PERSÖNLICH: Ueli Kaltenrieder: «Ich weiss, wie die Leser denken und fühlen»

Als Leiter Lesermarkt pflegt Ueli Kaltenrieder den Kontakt zur Leserschaft und zu den Medienpartnern wohl wie kein Zweiter. Er begleitete die Leser selbst in seinen Ferien bis ans Ende der Welt. Der 65-Jährige geht Ende Mai in Pension.

Roger Rüegger
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Ueli Kaltenrieder (65), Leiter Lesermarkt bei unserer Zeitung. (Bild: Roger Grütter (26. Mai 2017))

Ueli Kaltenrieder (65), Leiter Lesermarkt bei unserer Zeitung. (Bild: Roger Grütter (26. Mai 2017))

Ueli Kaltenrieder, die Frage nach der Befindlichkeit stelle ich sonst nie zum Einstieg. Bei Ihnen mache ich eine Ausnahme. Wie fühlen Sie sich so kurz vor der Pensionierung?

Eigentlich sehr gut. Ich trage den Pendenzenberg ab, aber das Tagesgeschäft läuft immer noch, und täglich kommt Neues dazu. Ich bin noch nicht so weit, dass ich schon abgeschlossen habe.

Werden Sie überhaupt abschliessen können?

Ich denke auch für die Zeitung, wenn ich nicht mehr dabei bin. Ich bin seit 30 Jahren mit Herzblut in dem Unter­nehmen. So habe ich in den Anfängen der «Zen­tralschweiz am ­Sonntag» einigen Abonnenten ihre Zeitung persönlich vorbeigebracht, wenn diese nicht im Briefkasten lag. Ich machte Dinge, die andere vielleicht nicht getan hätten, aber ich tat dies gerne. Diese Haltung hat mich geprägt und intensiv mit der Zeitung verbunden.

Was taten Sie sonst noch, was andere nicht tun würden?

Generell bin ich bereit, wenn irgendwo Hilfe nötig ist. So bin ich früher auch nachts in die Druckerei nach Adligenswil gefahren, wenn etwas nicht funktioniert hatte. Ich war ja verantwortlich für den Vertrieb und die Logistik. Also machte ich mir an Ort und Stelle ein Bild von der Situation und traf die nötigen Entscheide.

Warum tun Sie das?

Weil mich der Ablauf der Zeitung interessiert. Wenn man bei der Produktion an der Basis mit Leuten den Kontakt pflegt, weiss man, wie die Geschichte funktioniert. Dann kann ich den Lesern die Probleme erklären, warum sie ihre Zeitung nicht erhalten haben. Bei den LNN habe ich eine Woche lang die Zeitungen frühmorgens ausgetragen. Mir wurde um 3.30 Uhr die schlimmste Tour in der Stadt zugeteilt. 300 Exemplare musste ich in die Briefkästen stecken. Um 8.30 Uhr war ich immer noch am Verteilen und völlig fertig. Nun weiss ich, was die Zeitungsboten leisten. Gigantisch. Grosser Respekt.

Sie sind nahe bei den Leuten. Sie haben in Ihren Ferien unsere Leser auf Leserreisen in alle Ecken der Welt begleitet. Abschalten und sich vom Arbeitsalltag lösen konnten Sie sich doch so nicht?

Ah, das ist kein Problem. Ich kann solche Ferien geniessen. Ich habe sehr viele Kontakte geknüpft, und es haben sich auch Freundschaften gebildet. Davon profitiere ich auch beruflich, weil ich weiss, wie die Leser denken und fühlen. Ich bin auf diesen Reisen für alle da, plane jedoch meine Stunden ein, in denen ich mich zurückziehen kann. Ich bin nach meinen Ferien immer erholt.

Sie sind bei unserer Zeitung Leiter Lesermarkt. Was bedeutet das?

Meine Arbeit ist vielschichtig und hat sich mit dem Wandel der ­Medien, insbesondere der Onlinemedien, verändert. Unsere Abonnenten und Leser stehen im Mittelpunkt. Was können wir machen, damit diese mit unserer Zeitung und unserer Leistung zufrieden sind, wie können wir neue Leser gewinnen? Deshalb gehören Marketing, Verkauf, ­Logistik und Transport zu meinen Aufgabengebieten.

