Plakate gestalten oder Daten verschlüsseln - wie Luzerner Schüler mit Medien umgehen lernen

Mit dem neuen Schuljahr wird auf der Sekundarstufe I das Fach Medien und Informatik eingeführt. Auf der Primarschulstufe wird dies in Luzern bereits seit zwei Jahren unterrichtet. Wie und was lernen die Kinder dort?

Sandra Peter
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Diese Oberstufenschüler arbeiten im Geschichtsunterricht mit einer Lern-App. (Symbolbild: Pius Amrein, Andermatt, 29. Oktober 2018)

Diese Oberstufenschüler arbeiten im Geschichtsunterricht mit einer Lern-App. (Symbolbild: Pius Amrein, Andermatt, 29. Oktober 2018)

Welche Aufgaben und Bedeutung haben Medien? Wie werden sie verantwortungsvoll genutzt? Das lernen Kinder und Jugendliche heutzutage in der Schule. So will es der Lehrplan 21. Das Fach Medien und Informatik wird schrittweise eingeführt: In der Primar ist es bereits Bestandteil des Schulalltags, nun ist die Oberstufe an der Reihe. In diesem Schuljahr wird es in der siebten Klasse unterrichtet, ab nächstem ist dafür in der achten Klasse eine separate Lektion pro Woche reserviert. In der neunten Klasse wird das Thema ab Schuljahr 2021/22 im Rahmen von Wahlpflichtfächern behandelt.

Zu den Lernzielen zählt, dass Schüler die Grundkonzepte der Informatik verstehen und sie einsetzen können, etwa um Daten zu organisieren und darzustellen. Zudem sollen sie mit Grundwissen über Hard- und Software sowie digitale Netze ausgerüstet werden, um Computer und Informationstechnologien nutzen zu können.

1500 Lehrpersonen werden geschult

Lehrpersonen müssen eine obligatorische Weiterbildung absolvieren, um das Fach Medien und Informatik zu unterrichten, sofern dies nicht Teil ihrer Ausbildung an einer Pädagogischen Hochschule war. Über alle Stufen hinweg werden total rund 1500 Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Luzern ausgebildet. «Die Intensivkurse sind immer noch am Laufen, denn auf der Sekundarstufe wird der Lehrplan 21 ja erst jetzt eingeführt», sagt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung.

Der grösste Teil der Kurskosten ist mit dem Leistungsauftrag für Weiterbildung der PH Luzern im Rahmen von 2,2 Millionen pro Jahr gedeckt. Da die Lehrplan-21-Kurse obligatorisch sind, übernimmt der Kanton zusätzlich den sonst von Lehrpersonen selbst finanzierten Beitrag. Insgesamt sind dies für das Fach Medien und Informatik rund 400’000 Franken. Zehn Halbtage dauert der Intensivkurs. Damit verfügen die Lehrer über ein Basiswissen. Sie sind jedoch gefordert, bei Bedarf weitere Kurse zu besuchen.

Bereits während ihres Studiums an der PH Schwyz ausgebildet wurde Primarlehrerin Patrizia Marchesi. Die 31-Jährige unterrichtet in Kriens Dritt- und Viertklässler – und hat, anders als ihre Kollegen in der Oberstufe, bereits Erfahrungen mit dem neuen Fach gesammelt. «Die Eltern erwarten, dass die Kinder in der Schule lernen, mit Medien und Informatikprogrammen umzugehen», sagt Marchesi. Ihre Schüler im Alter von acht bis zehn Jahren zählen zu den Digital Natives - also jenen Menschen, die alle bereits von Kindesbeinen an mit digitalen Technologien in Berührung kommen. «Dabei gibt es grosse Unterschiede. Einige Kinder haben in diesem Alter bereits ein eigenes Tablet oder Smartphone, in anderen Familien gibt es einen PC für alle».

