Pionierin: Helene Kloss war die erste Chefärztin der Schweiz und leitete vor 100 Jahren die Pathologie in Luzern

Helene Kloss führte ab 1919 die Pathologie Luzern. Sie sorgte dafür, dass das Institut einen Neubau erhielt. Dort obduzierte die Medizinerin gar eine bekannte Persönlichkeit.

Yasmin Kunz
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Helene Kloss im Jahr 1916. Damals arbeitete sie am Institut in Lausanne. (Bild: Aus dem Besitz von Aldo Colombi)

Helene Kloss im Jahr 1916. Damals arbeitete sie am Institut in Lausanne. (Bild: Aus dem Besitz von Aldo Colombi)

Sie hat Grosses erreicht: Helene Kloss aus Liestal, Baselland. 1919 übernahm sie die Leitung des Pathologischen Instituts in Luzern. Sie war die erste Chefärztin der Schweiz überhaupt. Nach ihrer Pension im Jahr 1947 geriet sie jedoch in Vergessenheit. Dies, obwohl sie Erstaunliches geleistet hat. Ein Blick zurück: Geboren wurde Helene Kloss 1887 in den USA, wo ihr Vater arbeitete. Als sie sechs Jahre alt war, kehrte die Familie – ihre Eltern und die zwei Schwestern – in die Schweiz zurück. Just zu dieser Zeit war es Mädchen erlaubt, das Berner Knabengymnasium zu besuchen. Helene Kloss war eines der ersten Mädchen, das dort 1905 die Matur erlangte. Und das erst noch als Klassenbeste.

Sie setzte sich gegen drei Männer durch

Gleich nach der Ausbildung begann sie das Medizinstudium in Bern. Nach dem Staatsexamen arbeitete sie als Volontärassistentin am Pathologischen Institut der Universität Bonn. Später dann am Pathologischen Institut der Charité in Berlin.

Zu Kriegsbeginn im Jahr 1914 kehrte sie in die Schweiz zurück und übernahm die stellvertretende Leitung des Instituts in Lausanne. Dies, weil der dortige Chefarzt nach Deutschland musste. 1919 bewarb sich die Medizinerin um die Stelle in Luzern. Mit ihr im Rennen um den Leitungsposten der Pathologie waren drei Männer. Sie stach sie aufgrund ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen aus. Ein gewisses Hindernis ortete man allerdings in ihrem Geschlecht. Dies ist dem Brief des damaligen Spitaldirektors an den Regierungsrat zu entnehmen. Da sie aber nur mit Ärzten und nicht mit Patienten verkehren würde, wollte man es wagen. Einen weiteren Meilenstein erreichte Kloss mit dem Neubau des Pathologischen Instituts in Luzern. «Ein grosszügiges, nützliches, praktisches und schönes Werk», wie sie es damals bezeichnete. Gewohnt hat die Ärztin als Untermieterin in einem Dachzimmer in Luzern. Ihre Mutter und eine Schwester hatten sich in Bern niedergelassen und die andere Schwester lebte in den USA. Ihr Vater ist 1916 verstorben.

Kloss obduzierte die Königin von Belgien

Ein besonderer Fall in Kloss’ Arbeitsleben ereignete sich 1935. Damals war die belgische Königin Astrid bei einem Autounfall zwischen Merlischachen und Küssnacht am Rigi tödlich verunfallt. Die Autopsie führte Kloss durch. Ihr Sektionsbericht begann mit den Worten: «Leiche einer edlen Frau…». Noch heute erinnert eine Kapelle eingangs Küssnacht an die Königin.

Obwohl Helene Kloss in Vergessenheit geriet, erinnern sich wenige Menschen noch an diese Frau. So zum Beispiel die Sekretärin Hedwig Trinkler, die mit 17 Jahren anfing, für die Pathologin zu arbeiten. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis zum Tod von Kloss 1977 hielt. Trinkler schrieb 2002 einen Nachruf für Helene Kloss. Das Werk beruht auf Erinnerungen und zahlreichen Briefen, welche die Frauen austauschten. Hedwig Trinkler ist heute 96 Jahre alt und lebt in Basel. Das Pathologische Institut wurde im März 1919 in Betrieb genommen. Hans von Meyenburg leitete dieses nicht mal ein Jahr, weil Lausanne ihn auf den Lehrstuhl berief. Auf ihn folgte dann die bisher einzige Frau auf diesem Posten: Helene Kloss.

Der Sektionssaal im neuen Institut, welches 1933 in Betrieb genommen wurde. (Bild: Aus dem Buch «Das Kantonsspital Luzern, seine bauliche Erweiterung in den Jahren 1930-1942»)

Der Sektionssaal im neuen Institut, welches 1933 in Betrieb genommen wurde. (Bild: Aus dem Buch «Das Kantonsspital Luzern, seine bauliche Erweiterung in den Jahren 1930-1942»)