Pfarrei-Initiative spaltet die katholische Kirche

Homosexuelle und Gläubige anderer Konfessionen feiern die Eucharistie, Laien predigen, segnen Kranke und versöhnen. Was in den katholischen Kirchen in der Schweiz oft gelebte Praxis ist, widerspricht den Vorstellungen Roms.

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Die fehlende Anpassung der römisch-katholischen Kirche an die Moderne ruft die Kritiker auf den Plan (Symbolbild Neue LZ).

Die fehlende Anpassung der römisch-katholischen Kirche an die Moderne ruft die Kritiker auf den Plan (Symbolbild Neue LZ).

Auch fünfzig Jahre nachdem Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil ausgerufen hat, herrscht Uneinigkeit über dessen Umsetzung. Die mittlerweile von 300 Seelsorgenden unterschriebene Pfarrei-Initiative unter Federführung des Surseer Diakons Markus Heil hat in ein katholisches Wespennest gestochen.

Die Initiative pocht auf Reformen, macht darauf aufmerksam, dass die Realität im Kirchenalltag längst nicht mehr dem entspricht, was die Kirchenleitung vorschreibt. Doch die Bischöfe von St. Gallen, Chur und Basel kritisieren das Vorpreschen der Seelsorgenden scharf, interpretieren die Initiative als «Aufruf zum Ungehorsam» sowie als «falschen Weg».

Zwar werden die beiden Seiten im Laufe des Novembers zusammenkommen, um das Gespräch zu suchen, doch die Fronten sind verhärtet. Laut Giuseppe Gracia, dem Medienbeauftragten im Bistum Chur, handeln die Initianten nicht nach römisch-katholischen Richtlinien, die für die weltweite Einheit entscheidend sind. «Deswegen riskiert man eine Spaltung, wenn man vor Ort einfach einen Extrazug fahren will», sagte Gracia im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Es gehe nicht, wenn einzelne Exponenten versuchten, selber zu definieren, was katholisch sei und was nicht. Damit handelten sie klar gegen das Lehramt, sagte Gracia. «Man macht nichts ohne die Bischöfe oder sogar gegen den Papst.» Die Initianten ihrerseits entgegnen, sie stellten keine Forderungen, sondern formulierten nur die Praxis in ihrem Alltag.

Markus Heil, Mitglied in der Kerngruppe der Pfarrei-Initiative, widerspricht: «Die Gegenwart in den Pfarreien entspricht nicht mehr den Lehraussagen Roms.» Die Kirchenleitung werde sich dieser Vielfalt früher oder später stellen müssen. Heil hält eine Spaltung indes für abwegig.

Widerstand nicht überraschend

Den Widerstand unter den Gläubigen überrascht Jörg Stolz überhaupt nicht. Laut dem Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Lausanne haben viele Katholiken das Gefühl, schlecht von oben vertreten zu sein. «Darum formulieren sie extreme Vorwürfe gegenüber dem Papst, Rom und kritisieren die ihrer Meinung nach zu restriktiven, überholten Moralvorstellungen der katholischen Kirche», sagte der Professor.

Ende 2010 waren knapp vierzig Prozent der Wohnbevölkerung in der Schweiz katholisch. Obwohl Kirchenaustritte in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen dominierten, hat die katholische Kirche in der Schweiz an Mitgliedern gewonnen - dank der Zuwanderung.

Doch die fehlende Anpassung der römisch-katholischen Kirche an die Moderne ruft die Kritiker auf den Plan. Es ist fünfzig Jahre her, seit der Papst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Liturgie erneuert hat und die Ökumene ihren Anfang nahm. Von der Aufbruchstimmung von damals ist heute wenig übrig geblieben.

Die Bischöfe ihrerseits begegnen diesen Vorwürfen mit ablehnender Haltung. In einem Info-Mail für die Mitarbeitenden des Bistums Chur, das der sda vorliegt, schreibt der Oberhirte Vitus Huonder, dass sich die Kirche nie daran gemessen habe, «wie gut ihre Glaubensaussagen im Wechsel der Zeiten ankommen». Sie müssten nur der offenbarten Wahrheit entsprechen.

Nicht einfach, die Balance zu finden

Wie Bischof Charles Morerot diese Woche im Morgenjournal des Westschweizer Radios RTS sagte, sei ihm inzwischen bewusst, dass es nicht einfach sei, die richtige Balance zu finden in der aktuellen Kontroverse in der katholischen Welt. Der Leiter der Diözese von Lausanne, Genf und Freiburg erklärte, dass «die katholische Kirche keine Institution von rascher Entwicklung» sei. Selbst im Vatikan mache man sich darüber nicht ohne Grund Sorgen.

Klar erkennbarer Röstigraben

Im Gegensatz zur Deutschschweiz stösst die Pfarrei-Initiative in der Romandie bisher auf wenig Resonanz. «Wir haben noch keine Unterschriften aus der romanischen Schweiz», sagte Markus Heil. Sie seien durchaus gespannt, inwieweit die in der Initiative beschriebene Wirklichkeit auch dort zutreffe. «Wir haben bisher noch keine französische Übersetzung der Thesen publiziert.»

Laut Gracia bestätigt der erkennbare Röstigraben in diesem Konflikt den falschen Weg, den die Initianten gehen. So würden diese behaupten, dass die Leute eine Kirche mit anderer Moral wollen. «Dabei will man im deutschsprachigen Raum allgemein eine andere Kirche nach reformiertem Vorbild.» Es gehe nicht um Moral, sondern um einen anderen Glauben in wesentlichen Fragen wie Ehe oder Sakramente, sagte Gracia.

Inspiriert wurde die Pfarrei-Initiative Schweiz von der Pfarrer- Initiative in Österreich (»Aufruf zum Ungehorsam»). Diese ist seit über einem Jahr Teil der öffentlichen kirchlichen Diskussion. Mittlerweile wurde diese Initiative von über 400 Pfarrern unterzeichnet. Sie fordert zum Beispiel die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe und die Aufhebung des Pflichtzölibats.

Die Anliegen der österreichischen Pfarrer-Initiative sind in mehreren anderen Ländern aufgenommen worden, unter anderem in Deutschland, Frankreich, Belgien oder Irland.

Sebastian Gänger, sda

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