Kinder schätzen die Abwechslung

In der Primar wird der Bereich Medien und Informatik in die anderen Fächer integriert. Die Ansätze dazu sind vielfältig. Marchesi nennt einige Beispiele: «Wir schreiben beispielsweise im Deutschunterricht eine Geschichte am PC. Oder wir suchen Informationen und Bilder mit den speziell für Kinder geeigneten Internet-Suchmaschinen «fragfinn.de» oder «blinde-kuh.de» zu einem Thema. Manchmal gestalten wir Plakate, lernen wie diese abgespeichert und ausgedruckt werden.» Die Schulbibliothek führt Bücher, die Kinder lesen und dann online Fragen dazu beantworten können. «Die meisten Schülerinnen und Schüler finden es spannend und abwechslungsreich, etwas am PC machen zu dürfen.» Auch für das Tastaturschreiben seien sie motiviert.

Unterstützung benötigen Kinder, wenn es um Gefahren geht, erklärt Marchesi: «Wenn ein Kind sagt, es sei beim Gamen von jemandem kontaktiert und nach dem Alter gefragt worden, erkläre ich was dahinterstecken könnte und wie man sich in so einem Fall verhalten soll». Auch der Umgang mit sozialen Medien oder Gruppen-Chats ist ein Thema. Ein paar Kinder wüssten, wie sie Fotos und Videos versenden oder irgendwo hochladen könnten, so Marchesi. «Meiner Erfahrung nach sind sie sich aber nicht bewusst, welche Informationen sie damit von sich preisgeben.»

Auch Verhaltensregeln spricht die Primarlehrerin an: «Ich nehme jeweils ein Beispiel und übertrage es in die reale Welt. Dann wird den Kindern viel klarer, was in Ordnung ist und was nicht. Der virtuelle Raum ist für viele in diesem Alter sonst noch nicht begreifbar. Auch mögliche rechtliche Konsequenzen sind den Kindern oft nicht bewusst.»

Lehrmittel wählen die Lehrpersonen selber

(spe) Welche analogen oder digitalen Lehrmittel für den Unterricht verwendet werden, steht den Lehrpersonen grundsätzlich frei. Der Kanton Luzern gibt Empfehlungen ab und stellt eine Planungshilfe inklusive Zeitplan und konkreter Vorschläge für Programme, Videos, Websites und Unterlagen zur Verfügung. Diese Hilfe ist nach ersten Rückmeldungen von Lehrern in Zusammenarbeit mit der PH Luzern ausgearbeitet worden. Für den Sek-Unterricht schlägt sie etwa die SRF MySchool-Sendungen zum Thema Sexting oder Unterlagen der Pro Juventute zu Cybermobbing vor. Das Thema Datenverschlüsselung kann zunächst anhand der Blindenschrift, des Morsecodes oder der Taucher-Zeichensprache aufgegriffen werden, um ein paar von unzähligen Optionen zu nennen.

Pflicht sind die Pläne und Lehrmittel jedoch nicht. Charles Vincent, Dienststellenleiter Volksschulbildung, betont: «Gerade im Bereich Medien und Informatik verändert sich die Ausgangslage sehr schnell. Konkrete Beispiele oder Programme sind schnell wieder überholt oder müssen laufend angepasst werden». Wichtiger sei es, Grundkompetenzen und Haltungen zu vermitteln, etwa kritisches Hinterfragen oder Einordnen von Informationen. Oder die Offenheit, ständig Neues zu lernen. «Schliesslich wollen wir die Lernenden aufs Leben vorbereiten», so Vincent.

Arrangieren müssen sich Lehrer mit der Infrastruktur in ihren Schulen. Im Schulhaus Roggern in Kriens etwa stehen für rund 200 Primarschüler 33 PC-Arbeitsplätze zur Verfügung. Recherchieren am Computer finde meist in Zweiergruppen statt oder ein Teil der Schüler erhalte eine andere Aufgabe, dann werde gewechselt, so Primarlehrerin Patrizia Marchesi. Der Kanton Luzern empfiehlt den Schulen, ab der 3. Primarklasse jedem Schüler ein persönliches Gerät zur Verfügung zu stellen. Dies soll innerhalb der nächsten drei bis vier Schuljahre geschehen, die Umsetzung liegt bei den Gemeinden.

Lehrplan 21: Die Ruhe nach dem Sturm

In den meisten Kantonen der Zentralschweiz ist das erste Jahr unter dem Lehrplan 21 soeben zu Ende gegangen. Die Einführung verlief ausgesprochen ruhig. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sich die Lehrer selber enorm unter Druck setzen.
Ismail Osman