Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Pionier-Tankstelle muss ÖV weichen

Millionen Liter Benzin wurden hier getankt. Doch jetzt ist Schluss mit der Avia-Tankstelle beim Pneumatikhaus. «Schuld» ist eine zu kurze Bushaltestelle.
1975 Das Pneumatikhaus mit dem markanten Christoforus-Gemälde und der Tankstelle. Rechts das alte Lagerhaus, davor halb verdeckt ein alter Ford Cortina. (Bild: pd)

1975 Das Pneumatikhaus mit dem markanten Christoforus-Gemälde und der Tankstelle. Rechts das alte Lagerhaus, davor halb verdeckt ein alter Ford Cortina. (Bild: pd)

Was für ein erstaunliches Bild: Im Jahr 1978 stauen sich die Autos, vom Pilatusplatz her kommend, vor dem Pneumatikhaus an der Obergrundstrasse (Abzweigung Mühlebachweg). Grund dafür ist nicht etwa stockender Verkehrsfluss, sondern – eine Tankstelle. Speziell ist auch der Benzinpreis: 55 Rappen pro Liter.

Die gleiche Tankstelle gibts heute noch, an der genau gleichen Stelle. Nur: Heute wirkt sie klein, fast mickrig, und verlassen. Nur noch selten hält ein Automobilist hier, um sich mit Treibstoff einzudecken. Vielleicht mal ein verirrter EU-Bürger, der die Autobahneinfahrt verpasst hat, oder ein Anwohner aus lieb gewordener Gewohnheit. Überhaupt: Wo gibt es so etwas schweizweit sonst noch – eine Tankstelle direkt an einer vierspurigen Hauptverkehrsachse?

Ja, die heutige Avia-Tankstelle an der Obergrundstrassse 26 in der Stadt Luzern: welch wechselvolle Geschichte! Welch spannender Beginn und welch kurioses baldiges Ende!

Zum Anfang der Tankstelle: Es war im Jahr 1927, als der damals in Basel wohnhafte Fritz Rieder in Luzern, eben an der Obergrundstrasse 26, die Pneumatikhaus AG gründete. Wie es der Name sagt, sind Pneus und Autozubehör ihr Metier.

Kurz darauf wurde das dazugehörige Pneuhaus eröffnet, mit einer kleinen bedienten Zapfstelle, Vorgängerin der heutigen Tankstelle. Es war eine der ersten, wenn nicht die allererste Tankstelle der Stadt Luzern. Ein Pionier also.

Über die Tankstellen-Geschichte von Stadt und Region Luzern ist wenig bekannt. Beim Googeln erfährt man etwa, dass in Adligenswil die erste handbetriebene Tankstelle in den 1950er-Jahren zwischen Kegelbahn und Rösslischeune eröffnet wurde. Umso spannender ist es, nun mehr über die Tankstelle Obergrundstrasse/Mühlebachweg zu erfahren. Eine wahre Fundgrube ist dabei das private Fotoarchiv der Familie Rieder, welche die Pneumatikhaus AG heute in dritter und vierter Generation führt. Eine frühe Schwarz-Weiss-Aufnahme von 1929 zeigt Firmengründer Fritz Rieder mit Familienangehörigen vor dem alten Pneumatikhaus mit Zapfstelle.

Mobil, Aral, Shell

Das alte Gebäude wurde zirka 1934 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dieser steht heute noch, mit dem charakteristischen riesigen Gemälde des heiligen Christoforus (Schutzheiliger der Reisenden) an der Nordfassade. Die Tankstelle wurde seither ohne Unterbruch benutzt. «Zunächst hat unsere Familie sie selber geführt», erzählt Marcos Rieder (57), Enkel des Firmengründers. Das Benzin kam zunächst von Mobil, dann von Aral, später von der US-Firma Shell, die ihren Betrieb in der Schweiz 1966 aufnahm.

Die Tankstelle war in den ersten Jahrzehnten bedient. «Wir hatten zwei bis drei Tankwarte», erinnert sich Rieder. «Ich durfte als kleiner Junge manchmal selber den Zapfhahn bedienen.» Rieder schmunzelt: «Den offiziellen Tankwarten gefiel das nicht, denn ich erhielt viel mehr Trinkgeld als sie.» Damals gab es dort noch zwei Benzin-Fülltanks. Einer der beiden wurde später abgebaut.

1,2 Millionen Liter Benzin jährlich

«Das Geschäft mit der Tankstelle lief lange Zeit sehr gut», sagt Rieder. «In den besten Zeiten verkauften wir dort jährlich 1,2 Millionen Liter Benzin.» Der grosse Aufschwung kam in den 1960er-und 1970er-Jahren, als der Verkehr stark zunahm. 1939 waren in der Stadt Luzern rund 1850 Automobile registriert; diese Zahl stieg bis 1970 auf rund 17 000.

Damals war die Tankstelle ausgangs Pilatusplatz ideal positioniert. «Deutsche und andere ausländische Autofahrer tankten hier voll, bevor sie in Kriens wieder auf die Autobahn fuhren», erzählt Rieder. Der Transitverkehr über die Obergrundstrasse verschwand, als 1976 die Autobahn durch den Sonnenbergtunnel eröffnet wurde. Das eingangs beschriebene Bild von 1978 ist so gesehen fast schon Nostalgie.

