Es ist ein Ros entsprungen: Pfarrerin Cristina Policante über das Rätsel von Weihnachten

Cristina Policante ist Pfarrerin in der Luzerner Matthäuskirche.

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Pfarrerin Cristina Policante in der Luzerner Matthäuskirche.

Pfarrerin Cristina Policante in der Luzerner Matthäuskirche.

Bild: Dominik Wunderli (17.12.2019)

Wie wäre es anlässlich dieses fröhlichen Festes mit einem kleinen Weihnachtsrätsel: «Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.» Was ist das?

Das «Rätsel» stammt aus einem bekannten Weihnachtslied. Die erste Strophe erinnert an jene alten Bilder- oder Reimrätsel, in denen in schönen Worten etwas umschrieben wird, ohne die tatsächliche Bedeutung klar zu benennen. Der vorliegende Text stellt uns einen alten Wurzelstock mitten im Schnee vor, an dem ein Ros oder ein Reis – sprich ein Reisig, ein Zweig, eine Pflanze – wächst. Daran gedeiht eine Blumenknospe. Diese drei, die Wurzel, die Pflanze und die Blume nehmen im Weihnachtslied die Hauptrollen ein – Hauptrollen, die sonst Engel, Hirten, Krippe und der kleine Jesus einnehmen. Wofür stehen sie also?

Maria, Jesus und Davids Königsdynastie

Wer nicht lange raten möchte, schaue sich die zweite Strophe des Liedes an: «Das Röslein, das ich meine (…), ist Maria, die reine, die uns das Blümlein bracht.» Wenn der Rosenstock für Maria steht, dann ist das Blümlein das Jesuskind. Die zarte, wertvolle Wurzel, die auch noch vorkommt, die von Jesses Art, das sind König David und noch weiter zurück, sein Vater, der alte Isai, eben der alte Jesse. Die Königsdynastie von Davids Familie war zwar auch damals schon lange untergegangen, aber seither «sungen die Alten» davon, dass ein Nachfahre von König David gross und mächtig werden würde, dass aus diesem Stamm der Messias, der Erlöser kommen werde. Die Alten sind die Propheten, in erster Linie Jesaja. Der hat berufsgemäss wohl auch des Öfteren in Rätseln gesprochen. Seine Worte und Rätsel gehörten für die Menschen zu Jesu Zeiten zum Grundwissen.

Neuer Anfang, neues Leben

Zu unserem Grundwissen gehört die Weihnachtsgeschichte, die davon erzählt wie ein Zimmermann namens Josef wegen der Volkszählung nach Bethlehem reiste, die Stadt seiner Vorfahren. Zu diesen gehörte vor langer Zeit auch König David. Auf die Reise nahm er seine Verlobte Maria und mit ihr ein ungeborenes Kind mit. Die Weihnachtsgeschichte erzählt in diesem Moment also auch, wie die Prophezeiung von Jesaja erfüllt wird.

Eine Faustregel für das Pflegen von Rosenstauden besagt: «Je stärker man eine Rose schneidet, desto kräftiger ist der Neuaustrieb.» Es ist ein schönes Bild, wie aus alten, zurückgeschnittenen Stauden noch im gleichen Jahr die ersten frischen Triebe wachsen. Wurzel, Stock und Rosenknospen: gar nicht so einfach tot zu kriegen. Ein neuer Anfang, neues Leben.

Christinnen und Christen verstehen das Lied so, dass die Blume den kleinen Jesus meint. Wir haben die Prophezeiung von Jesaja immer so verstanden, dass der angekündigte Erlöser ebenfalls Jesus meint, den Messias, den Sohn Gottes, der auf die Erde kommt. Die menschliche Geburt von Gott ist das noch schwierigere Rätsel, und es wird in diesem Fall nicht in einer nächsten Strophe aufgelöst. Generationen haben sich darüber den Kopf zerbrochen. Wir müssen – oder auch: Wir können darauf vertrauen, dass Gott das zu Stande bringt, gleichzeitig als Mensch in einer Krippe zu liegen und ganz Gott zu sein. Und so können wir uns diesem Bild anvertrauen: Der kleine Jesus wächst wie eine Rose, die mitten im kalten Winter blüht, und bringt Licht in unsere Welt. Denn die Botschaft, die hinter Bilderrätseln und schönen Worten, Weihnachtskitsch und Flitterkram liegt, ist eigentlich ganz schlicht: Gott kommt zu uns Menschen. Bringt uns Leben. Lässt uns Wurzeln finden.

Frohe Weihnachten!

Hinweis: Cristina Policante arbeitet seit 2018 als Pfarrerin für die reformierte Kirche der Stadt Luzern. Die 29-Jährige wirkt in der Matthäuskirche. Policante ist in St.Gallen aufgewachsen.