Und wie wollen Sie die Freizeit, die Ihnen bald zur Verfügung steht, bewältigen?

Wenn ich nichts zu tun hätte, wäre es schlimm. Aber ich habe Beschäftigung. Ich besuche Kurse für Soziologie und Politik an der Senioren-Uni, gehe gerne ins Theater oder an Konzerte, und ich arbeite viel in meinem Garten. Das ist ein Riesen-Hobby von mir. Ich pflanze alles selber. Palmen, Olivenbäume, Feigenbäume und Lavendel. Und ich bin ein Sammler. Mein Interesse gilt Bildern, Comics, Kuhglocken und Pétanque-Kugeln. Meine Wohnung ist ein Museum.

Pétanque spielen Sie auch?

Am Quai begegnet man mir ab und zu beim Spielen, natürlich.

Sie haben drei Jahre in Nigeria gelebt. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Die Kultur und die Geschichte des Kontinents haben mich angezogen. In der Sonntagschule in Kerzers erzählte die Lehrerin von den armen Leuten, die wenig zu essen hatten. Ich stellte mir diese Szenen bildlich vor und dachte: Da will ich mal hin. Nach meinem Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Verwaltung in Bern bewarb ich mich auf eine Stelle in Lagos, die eine Basler Handelsgesellschaft ausgeschrieben hatte. Während spannender dreier Jahre habe ich die Mentalität kennen gelernt, es ist eine ganz andere Welt.

Dann kamen Sie nach Luzern?

Ja, ich arbeitete bei Jelmoli in Zürich, entschied mich aber für Luzern als Wohnort. Meine Gotte und mein Götti und andere Bekannte wohnten damals hier. Bald wechselte ich auch meinen Arbeitsort. Ich war beim Aufbau des Löwencenters beteiligt, dort kam ich auch zur Zeitung. Die LNN waren damals dort eingemietet.

Wie erlebten Sie den Wechsel vom Centerleiter zum Zeitungs­angestellten?

Es war eine neue Welt. Ich musste lernen, wie die Zentralschweizer ticken. Wir hatten ja drei Zeitungen auf dem Platz, die alle parteipolitisch und konfessionell geprägt waren. Parteicouleur gab’s auch in vielen Beizen.

Die Zeitungslandschaft haben Sie in den goldigen Zeiten erlebt. Was ging da vor sich?

Es herrschte in 18 von 30 Jahren bei den Medien beinahe Goldgräberstimmung. Bei den LNN gab es jeweils am Freitag einen separaten Bund nur mit Stellen. Oft mussten wir sogar Inserate abweisen, weil wir keinen Platz in der Zeitung hatten.

Mit dem Medienwandel hat sich dies geändert. Wie sind Sie dem entgegengetreten?

In der neuen Welt im Digitalzeitalter musste ich schauen, dass ich mitreden und mitbestimmen kann und den Anschluss nicht verliere. Meine Philosophie war immer, junge Leute einzustellen, die damit aufgewachsen sind. Ich denke, ich konnte von ihrem Know-how profitieren wie sie von meiner Erfahrung.

Ihren Dialekt aus Kerzers haben Sie aber bis heute behalten. Bewusst?

Ja, den habe ich behalten. Bewusst unbewusst.

Sie haben lernen müssen, wie die Zentralschweizer ticken. Wie sind Sie diese Herausforderung angegangen?

Ich ging oft zu Versteigerungen von Bauernhöfen. Dort lernt man viel über die Leute. Und ich ging regelmässig mit dem Velo auf Tour ins Hinterland. Bei der Verpflegung in Beizen lernte ich viele Leute kennen.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie das Medienhaus im Maihof verlassen?

Mein Team, meine Vorgesetzten und das Unternehmen werde ich vermissen. Es ist schön, mit ihnen zu arbeiten. Wir kennen einander alle sehr gut und pflegen auch privat Kontakt. Wir kennen voneinander die Freuden wie auch die Sorgen. Auf einen Kaffee mit ihnen und meiner Nachfolgerin Bettina Schibli komme ich vermutlich schon ab und zu vorbei.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch