PFLEGE: Heime kämpfen um Mitarbeiter

Gut ausgebildetes Pflegepersonal ist gefragt, der Markt ausgetrocknet. Pflegeheime leiden darum besonders unter Mitarbeiterabgängen. Luzerner Heimleiter sagen, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen.
Susanne Balli
Roger Wicki, Co-Geschäftsleiter des Pflegeheims Seeblick in Sursee, im Gespräch mit Pflegefachkräften. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 24. April 2018))

Roger Wicki, Co-Geschäftsleiter des Pflegeheims Seeblick in Sursee, im Gespräch mit Pflegefachkräften. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 24. April 2018))

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Das Pflegeheim Seeblick in Sursee hat im letzten Jahr beim Swiss Arbeitgeber Award von über 100 Teilnehmern den 8. Platz belegt. In seiner Kategorie, KMU zwischen 50 und 100 Mitarbeitern, sogar den 5. Platz. Der Ergebnisbericht für den Award zeigt unter anderem auf, wie die Mitarbeiter die aktuelle Arbeitssituation wahrnehmen und beurteilen. Doch trotz dieses positiven Ergebnisses verzeichnete das Pflegeheim Seeblick im letzten Jahr eine Fluktuationsrate von 12 Prozent. «Obwohl diese gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent tiefer ist, ist es bei einem angespannten Arbeitsmarkt im Bereich der Pflege und Betreuung jedes Mal eine Herausforderung, die freien Stellen anforderungsgerecht besetzen zu können», sagt Roger Wicki, Co-Geschäftsleiter des Seeblicks und Präsident von Curaviva Luzern, dem Kantonalverband der Pflegeheime.

Die Ursachen dafür seien sehr vielfältig und komplex. «Bei uns im Seeblick machen viele Personen die Grundausbildung. Doch danach verlässt uns ein grosser Teil für die Ausbildung an der höheren Fachschule (HF)», erklärt er. Anwärter für die Grundausbildung Fachangestellte Gesundheit zu finden, sei denn auch zurzeit nicht problematisch. Schwieriger sei es, HF-Lernende langfristig im Beruf zu halten. «Wir bemerken bei den jungen Leuten, dass die Bereitschaft für eine langjährige Anstellung am selben Ort eindeutig tiefer ist als in früheren Jahren. Junge Leute arbeiten zwei bis drei Jahre bei uns, dann verlassen sie uns, um zum Beispiel eine längere Reise zu machen.» Auf das Angebot des Seeblicks, einen unbezahlten Urlaub zu beziehen, steige praktisch niemand ein. «Es gibt einfach genügend freie Stellen im Pflegebereich, sodass es für die meisten kein Problem ist, nach einer Auszeit wieder eine Stelle zu finden.»

Geteilte Dienste sind unbeliebt

Weitere Gründe für die hohe Fluktuationsrate sieht Wicki in der Branche selber. So seien bei vielen jungen Angestellten die geteilten Dienste, die frühmorgens beginnen und am Nachmittag eine Zimmerstunde beinhalten, nicht beliebt. «Die Arbeitszeiten sind nicht sehr familienfreundlich. Wir haben Schwierigkeiten, die Mitarbeitenden während der Familienplanung zu behalten.» Es würden im Falle einer Mutterschaft nur jene bleiben, welche die Kinderbetreuung privat ab­decken könnten. Die Arbeitszeiten anders zu organisieren, würde laut Wicki die Kosten enorm in die Höhe treiben.

Als weitere mögliche Ursache führt Wicki auch die Arbeitsbelastung auf. «Wir als mittelgrosser Betrieb haben das integrierte System. Das heisst, es sind alle Pflegestufen auf ein und derselben Abteilung vereint», erklärt Wicki. Dadurch ergebe sich ein Spannungsfeld, weil Menschen mit einer tiefen Pflegebedürftigkeit oder mit einer demenziellen Erkrankung andere Bedürfnisse haben als schwerst pflegebedürftige Menschen oder Menschen ohne demenzielle Erkrankung. Diese Belastung könne sich sowohl auf die Mitarbeitenden als auch auf die Bewohner und deren Angehörige übertragen.

Bisher konnte der Seeblick alle Abgänge trotz dieser Ausgangslage kompensieren. Allerdings gehen laut Wicki auf Stellenausschreibungen in der Pflege beim Fachpersonal jeweils nur wenige Bewerbungen ein.

Eine deutlich höhere Fluktuationsrate bei den Mitarbeitenden in der Pflege und Betreuung mussten die Betagtenzentren Emmen AG (BZE AG) letztes Jahr verzeichnen. Im Betagtenzentrum Emmenfeld gaben 2017 von insgesamt 128 Personen in der Pflege und Betreuung 21 ihre Stelle auf. Das entspricht einer Fluktuationsrate von rund 16 Prozent. Im Betagtenzentrum Alp waren es 15 von insgesamt 82 Pflegekräften (entspricht rund 18 Prozent), die ihre Stelle verliessen. Sabine Felber, Leiterin Bereich Pflege und Betreuung, sagt dazu: «Einer der Hauptgründe ist, dass Mitarbeiter in diesem Bereich auf dem Markt sehr gefragt sind und Wechsel einfach sind.» Zum Glück habe man bisher immer alle Stellen wieder besetzen können. Felber führt als weitere Umstände ebenfalls die unattraktiven Arbeitszeiten und geteilte Dienste sowie die Mutterschaft von Mitarbeiterinnen auf.

Flexiblere Abläufe, neue Aufgabenverteilung

Die BZE AG hat auf die hohe Fluktuationsrate reagiert und zahlreiche Änderungen in die Wege geleitet. Um werdende Mütter im Betrieb zu halten, führt die BZE AG seit einiger Zeit eine eigene Kinderkrippe mit 20 Plätzen. Die grösste Änderung ist aber ein neues Arbeitszeitenmodell, das per 1. März eingeführt wurde. Neu werden geteilte Dienste auf ein Minimum beschränkt. «Dafür war eine intensive Vorbereitung nötig, bei der alle Beteiligten ins Boot geholt wurden. Wir mussten unsere Ressourcen neu verteilen, Abläufe verändern und generell deutlich flexibler werden», sagt Sabine Felber. Als Beispiel nennt sie, dass Bewohnerinnen und Bewohner neu nicht mehr alle bis zu einem bestimmten Zeitpunkt am Morgen geduscht sein müssen. Je nach Bedürfnissen könne der Zeitpunkt fürs Duschen nun flexibler gehandhabt werden. Dadurch stünden am Abend mehr Ressourcen bereit, «der bisherige Stress nach dem Abendessen, alle Bewohner ins Bett zu bringen, konnte so verringert werden.»

Eine weitere Verbesserung betrifft die Bildung: «Wir machen es möglich, dass sich unsere Mitarbeiter stetig weiterbilden können.»

Felber legt Wert darauf, dass die hohe Fluktuationsrate nicht mit einer generellen Unzufriedenheit der Mitarbeitenden gleichgesetzt wird (siehe Kasten). «Wir haben soeben 10 Lehrabgänger im Bereich Pflege. Von diesen wollen 7 bleiben. Das ist ein gutes Zeichen», sagt sie. «Unser Ziel ist klar eine niedrige Fluktuationsrate. Dafür braucht es immer wieder neue Anpassungen, die nie abschliessend sind, sondern stetig aufs Neue überprüft werden müssen.»

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