmehr sprüht sie geradewegs vor Energie, wenn sie über die Schule sinniert – einst und jetzt. So um die 500 Kinder haben bei ihr Elementares wie Lesen, Schreiben und Mathematik gelernt. Und vieles Weitere dazu, was es für das Leben braucht. Etwa spannende Themen aus dem Bereich «Mensch und Umwelt» – ja, dieses Fach habe sie, wie auch die Mathematik, besonders gern unterrichtet. «Eigentlich überhaupt alles», weil ihr Unterrichten, die Arbeit mit Kindern ganz einfach viel Freude machte und noch immer macht. Hat sie heute andere Kinder vor sich als «damals»? «Nein», sagt sie spontan, «sie haben im Grunde immer noch die gleichen Bedürfnisse: Sie suchen Vertrauen, Wertschätzung, Verlässlichkeit, einen Rahmen.» Natürlich seien heutige Schüler gewohnt, einfach Knöpfe zu drücken und darauf scheinbar ohne Anstrengung Instantlösungen zu bekommen. «Sie sind halt Kinder dieser Zeit.»

Schlittenrennen sind tabu

Diese Zeit hat auch anderes verändert: Rasante Holzschlittenfahrten von der Krienseregg hinunter, wie sie Susann Tafanalo früher noch mit Schülern spontan machte, das ginge auch nicht mehr. Nun – es sei auch damals schon «etwas verwegen» gewesen. «Ich habe zum Glück immer einen guten Schutzengel gehabt.» Heute verhindern die vielen Vorschriften und Vorsichtsmassnahmen solche Vorhaben. Das Klassenlager hingegen lässt sie sich auch heute nicht nehmen.

Ist die Schule anders geworden? Auf diese Frage gibt Tafanalo eine überraschende Antwort: «Eigentlich erschreckend gleich ist sie im Grundsätzlichen geblieben.» Es geht ihr bei dieser Aussage um das Verständnis von Schule in der Gesellschaft. Dies drücke sich in der Grundhaltung der Benotung aus. «Das Notenmachen hat mir immer am meisten Mühe bereitet. Das Messen der Kinder an der gleichen Norm, das widerstrebt mir.» Das sagt sie, die bei den Schülern als «strenge Lehrerin» gilt? «Ja, ich verlange grundsätzlich viel von einem Kind. Es soll sein Bestes geben.» Sie möchte diese Leistung aber individuell beurteilen. «Das Notendenken steckt noch so fest in den Köpfen, das ist fast nicht hinauszubringen.»

Lehrplan 21 ist «super»

Wer denkt, Susann Tafanalo tue sich als ältere Lehrerin vielleicht schwer mit dem Lehrplan 21, der irrt. «Super» findet sie vielmehr den Ansatz, dass nicht einfach Faktenwissen vermittelt werden soll, sondern Kompetenzen. Zu denken gibt ihr aber, dass die Offenheit, die angedacht ist, einmal mehr mit viel administrativer Kontrolle erschwert oder gar verhindert wird. Toll findet sie die Arbeit mit dem Tablet. Sie staune immer wieder, wie heutige Kids mit diesen neuen Medien umgehen. Aber auch, wie sie auftreten, präsentieren, einen Vortrag halten können. «Super».

Nein, sie fühlt sich keineswegs «alt» im jungen, zum grossen Teil weiblichen Lehrerteam. «Wir haben ein tolles Miteinander – die jungen Kolleginnen sind richtig ‹schatzig› zu mir.» Die jungen Leute kommen ihrer Meinung nach von der PH besser vorbereitet in die Volksschule, als sie es damals als Seminarabgängerin war. «Ihr Berufswunsch ist ausgereifter. Viele bringen auch schon anderweitige Lebenserfahrung mit.»

Letzte Frage: Was würde eine «Erziehungsdirektorin Susann Tafanalo» spontan verändern? Sie überlegt nicht lange: die Schule «entschleunigen», nur auf Wesentliches Wert legen. Die vielen Umfragen, Evaluationen, Rückmeldungen, Berichte zünftig reduzieren und auch die vielen «runden Tische», die so viel Zeit beanspruchen. «Das hat mir zusehends zugesetzt. Und es geht vielen andern auch so.» Was wird sie als Erstes tun in der neuen Lebensphase? «Einfach nichts. Ich habe mich ein Berufsleben lang in einem Rahmen bewegt. Jetzt will ich einmal frei sein. Zeit haben für die Familie. Die Freunde. Für mich.»

Hannes Bucher