Die Zeiten wurden immer schwieriger, auch weil strengere Abgasvorschriften das Betreiben von Tankstellen immer aufwendiger machten. In den 1990er-Jahren wurde die Tankstelle an der Obergrundstrasse 26 in Luzern auf Selbstbedienung umgestellt. 1995 verpachtete die Pneumatikhaus AG sie an die Avia Schätzle AG. Diese betreibt in der Stadt Luzern neun, in der Zentralschweiz 90 Avia-Tankstellen. Gesamtschweizerisch verfügt Avia mit rund 600 Tankstellen über das dichteste Tankstellennetz.

Praktisch ist die Tankstelle Obergrundstrasse 26 allerdings längst nicht mehr. Im dichten Verkehr sieht man sie kaum. Dazu kommt, dass das Anhalten unmittelbar nach der Bushaltestelle Pilatusplatz, einem der am stärksten frequentierten Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs im ganzen Kanton Luzern, Gefahren birgt. Wenn man nach dem Tanken wegfahren will, muss man auf die vom Pilatusplatz her wegfahrenden VBL-Busse ganz schön Acht geben. «Die Tankstelle ist schwach frequentiert, es gibt noch etwa 16 Tankungen pro Tag», bestätigt denn auch Patrick Schätzle von der Schätzle AG.

Bushaltestelle wird verlängert

Nun sind die Tage der knapp 90-jährigen Tankstelle definitiv gezählt. Sie muss der künftigen durchgehenden Trolleybuslinie 5 von Emmenbrücke nach Kriens weichen, die gemäss Verkehrsverbund Luzern am 11. Dezember 2016 in Betrieb gehen wird (wir berichteten). Weil ab dann noch mehr Busse dort halten, muss die Halte­stelle Pilatusplatz stadtauswärts im Bereich des früheren Restaurants Schmiede auf insgesamt 54 Meter verlängert werden; dies geht auf Kosten der Tankstelle. Ebenfalls aufgehoben wird in diesem Zusammenhang die Ein- und Ausfahrt Mühlebachweg.

Die Pionier-Tankstelle der Stadt Luzern fällt damit dem stetig gewachsenen öffentlichen Verkehr zum Opfer (1921 wurde in Luzern der Autobus-, 1941 der Trolleybusverkehr eingeführt). Oder etwas böse formuliert: Der ÖV überrollt eine historische Bastion des motorisierten Individualverkehrs (MIV).

Zwei Einsprachen

Das Projekt Bushaltestelleverlängerung lag bis zum 30. Mai öffentlich auf. «Während der 20-tägigen Einsprachefrist gingen fristgerecht zwei Einsprachen ein», sagt der städtische Projektleiter Roger Schürmann. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, könne er über den Inhalt wie auch die einsprechenden Personen keine Auskunft geben. Für Schürmann ist aber klar: «Wir werden im Lauf des Monats Juni die Einsprachen zusammen mit den Einsprechenden zu bereinigen versuchen und sind zuversichtlich, dass der Baustart wie geplant in den beiden ersten Oktoberwochen erfolgen kann.»

Schliessung wohl im September

Auch der Zeitplan für den Rückbau der Tankstelle werde «mit der Betreiberfirma diesen Monat besprochen und im gegenseitigen Einvernehmen festgelegt», so Schürmann. Der städtische Projektleiter betont: «Der Rückbau der Tankstelle muss als Vorarbeit bis spätestens zum Baustart der Bushaltestelle abgeschlossen sein und demnach im September geschehen.»

Somit ist klar: Schon in weniger als drei Monaten dürfte die Benzin-Zapfstelle an der Obergrundstrasse 26 letztmals Autos mit Kraftstoff versorgen.

Neues Gebäude in Rothenburg

Pneumatikhaushb. Das Gebäude Obergrundstrasse 26 in Luzern mit der Tankstelle gehört weiterhin der Pneumatikhaus AG. Diese hat hier auch weiterhin ihren Hauptsitz und einen Teil ihrer Büros. Die Spedition und das Lager der Firma, die heute Reifen für Fahrzeuge aller Art verkauft und montiert, befinden sich seit 1989 aber in Rothenburg.

Dort errichtet die Firma nun einen zusätzlichen Gewerbebau. «Der Bau startete vor wenigen Tagen», sagt Alexander Rieder (24), der das Familienunternehmen in vierter Generation führt. «Das Gebäude wird 72 Meter lang, und es wird 5400 Quadratmeter Nettonutzfläche für Gewerbe und 3000 Quadratmeter Bürofläche bieten.» Mieter werden gesucht.

www.gewerbebau-rothenburg.ch

1934 Abriss des alten Pneumatikhaus-Gebäudes. Hinten gut sichtbar die Spitalmühle. (Bild: pd)

1934 Abriss des alten Pneumatikhaus-Gebäudes. Hinten gut sichtbar die Spitalmühle. (Bild: pd)

1978 Wartende Autos vor der Tankstelle beim Pneumatikhaus (Benzinpreis: 55 Rappen). Mitte hinten beim Pilatusplatz das inzwischen abgerissene Restaurant Schmiede. Rechts hinten das markante Stirngebäude der Überbauung Hallwilerweg 5, unter anderem mit dem kantonalen Passbüro. (Bild: pd)

1978 Wartende Autos vor der Tankstelle beim Pneumatikhaus (Benzinpreis: 55 Rappen). Mitte hinten beim Pilatusplatz das inzwischen abgerissene Restaurant Schmiede. Rechts hinten das markante Stirngebäude der Überbauung Hallwilerweg 5, unter anderem mit dem kantonalen Passbüro. (Bild: pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.