Philatelie
Dieser Brief wurde vor 160 Jahren zu Fuss auf die Rigi getragen – und jetzt für über 12'000 Franken verkauft

Ein Brief aus Tschechien erzielte im April einen beachtlichen Preis. Der Käufer und Sammler aus der Region Luzern erklärt, weshalb diesem Stück eine besondere historische Bedeutung zukommt.

Simon Mathis
Merken
Drucken
Teilen

Das Auktionshaus Rölli in Rothenburg versteigerte Ende April für 12'000 Franken einen ganz besonderen Brief. 1862 hatte dieser eine aussergewöhnlich lange Reise zurückgelegt. Abgeschickt wurde der Brief in der Stadt Karlsbad im heutigen Tschechien, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte.

Der Brief gelangte via Deutschland nach Winterthur und dann nach Luzern. Von Luzern aus wurde er nach Brunnen per Schiffspost befördert und von Goldau zu Fuss auf die Rigi getragen – wo er einem Gast zugestellt wurde. Die Poststempel machen die zahlreichen Stationen, die der Brief zurückgelegt hat, deutlich:

Bild: PD/Rölli Auktionen

«Der Leitweg dieses Briefes ist aussergewöhnlich lang und sehr gut dokumentiert», sagt der Käufer aus der Region Luzern, der anonym bleiben will. Das mache einen Teil seines Wertes aus. Besonders an diesem Brief sei aber vor allem, dass er zu Fuss von Goldau auf die Rigi getragen wurde. Für diese Dienstleistung wurde vom Hotel eine Taxe von sechs Kreuzern berechnet. Auf der Vorderseite des Briefes wurde dies handschriftlich und in Rot vermerkt. «Es war ein Postbeamter, der den Weg auf sich nahm», erzählt der Sammler.

Welche Mitteilung die Absenderin oder der Absender auf die Rigi entsandte, ist unbekannt. «Dass auch der Briefinhalt erhalten bleibt, ist für diese Zeit selten», sagt der Sammler. Vor 1840 wurde der Umschlag noch aus dem Brief selbst gefaltet, deshalb blieb der Inhalt eher erhalten. Nach zirka 1840 änderte sich das, die ersten Briefumschläge hielten Einzug. Das kleine, dünne Format des Briefes wird unter Philatelisten «Damenbrieflein» genannt.

Vorgänger der Hotelpost

Die Wanderung auf die Rigi um 1862 hat eine besondere historische Bewandtnis. Denn kurz danach führte das Hotel Rigi Kulm eine eigene Briefmarke ein – und errichtete eine Hotelpost. Das war ein visionärer Schritt. Danach zogen nämlich die Hotels schweizweit nach; alle richteten sie eine Hotelpost ein. Der aufblühende Tourismus weckte das Bedürfnis nach solchen Hotelpostmarken, die auch als eine Art Marketing dienten. «Der Brief aus Tschechien stellt also ein Vorgänger der ersten Hotelpost in der Schweiz dar und darf so auch als Unikat bezeichnet werden», erläutert der Heimatsammler.

Das erklärt also die Summe von 12'000 Franken, die selbst das Auktionshaus überrascht hat? «Na ja, wir Sammler sind manchmal etwas komisch», sagt der Käufer mit einem Lachen. «Es gab halt zwei, drei Personen, die diesen Brief unbedingt wollten.» Das drücke natürlich den Preis nach oben. «Kann schon sein, dass ich etwas zu viel bezahlt habe, aber für mich hat dieser Brief einen bestimmten und bleibenden Wert.»

Ein Herzstück der Heimatsammlung

Der Käufer verfügt über eine umfangreiche «Heimatsammlung Kanton Luzern», die Briefe und Briefmarken umfasst und sich auf die Jahre 1700 bis 1910 konzentriert. Der ersteigerte Rigi-Brief soll zu einem Herzstück dieser Sammlung werden. Im kommenden Jahr wolle er den Brief an der Helvetia 2022 der World Stamp Exhibition in Lugano zeigen, worauf er sich schon jetzt freue.

Mit Briefmarkensammeln habe er bereits mit sieben Jahren begonnen, so der Käufer. «Als Kind hatte ich natürlich ein wesentlich kleineres Budget», sagt er mit einem Schmunzeln. An seiner Heimatsammlung arbeite er seit gut 20 Jahren. «In der Zeit um 1850 bis 1900 hatte Luzern von allen Schweizer Kantonen die grösste Vielfalt an Stempel-Variationen und Vorschriften.» Das mache das Sammeln besonders spannend. «Es ist schon ein bisschen eine Sucht, man ist Jäger und Sammler.»

Die Rückseite des Rigi-Briefes.

Die Rückseite des Rigi-Briefes.

Bild: PD/Rölli Auktionen