PFLEGE: Spitex strebt Kostenvergleich an

Die Spitex-Tarife im Kanton variieren stark. Warum dies so ist, wollen nun auch die Organisationen wissen.

Evelyne Fischer
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Die enormen Unterschiede bei den Spitex-Tarifen sind heute teilweise nicht erklärbar. (Symbolbild). (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die enormen Unterschiede bei den Spitex-Tarifen sind heute teilweise nicht erklärbar. (Symbolbild). (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Evelyne Fischer

Der sprunghafte Anstieg der Kosten lässt Politiker aufhorchen: Als die neue Pflegefinanzierung 2011 eingeführt wurde, hatten sich die Gemeinden mit 11,1 Millionen an den Spitex-Ausgaben zu beteiligen. 2014 wuchsen die Kosten auf 19,7 Millionen an. Die Regierung rät Gemeinden aufgrund des Berichts über die Pflege- und Spitalkosten, die Tarife der gemeinnützigen Spitex-Organisationen zu prüfen. Bei den Vollkosten seien «erhebliche Unterschiede» festzustellen ( Ausgabe vom Dienstag ). So verlangt etwa die Spitex Grosswangen für eine Stunde Grundpflege 78.80 Franken, die Spitex der Seegemeinden Greppen/Vitznau/Weggis hingegen 145 Franken.

«Dienstleistung hat seinen Preis»

«Wachsende Ausgaben sind unter anderem die Folge der steigenden Nachfrage», sagt Lisbeth Bieri-Vogel, Vizepräsidentin des Spitex-Kantonalverbands und Stützpunktleiterin der Spitex Region Entlebuch. 2011 leisteten kantonale Organisationen 313 808 Einsatzstunden in der Pflege. 2014 waren es bereits 335 831. Bei den privaten Anbietern stiegen die Einsatzstunden von 40 536 im Jahr 2011 auf deren 104 563 im Jahr 2014 an. Dies sei die Konsequenz des Grundsatzes «ambulant vor stationär», sagt Bieri. «Die Leute werden immer älter und wohnen länger daheim, die Dauer von Spitalaufenthalten nimmt ab.» Mit Blick auf die stark variierenden Stundenansätze sagt Vizepräsidentin Bieri: «Ein umfassendes Dienstleistungsangebot hat seinen Preis und schlägt sich auf die Lohnkosten nieder.» Wer Pikett- oder Nachtdienste, Psychiatriepflege oder Palliative Care anbiete, brauche spezielles Fachpersonal. Auch Infrastrukturkosten wie die IT-Einrichtung oder Mietzinse würden die Vollkosten beeinflussen. «Die Monatsmiete eines Stützpunkts bei den Seegemeinden dürfte höher ausfallen als auf dem Land.»

Auch die Topografie hinterlasse Spuren bei den Vollkosten: In der Stadt und in der Agglo können kurze Wege oft mit einem Elektrovelo zurückgelegt werden, für weitläufige Gebiete auf dem Land braucht es hingegen eine andere Fahrzeugflotte. Wegzeiten kann die Organisation nicht weiterverrechnen. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dieser Mehraufwand schlage sich in den Tarifen nieder, wäre falsch. «Für gewisse Tarifunterschiede fehlt uns heute schweizweit die Erklärung», sagt Bieri. «Deshalb hat der Verband 2015 entschieden, ein Bench­markprojekt zu starten. So werden nicht länger Äpfel mit Birnen verglichen.»

Benchmark bringt Pionierrolle ein

Reto Odermatt, Vorstandsmitglied des Kantonalverbands und Präsident der Spitex Sempach und Umgebung, betreut das Projekt. «Wir wollen wissen, wo welche Ausgaben anfallen und wo sich Optimierungspotenzial verbirgt.» Der Kostenvergleich soll mit «tacs» erstellt werden – eine Methode, die viele Pflegeheime und Betriebe wie das Luzerner Kantonsspital oder das Berner Inselspital bereits anwenden. «Ab 1. Januar 2017 sollen unsere Spitex-Organisationen mit dem neuen System arbeiten.» Damit nimmt man schweizweit eine Pionierrolle ein. «Daher richtet sich der Blick vieler Kantone derzeit nach Luzern», sagt Odermatt, dessen Firma rodix die Methode «tacs» entwickelt hat. «Ich bin mir der Verantwortung meiner Doppelrolle bewusst. Stehen punkto Benchmark Entscheidungen an, trete ich in den Ausstand.»

Private Anbieter auf dem Vormarsch

Nicht nur die Luzerner Regierung übt derzeit Druck auf die gemeinnützigen Organisationen aus. Auch private Anbieter mit tieferen Tarifen heizen die Debatte an. 2010 zählte der Kanton noch 6 kommerzielle Organisationen – 2014 waren es 16. «Dieser Wettbewerb ist durchaus wertvoll», sagt Odermatt. Doch die Stundenansätze der beiden Dienstleister liessen sich nicht 1:1 vergleichen. Für die gemeinnützige Spitex bestehe eine Versorgungspflicht. Nicht so für die private. «Jene kann sich aus der Fülle an Aufträgen die interessanten herauspicken. Kurze Einsätze mit langen Anfahrtswegen zählen nicht dazu», sagt Odermatt. «Umso wichtiger ist es, Transparenz zu schaffen.» Nur mit verlässlichen Kennzahlen lasse sich die Zweckmässigkeit der gemeinnützigen Spitex aufzeigen.

Private Anbieter hätten von Beginn weg «knallhart» kalkulieren müssen, woraus tiefe Vollkosten resultierten, erklärt Marcel Durst, Geschäftsführer des Verbands der privaten Spitex-Organisationen. Aufgrund der «ungenügenden Finanzierung durch die öffentliche Hand» werde weniger in technische Lösungen oder in die Ausbildung investiert. Auch Durst begrüsst mehr Transparenz. «Wenn die Basiszahlen für einen Benchmark-Vergleich anhand der realen Marktsitua­tion definiert werden, werden sich auch private Spitex-Organisationen daran beteiligen. Ziel darf es aber nicht sein, die Angebote damit gleichzuschalten.»

Spitex-Tarife: Übersicht öffentliche Organisationen unter www.luzernerzeitung.ch/bonus