PLATINHOCHZEIT: «Seit dem ersten Rendezvous sind wir Kletten»

Eduard und Adele Theiler sind seit 70 Jahren ein Ehepaar. Der erste Kuss ist ihnen noch in bester Erinnerung.

Yasmin Kunz
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Das Ehepaar Adele (94) und Eduard Theiler (93) feiern ihren 70. Hochzeitstag. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Das Ehepaar Adele (94) und Eduard Theiler (93) feiern ihren 70. Hochzeitstag. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Das Ehepaar Theiler in jungen Jahren. (Bild: pd)

Das Ehepaar Theiler in jungen Jahren. (Bild: pd)

In der Alterssiedlung Steinhof wohnt man mit seinen Nachbarn Tür an Tür. Gehwege rund um die Häuserblocks werden rege für kurze Spaziergänge, mit oder ohne Gehhilfen, allein oder zu zweit, genutzt. Immer zu zweit «unterwegs» sind die Theilers – und zwar schon seit 70 Jahren. Vor vier Jahren zogen sie dort in eine 2-Zimmer-Wohnung. Heute feiern der 94-jährige Eduard Theiler und seine 93-jährige Ehefrau Adele Theiler ihre Platinhochzeit.

Der Tisch in der gemütlichen Stube ist aufgeräumt. «Ich musste noch einen Stapel Zeitungen wegräumen», sagt sie, «denn mein Mann breitet sie immer alle aus.» Zum heutigen Anlass hat ihr Eduard Theiler sogar das schönste «Tschöpli», wie er es nennt, angezogen. «Meine Kinder werden dieses Tschöpli mal in mein Grab legen», lacht er und streicht sich über den rot-blau karierten Pulli. Schliesslich kommt heute die Fotografin, und da will er sein Lieblingsstück anhaben.

«Schätzelen» war nicht erlaubt

In der Schule hätten sie einander noch nicht wahrgenommen, obschon beide im St.-Karli-Schulhaus in Luzern die Primar- und Sekundarstufe besuchten. «Ich habe den Jungs, die auf dem Velo sassen, schon ab und zu nachgeschaut», räumt Adele Theiler ein. Gefunkt hat es dann an der Klassenzusammenkunft, acht Jahre nach dem Schulabschluss. «Ich erinnere mich noch an den ersten Kuss unter meiner Tür», sagt sie. «Schätzelen» in der Öffentlichkeit sei nicht gern gesehen worden, umso aufregender der Kuss.

Bei jedem Ausflug war ihre jüngere Schwester dabei und musste im Anschluss an das Date den Eltern Bericht erstatten. «Ein Sonntagsfifi», fügt Eduard an. Adeles Eltern, streng katholisch, gaben den Verliebten keinen Segen für die Hochzeit, weil ihnen Eduard zu wenig religiös war. Letztendlich liess sich der Pfarrer aber erweichen, und die Trauung wurde auf den 2. Mai angesetzt. «Der 1. Mai war uns zu heikel, da es so ein Halbfeiertag war», sagt Eduard. Auf dem Hochzeitsfoto sind sowohl Bräutigam wie auch Braut schwarz gekleidet. Warum, Adele Theiler? Wie so oft im Gespräch ergreift ihr Gatte das Wort und kommentiert die Fotografie von 1944: «Einen Lohn opferte ich für meine Kleidung, und aus dem Reststoff wurde für meine Frau ein Jackett genäht, die Blumen hat uns der Fotograf in die Hand gedrückt, weil ich keine hatte.»

«Streit? Nein, das hatten wir nie»

Nach der Heirat wurden fünf Kinder geboren. «Einmal mussten wir mit dem Motorrad ins St. Anna fahren, und innert 30 Minuten war die Tochter da», lacht er. «Welche war das schon wieder, Schatz?», fragt sie und tätschelt ihm dabei liebevoll auf den Oberschenkel. Die Altersdemenz macht sich bei ihr immer wieder bemerkbar. «Wir ergänzen uns perfekt, ich bin das Hirn und sie die Arme und Beine. Beim Kochen befehle ich und sie führt aus.» Eduard Theiler leidet an Polyneuropathie. Oft sind seine Arme von Lähmungserscheinungen betroffen. Deshalb die Arbeitsteilung. Aber so war es eigentlich in den 70 Ehejahren immer. Er sagte, was getan werden musste, und seine Frau hiess alles gut. «Streit hatten wir nie», sagt sie «eventuell Meinungsverschiedenheiten.» Der Sohn, Edy Theiler (68), bestätigt die Aussage seiner Mutter. «Sie hat halt auch zu allem Ja und Amen gesagt», lacht er. «Ich war auch immer damit einverstanden», verteidigt sie sich.

Zufriedenheit als Rezept

Das Rezept einer Ehe liege aber nicht im Befehlen und Gehorchen. «Zufrieden mit sich und der eigenen Situation zu sein, das ist die Basis für eine lange Beziehung. Man muss nicht immer mehr anstreben wollen», so Eduard. Erst als die Kinder mit einer Ausbildung in der Tasche das Haus verlassen hatten, konnten sie als Ehepaar die Zeit geniessen. «Da machten wir Ferien am Meer, an der Adria», schwärmt Adele. Organisiert hatte natürlich ihr Gatte.

Und wie wird denn heute die sogenannte Platin- oder Gnadenhochzeit gefeiert? «Wir haben nichts organisiert», antwortet Eduard Theiler. Den Blick seinem Sohn zugewandt, fügt er schmunzelnd an: «Aber vielleicht organisiert ja jemand etwas für uns?»