Piloten trainieren Extremsituationen im Labor in Dallenwil

In der Statistik der tödlichen Sportunfälle rangiert der Gleitschirmsport an sechster Stelle. Ein Dallenwiler Fluglehrer fordert, dass das Sicherheitstraining für Extremsituationen obligatorisch wird. Doch der Verband winkt ab.

Roger Rüegger
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Gleitschirm-Fluglehrer Erich Lötscher betreibt in Dallenwil einen G-Force-Trainer. Damit können Belastungen von bis zu 7G (siebenfaches Körpergericht) trainiert werden. (Bild: Jakob Ineichen, 26. September 2018)

Gleitschirm-Fluglehrer Erich Lötscher betreibt in Dallenwil einen G-Force-Trainer. Damit können Belastungen von bis zu 7G (siebenfaches Körpergericht) trainiert werden. (Bild: Jakob Ineichen, 26. September 2018)

Die Schweiz ist eine Hängegleiter-Hochburg. Das Engelbergertal hebt sich dabei mit fünf Flugschulen noch etwas ab. Im ganzen Land gibt es rund 17000 Hängegleiter-Piloten, davon steuern rund 15 000 Gleitschirme, die anderen 2000 Deltasegler. Die Zahl nimmt weiter zu.

Der Traum vom Fliegen schlummert seit jeher tief im Menschen. Wer sich den Traum vom ruhigen Fliegen – oder eben vom Gleiten – erfüllen will, tut dies laut Christian Boppart, Geschäftsführer des Schweizerischen Hängegleiter-Verbands (SHV), eher im Herbst und nicht unbedingt im Frühling oder Sommer. «Im Winterhalbjahr ist die Luft in der Regel weniger thermisch respektive stabiler, weshalb die äusseren Einflüsse auf den Gleitschirm geringer sind.» Deshalb seien die Flüge ruhiger und auch Start, Landung und die Übungen in der Luft könnten besser durchgeführt werden.

Flugschüler bereits ab 14 Jahren

Der Dallenwiler Fluglehrer Erich Lötscher (52) bestätigt dies. Der Mann hat 1987 als 20-Jähriger zum ersten Mal mit einem Gleitschirm abgehoben. «Eigentlich hätte ich viel früher mit dem Fliegen angefangen, aber es gab damals erst Deltasegler. Für ein solches Gerät hatte ich als Buch- und Offsetdruckerlehrling kein Geld.» Gleitschirme kamen erst 1986 in den Handel.

Fluglehrer Erich Lötscher hat inzwischen mehrere hundert Gleitschirmpiloten ausgebildet, darunter zirka 40 Tandempiloten. Flugschüler müssen 14 Jahre alt sein. Zur Prüfung wird man mit 16 zugelassen. Laut Lötscher rechnet man mit 70 bis 100 Flügen bis zur Prüfungsreife. Der Spass kostet rund 2500 Franken – ohne Fluggerät. Für eine neue Ausrüstung muss man mindestens 6000 Franken bezahlen.

Wie aber ist es um das Risiko bestellt? Gemäss einer Statistik über tödliche Sportunfälle der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) liegt Gleitschirmfliegen an sechster Stelle. Von 2000 bis 2016 sind in der Schweiz 130 Personen beim Gleitschirmfliegen umgekommen. Die Zahlen nehmen tendenziell zu. 2018 sind bisher sechs Personen tödlich verunfallt. In Wolfenschiessen stürzte am 1. Juni beim Landeanflug ein Tandem-Gleitschirm ab. Der Begleiter starb vor Ort, der Pilot wurde schwer verletzt.

Selbstüberschätzung und anspruchsvolles Material

Die Ursachen sind laut Christian Boppart vielfältig. «Unfälle wurden meistens durch eine oder mehrere Fehlentscheidungen des Piloten verursacht. Die wichtigsten Ursachen sind Selbstüberschätzung respektive zu risikoreiche Manöver, zu anspruchsvolles Material, Fehleinschätzung des Wetters oder zu wenig aktives Handling des Gleitschirms.» Klar sei, dass sich zu viele tödliche Unfälle ereignen. Der SHV investiere viel in die Sicherheit der Piloten und fördere die Weiterbildung.

Solche bietet auch Erich Lötscher an, der einen G-Force-Trainer besitzt. Man kann sich das Trainingsgerät wie eine Kilbi-Bahn vorstellen, die sich schnell dreht. Bis zum siebenfachen Körpergewicht kann die Maschine aufgedreht werden. «Beim Training lernt man den Umgang mit dynamischen Kräften, wie sie beim Gleitschirmfliegen auftreten können. Etwa bei der Spirale, dem einseitigen Einklappen des Schirms oder dem Spiralsturz nach Klappern mit Verhängen der Leinen», erklärt Lötscher. Auch das Auswerfen des Notschirms in Extremsituationen könne trainiert werden. Denn je stärker die Fliehkraft wirke, desto schwieriger sei es, den Notschirm zu werfen. Erst unter dieser Belastung erkenne man, wie entscheidend die Körperhaltung oder die Gurtzeug-Einstellung sein könne.

Mit dem G-Force-Trainer lernen Gleitschirmpiloten, welche Kräfte sich in Extremsituationen entwickeln können. (Bild: Jakob Ineichen (Dallenwil, 26. September 2018))

Mit dem G-Force-Trainer lernen Gleitschirmpiloten, welche Kräfte sich in Extremsituationen entwickeln können. (Bild: Jakob Ineichen (Dallenwil, 26. September 2018))

Lötscher ist selber im Alter von 28 Jahren verunfallt. «Ich hatte relativ knapp über dem Boden einen heftigen Einklapper am Gleitschirm und bin hart aufgeschlagen. Dabei erlitt ich einen Bruch der Halswirbelsäule und andere innere Verletzungen. Ich erholte mich jedoch extrem schnell und war sechs Wochen später wieder in der Luft.»

«Piloten würden effizienter reagieren»

In seinem Fall hätte die Erfahrung mit G-Kräften wohl nichts gebracht, da er zu nah am Boden war. Aber in der Höhe hätte der Schirm vermutlich sehr schnell hohe G-Kräfte entwickelt. «Mit der Erfahrung aus dem G-Force-Trainer würde man vermutlich effizient reagieren und im richtigen Moment den Notschirm aktivieren», glaubt Lötscher. Er ist überzeugt, dass das Training Leben retten kann, weshalb er dieses obligatorisch machen würde. Er setzt sich dafür ein, dass der Verband die Trainings anbietet.

Laut Boppart ist der Betrieb und die Durchführung von Sicherheitskursen nicht Aufgabe des Verbandes, sondern der Flugschulen. Der Verband verbilligt die Teilnahme am G-Force-Training für alle Mitglieder um 50 Franken. Ein Trainingstag kostet 250 Franken. «Es ist richtig, dass dieses Training wertvoll für die Sicherheit ist. Es ist vergleichbar mit Schleuderkursen für Autos.» Die Steilspirale gehöre aber in keinem Land zum Grundrepertoire einer Basisausbildung.