PERLEN: Renergia wird ihren Dampf nicht los

Die Papierfabrik braucht von der Abfall- verbrennungsanlage weniger Energie als angenommen. Nun muss die Renergia mehr Strom als gewollt produzieren.

Simon Bordier
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Die Kehrichtverbrennungsanlage Renergia in Perlen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die Kehrichtverbrennungsanlage Renergia in Perlen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Simon Bordier

Die Kehrichtverbrennungsanlage Renergia Zentralschweiz in Perlen zählt zu den Musterschülerinnen in Sachen ökologischer Energiegewinnung: Sie kann rund 70 Prozent der Abwärme, die bei der Abfallverbrennung entsteht, wiederverwerten. Das ist im Vergleich mit anderen KVA ein Spitzenwert. Dieser konnte allerdings in der Testphase 2015 nicht erreicht werden. Denn die benachbarte Papierfabrik Perlen, die Hauptabnehmerin, benötigt zur Papiertrocknung weniger Dampfenergie als ursprünglich geplant: Statt der vorgesehenen 450 Gigawattstunden pro Jahr verbraucht sie nach Optimierungen im Produktionsprozess etwa 340 Gigawattstunden (Ausgabe vom 8. Januar). Zum Vergleich: 450 Gigawattstunden entsprechen dem jährlichen Energieverbrauch von rund 110 000 Haushalten, 320 Gigawattstunden jenem von etwa 83 000 Haushalten.

Dampfnutzung besonders effizient

Dass ein Teil der Abwärme nun einfach verpufft, ist gemäss Ruedi Kummer, Geschäftsleiter von Renergia, nicht zu befürchten. «Wir können unsere Anlage flexibel auf die wechselnde Nachfrage einstellen.» Statt den bei der Abfallverbrennung erzeugten Wasserdampf an die Papierfabrik weiterzuleiten, werde damit Strom produziert und ins öffentliche Netz eingespeist.

Die Abwärme der Renergia wird auf drei verschiedene Weisen verwendet: zur Stromerzeugung, als Prozessdampf für die Papierfabrik sowie für die Warmwasseraufbereitung des regionalen Fernwärmenetzes (siehe Grafik). Besonders effizient ist die Dampfnutzung durch die Papierfabrik und das Fernwärmenetz, weil in diesen Fällen die Dampfenergie nicht in eine andere Energieform umgewandelt werden muss. Auch Strom, der unter Hochdruck produziert wird, hat einen hohen Wirkungsgrad.

Wird nicht der gesamte Dampf abgezweigt, durchströmt dieser zusätzlich die Niederdruckstufe der Turbine und erzeugt so Strom. In diesem Fall steigt zwar die produzierte Strommenge, aber der Wirkungsgrad der gesamten Anlage sinkt unter 70 Prozent.

Ziel: Mehr Dampf als Strom

Angestrebt wird ein Verhältnis von 155 Gigawattstunden Strom zu 450 Gigawattstunden thermischer Energie. Ruedi Kummer ist überzeugt, dass man dieses Ziel in den nächsten Jahren erreichen werde. Die Papierfabrik habe in der Testphase 2015 zwar weniger Dampf bezogen als geplant. «Aber der Dampfbezug der Papierfabrik unterliegt Schwankungen; es wird sich erst in den kommenden Jahren weisen, wie hoch der Energiebedarf tatsächlich ist.» Zudem habe man mit den wachsenden Wärmenetzen im Rontal sowie in Luzern und Emmen weitere Möglichkeiten, um den Dampf zu verwenden. Man müsse die ersten Jahre in Vollbetrieb abwarten, um ein genaueres Bild zu zeichnen.

Wärme für Mall of Switzerland

Zuständig für den Bau des Wärmenetzes im Rontal ist die Fernwärme Luzern AG, ein Zusammenschluss von Energie Wasser Luzern (EWL), dem Abfallverband Real und betroffenen Gemeinden. Im letzten Herbst wurde der Ast Root des Netzes in Betrieb genommen, im kommenden Herbst soll der Ast Ebikon folgen. Die Fernwärme Luzern AG rechnet damit, dass bis 2018 jährlich rund 7 Gigawattstunden Wärmeenergie durch den Ast Root und 18 Gigawattstunden durch den Ast Ebikon fliessen werden. Auch Grossunternehmen wie der Lifthersteller Schindler und die Mall of Switzerland werden an das Netz angeschlossen. Das noch im Bau befindliche Einkaufszentrum wird dereinst teils Fernwärme aus Perlen beziehen, teils den Wärmebedarf selber decken, wie EWL-Sprecherin Nicole Reisinger erklärt: «Die Mall produziert selber Abwärme, deren Nutzung auf dem Areal durch die Fernwärme Luzern AG sichergestellt wird.» Die Abwärme reiche für den Bedarf des Areals allerdings nicht aus.

Die Fernwärme Luzern AG will auch die Wärmekapazitäten nutzen, welche die Papierfabrik nicht benötigt. Geplant ist eine rund 10 Kilometer lange Wärmeleitung von Perlen nach Emmen, über die ab der Heizperiode 2018/19 das bereits bestehende Fernwärmenetz Emmen Luzern versorgt werden soll (Ausgabe vom 20. Januar). Rund 40 der insgesamt 60 prognostizierten Gigawattstunden soll dieses Netz dann aus Perlen beziehen.

Bild: Grafik Oliver Marx

Bild: Grafik Oliver Marx