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Pfarrer Rafal Lupa zur Krankensalbung: «Manchmal habe ich selbst Tränen in den Augen»

Der Pfarrer Rafal Lupa spendet das Sakrament der Krankensalbung – eine Gratwanderung zwischen Ratlosigkeit und festem Glauben.
Simon Mathis
Pfarrer Rafal Lupa in der Pauluskriche Luzern. (Foto: Boris Bürgisser, Luzern, 25. Oktober 2019)

Pfarrer Rafal Lupa in der Pauluskriche Luzern. (Foto: Boris Bürgisser, Luzern, 25. Oktober 2019)

Die Glasmalereien tauchen den Raum in ein gedämpftes, grünes Licht, wie Baumstämme wachsen die verzierten Säulen in die Höhe. «Es ist kein Zufall, dass die Kirche St. Paul auch Waldkirche genannt wird», sagt Pfarrer Rafal Lupa. Seine Stimme ist bedächtig und ruhig. Der Wald als Inbegriff des Lebendigen passt auf den ersten Blick nicht so recht zum Thema, über das ich mit Lupa reden will. Denn im Hinblick auf Allerheiligen und Allerseelen besuche ich den Seelsorger im Obergrund-Quartier, um mit ihm über die sogenannte «Krankensalbung» zu sprechen – eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche.

Für das Gespräch spazieren wir ins nahe gelegene Pfarrhaus. In Lupas Büro ist es wesentlich heller. Der Pfarrer ist nachdenklich, hat aber auch seine verschmitzten Momente. Wie ernst er das Thema Tod gleichwohl nimmt, zeigt sich darin, dass auf einige meiner Fragen ein langes, intensives Schweigen folgt. Lupas Antworten sind wohl überlegt.

Was ist Sinn und Zweck der Krankensalbung?

Im Neuen Testament im Jakobusbrief steht: «Ist einer von euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihm im Namen des Herrn in Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten.» Die Krankensalbung ist also eigentlich kein Sterbesakrament. Das verstehen viele falsch.

Inwiefern?

Wenn ich im Spital einem Kranken die Kommunion gebe und ihn frage, ob er die Krankensalbung empfangen will, bekomme ich oft die Antwort: «Bloss nicht, Herr Pfarrer, ich möchte noch nicht sterben!» Als wäre das Sakrament eine Vorbereitung auf den Tod. So ist es aber gerade nicht. Denn es soll die Schwachen und Kranken stärken.

Funktioniert das denn?

Ja. Allein die Tatsache, dass ich den Menschen die Hand auflege, hat eine spürbare Wirkung. Gläubige, die die Krankensalbung wollen, sind zum Teil sehr einsam, erhielten schon seit Jahren keinen Zuspruch mehr. Und dann ist da plötzlich diese Berührung und die Ermutigung: «Der Herr richte dich auf!» Vom Tod ist da keine Rede, überhaupt nicht. Trotzdem gibt es diese seltsame Vorstellung, dass man den Pfarrer ja nicht zu früh nach Hause bestellen sollte. Als wäre es nach der Krankensalbung aus und vorbei.

Die Krankensalbung ist also nicht nur für Menschen, die im Sterben liegen?

Sie ist für alle, die unter einer schweren körperlichen oder seelischen Krankheit leiden. Diese muss nicht unbedingt lebensbedrohlich sein. Auch die Stärkung von Altersschwachen gehört dazu. Vor wichtigen Operationen wird die Krankensalbung ebenfalls gerne in Anspruch genommen.

Wie läuft so eine Krankensalbung konkret ab?

Ich spreche Gebete und zeichne mit dem Krankenöl ein Kreuz auf die Stirn und die Hände. Dabei spreche ich die Worte: «Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen. Er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes.»

Woher kommt das schiefe Bild, das sich viele von diesem Sakrament machen?

Früher wurde die Krankensalbung auch «Letzte Ölung» genannt, was eine falsche Vorstellung weckt. Der Name kommt vermutlich von früher, als der Pfarrer noch lange Wege zum Kranken zurücklegen musste. So lange, dass der Kranke bei der Ankunft dann tatsächlich im Sterben lag. Nach der Ölung ist er dann oft gestorben. Daher die Assoziation mit dem Tod. Noch heute muss ich Gläubigen erläutern, dass es nicht mehr «Letzte Ölung» heisst.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ein junger Mann bat einmal telefonisch um die «Letzte Ölung» für seine Mutter. Da versuchte ich, ihm zu erklären, dass es heute «Krankensalbung» heisst. Vergeblich: Er beharrte auf der alten Bezeichnung. Also gab ich nach. Als ich dann bei ihr im Spital ankam, fragte er, ob ich die Letzte Ölung unter Narkose durchführen könne. Da musste ich lachen. Denn es zeigte exemplarisch, was für einen Ruf die Krankensalbung hat.

Entsprechend wird sie sehr häufig erst im Angesicht des Todes verlangt. Was fühlen Sie persönlich in solchen Momenten des bevorstehenden Abschieds?

(Lange, nachdenkliche Pause.) Manchmal bin ich sehr betroffen, manchmal habe ich selbst Tränen in den Augen. Ich spüre nicht nur die Ratlosigkeit des Kranken und der Angehörigen, sondern auch meine eigene. Ich spüre die Frage: «Wieso?» Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Das Wichtigste ist, dass ich in diesem schwierigen Moment einfach da bin und zuhöre.

Auch den Angehörigen?

Genau. Die kranke Person steht zwar im Mittelpunkt, aber ich bin in diesem Moment für alle da. Ich lade immer die ganze Familie ein, mitzubeten. Das gemeinsame Gebet und die Feier schenken dem Kranken unglaubliche Kraft und Zuversicht. Es zeigt ihm: «Ich bin nicht allein.» Die Kranken und Angehörigen bleiben übrigens auch nach dem Sakrament in meinen Gedanken und meinem Herzen. Ich bete weiter für sie. Und ich sage ihnen, dass ich jederzeit für sie da bin. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Seelsorge; die Sorge um die Seele.

Lässt Sie der Tod am Glauben zweifeln?

Ein Körnchen Unsicherheit gehört zum Glauben dazu. Wir Menschen wollen immer Beweise. Was wir nicht wissenschaftlich belegen können, macht uns Angst. Das erinnert mich an meine Grossmutter. Ich sprach einmal mit ihr, als sie beinahe hundert Jahre alt war. «Du hast schon so viel erlebt», sagte ich. «Bist du noch nicht lebenssatt?» Sie antwortete: «Nein, ich würde gerne noch 20, 30 Jahre leben.» Ich fragte, weshalb. «Was ich hier habe, weiss ich. Was dort auf der anderen Seite auf mich wartet, das ist mir so unsicher», sagte sie. Meine Grossmutter war eine fromme Frau. Sie glaubte fest an die Auferstehung. Trotz dieser Zuversicht war sie in diesem Punkt unsicher. Wir alle haben nur eine Vorahnung von dem, was kommt.

Zur Person
Rafal Lupa (46) ist in Polen geboren. Er schloss das Theologiestudium in Tarnow ab, 1999 wurde er dort zum Priester geweiht. In Innsbruck doktorierte er im Fach Dogmatik. Seit zwei Jahren ist er Pfarrer der Pfarrei St. Paul.

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