PERSÖNLICH: Robert Knobel: «Wenn es spannend wird, schicke ich meistens meine Leute hin»

Robert Knobel (38) ist 2004 als Berufsmusiker in den Journalismus eingestiegen. Der 38-Jährige aus dem Kanton Schwyz ist längst ein Luzerner geworden – und leitet seit zwei Jahren das Ressort Stadt/Region.

Roger Rüegger
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Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 16. 12. 16))

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 16. 12. 16))

Robert Knobel, Sie studierten sechs Jahre klassische Musik, ersetzten aber mit 26 Ihr Fagott durch den Notizblock. War Ihr Studium für die Katz?

Nein, war es nicht. Die beiden Berufe sind nicht so unähnlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Beides sind kreative ­Tätigkeiten. Eine Art künstlerischer Anspruch ist mir beim Schreiben wichtig. Ein guter Text ist nicht bloss eine Wiedergabe von Informationen. Er soll angenehm zu lesen sein, überraschend, gleichzeitig aber mit kritischem Geist zum Nachdenken anregen. Genau dies will die Kunst im Prinzip auch.

Gibt es weitere Kompetenzen aus dem Musikerberuf, die Sie heute nutzen können?

Ich war für Konzerte und Orchester-Vorspiele in ganz Europa unterwegs. Das hat meinen Horizont erweitert. Im Journalismus muss man im Tagesgeschäft ständig Entscheidungen treffen und in turbulenten Situationen die Übersicht und kühlen Kopf bewahren. Da hilft mir meine Bühnenerfahrung, wo man genau solche Fähigkeiten trainiert.

Wieso schreiben Sie eigentlich nicht fürs Kulturressort?

Während einiger Jahren schrieb ich tatsächlich Konzertberichte. Doch das Fachwissen hat nicht nur Vorteile. Ich hatte oft den Eindruck, ich sei zu nah am Ganzen dran, um objektiv zu bleiben. Ich fragte mich auch, für wen ich eigentlich schreibe. Für Musiker? Für Konzertbesucher – oder für diejenigen, die das Konzert verpasst haben? Für Musikexperten oder für «gewöhnliche» Leser?

Zu welchem Schluss gelangten Sie?

Dass es eigentlich paradox ist, einen Bericht über ein Konzert zu schreiben, das die meisten Leser gar nicht selber gehört haben. Es ist, wie wenn man einen ­Artikel zu einer Kunstausstellung schreibt, ohne ein Bild dazuzustellen.

Deshalb wechselten Sie von der Kultur ins Ressort Stadt?

Mein Einstieg in den Journalismus begann als Praktikant 2004 in diesem Ressort. Ich wohnte damals noch im Kanton Schwyz, zog aber bald in die Stadt Luzern. Ich merkte, dass mir das urbane Leben liegt. Ich trieb mich ja als Musiker meist in Städten herum.

Sie gehen mit kühlem Kopf auch heisse Themen in der Stadt an. Kommt das davon, dass Sie von aussen kommen?

Vermutlich schon. Ich habe keine Berührungsängste, wenn es darum geht, Politiker oder Behörden auf Missstände anzusprechen und Themen kritisch zu hinterfragen. Diese Eigenschaften vermisse ich bei den «Urluzernern» manchmal etwas.

Wie meinen Sie das?

Es gibt eine gewisse Obrigkeitsgläubigkeit der Luzerner, die von den Behörden selber auch befeuert wird. Sie finden, das «Volk» solle ihnen doch einfach vertrauen und nicht zu viele Fragen stellen. Sie würden es ja schon gut machen. Das zeigt sich exemplarisch bei der Debatte um das Öffentlichkeitsprinzip. Ich habe null Verständnis dafür, dass man sich derart schwertut damit. Transparenz müsste doch heute selbstverständlich sein. Doch in diesem Denken sind uns die meisten Kantone meilenweit voraus.

Wenn Sie mit kritischen Artikeln aufwarten, bleiben wohl auch Reaktionen nicht aus. Wie gehen Sie damit um?

Wir dürfen hart und kritisch sein, müssen Kritik aber zu 100 Prozent belegen können. Wenn mir jemand vorwirft, mein Artikel sei tendenziös und unausgewogen – und ich müsste ihm Recht geben, dann wären wir als Zeitung nicht mehr glaubwürdig. Wichtig ist, fair und ausgewogen zu bleiben und das ganze Meinungsspektrum abzubilden. Wobei wir es nie allen recht machen können.

Das heisst, dass von allen Seiten Reaktionen kommen?

Die Linken werfen uns häufig vor, wir seien rechtslastig – und für die Rechten ist klar, dass wir eine linke Zeitung sind. Das ist ein Indiz dafür, dass wir unseren Anspruch, Objektivität vor Partikularinteressen zu stellen, auch einlösen können – und dass wir im Grossen Ganzen richtig liegen.

Als Ressortleiter treten Sie auffällig oft als Autor in Erscheinung. Warum überlassen Sie das Schreiben nicht Ihren Mitarbeitern?

Ich bin nicht der Verwalter eines Ressorts. Es ist mir wichtig, selber aktiv zu bleiben. Ich schreibe auch gerne. Allerdings kann ich nicht alle Geschichten selber machen, die ich gerne würde. Aufwendige Reportagen etwa liegen für mich nicht mehr drin. Dafür konzentriere ich mich auf die komplexen Geschichten, Analysen und Kommentare.

Also gibt es für Sie wenig prickelnde Erlebnisse?

Tja, wenn es spannend wird, schicke ich meistens meine Leute hin.

In zwölf Jahren gab es aber schon heisse Momente?

Mehrere. Zum Beispiel ein Porträt eines Schlangenzüchters. Fürs Foto nahm er eine schwarze Kobra auf den Arm. Er wies mich an, die Schlange abzulenken, damit sie ihn nicht beisst ...

Giftige Story. Welche prekäre Geschichte gabs noch?

Den 1. August 2007 auf dem ­Rütli vergesse ich nicht. An diesem Tag explodierte die sogenannte Rütli-Bombe auf der Wiese. Ich stand zwei Meter daneben, als sie hochging. Auf dem Heimweg wurde ich von einem Rechtsradikalen tätlich angegriffen, als ich dabei war, meinen Artikel in den Laptop zu tippen. Wenig später rief auch noch der Chefredaktor an. Er wollte wissen, was Bundesrätin Calmy-Rey bei ihrer Rede genau gesagt hatte. Dummerweise hatte ich während der Rede überhaupt nicht aufgepasst und konnte ihm die Frage nicht beantworten. Kommt hinzu, dass der Heimweg wegen der vielen Sicherheitsvorkehrungen extrem umständlich war.

Haben Sie es noch rechtzeitig geschafft?

Das schon. Als ich mit grosser Verspätung endlich auf der ­Redaktion eintraf, musste ich mir von der Newsdesk-Leiterin erst einmal alle Schande anhören, weil mein Text noch nicht fertig war. Danach war für mich klar. Nie mehr am 1. August aufs Rütli!

Daran haben Sie sich gehalten. Nochmals zur Musik: Spielen Sie noch ab und zu?

Konzerte mache ich keine mehr. Dank den Kindern, die beide sehr aktiv Musik machen, bleibe ich aber etwas in Übung.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch