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PODIUMSGESPRÄCH: Wirtschaft zwischen Profit und Ethik

Die bereits siebte Veranstaltung der Reihe LZ-Forum beschäftigte sich diesmal mit der Frage: «Ethik in der globalen Wirtschaft – ein unnötiger Bremsklotz?»
Antonio Russo
Die Podiumsrunde bei der Beantwortung von Publikumsfragen: Felix Howald, Walter Palmers, Hans Widmer, Ivo Muri und LZ-Chefredaktor und Gesprächsleiter Jérôme Martinu.

Die Podiumsrunde bei der Beantwortung von Publikumsfragen: Felix Howald, Walter Palmers, Hans Widmer, Ivo Muri und LZ-Chefredaktor und Gesprächsleiter Jérôme Martinu.

Antonio Russo

Am längsten Tag und an einem der heissesten des Jahres wurden vergangenen Mittwochabend nicht weniger heisse Themen im angenehm klimatisierten Medienraum der «Luzerner Zeitung» verhandelt: globale Wirtschaft und Ethik. Der Co-Gastgeber der siebten Podiumsveranstaltung war neben der «Luzerner Zeitung» das Forum für Ethik und Ökologie Luzern.

Zum Auftakt des Abends warf Walter Palmers in seinem kurzen Impulsreferat einige Streiflichter auf das Phänomen der Globalisierung. In den 1990er-Jahren, als er noch CEO der Calida AG war, verlegte er die Produktion der renommierten Schweizer Bekleidungsfirma ins Ausland. Dieser Schritt sei nötig gewesen, «um das Überleben des Unternehmens zu sichern». Globalisierung, so Palmers weiter, habe wie alles zwei Seiten. Einerseits habe der weltweite Handel in Entwicklungsländern etwa zu mehr Wohlstand geführt, aber auch zum Stellenabbau im eigenen Land, wovon niedrig qualifizierte Arbeitskräfte besonders stark betroffen seien.

«Doch Protektionismus allein ist keine Lösung», sagte Palmers und führte als Beispiele die in der Schweiz «viel zu teuren» Medikamente und medizinischen Grundleistungen sowie die einheimische Zuckerproduktion auf, die in unserem Land «absolut keinen Sinn» ergebe. Als grösstes weltweit zu lösendes Problem, schloss Palmers, gelte die rasante Bevölkerungszunahme. Dieser lasse sich nur mit einer freiwilligen Familienplanung entgegenwirken.

Von den Vor- und Nachteilen der globalen Wirtschaft

In der von Gesprächsleiter und Chefredaktor der «Luzerner Zeitung» Jérôme Martinu eröffneten Diskussion ging es zunächst darum, die Balance zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit im globalen Wirtschaftsgefüge einzuschätzen. Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz: «Die Schweiz hat vom globalen Handel stark profitiert. Und in vielen Entwicklungsländern hat die Globalisierung eine Öffnung bewirkt, Arbeitsplätze geschaffen und für stabilere politische Verhältnisse gesorgt.» Auch Walter Palmers sieht im globalisierten Handel mehr Vor- als Nachteile, die den Menschen «allgemein mehr Wohlstand» gebracht hätten.

Der Surseer Unternehmer und Zeitforscher Ivo Muri legte den Fokus auf das Thema Geld: «Wir stehen an einem kritischen Punkt. Die Schere geht weit auseinander. Es gibt wenige, die viel Vermögen haben, und viele Menschen, die verschuldet sind.»

Hans Widmer, Co-Präsident des Forums Ethik und Ökologie Luzern, räumte zwar ein, dass die Globalisierung viele Vorteile gebracht habe und es der Schweiz im Vergleich zum Ausland wirtschaftlich gut gehe. «Wir dürfen aber nichts schönreden», gemahnte er. «Die Geschwindigkeit und der Zwang, mit der weltweiten Expansion mitzuhalten, haben viele Ressourcen verbraucht. Aus ökologischer Sicht ist es der Welt noch nie so schlecht gegangen wie heute.»

Welche Leitplanken?

Dass die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht beitragen könne, darin war sich die Runde einig. Welche Massnahmen dazu nötig seien, darüber gingen die Meinungen allerdings auseinander.

Für Ivo Muri braucht es in der Schweiz mehr staatliche Regulierung und mehr Schutzzölle. Unsere Gesellschaft müsse «viel mehr Einfluss auf die Wirtschaft nehmen» können, sagte er. Felix Howald wies auf den im Vergleich zum benachbarten Ausland sehr flexiblen Arbeitsmarkt in der Schweiz hin und auf die Tatsache, dass gerade in unserem Land die Gesellschaft sehr wohl Einfluss auf wirtschaftliche Prozesse nehmen könne; das habe die Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform III erst jüngst wieder gezeigt.

Verständnis von Ethik

Zum Kernthema des Abends stiess Hans Widmer, ehemaliger Philosophielehrer, mit einem Zitat von Pascal («Ni ange, ni bête») und sprach davon, dass der Mensch «ein krumm gewachsenes Wesen» sei, das man immer wieder zurechtbiegen müsse. Doch wer solle und dürfe denn korrigierend eingreifen? Der Staat, die Gesellschaft? Jeder und jede stehe in der Verantwortung, so Widmer. Aus dem Publikum kam die Frage auf, wie denn Ethik überhaupt zu definieren sei. Ivo Muri dazu: «Für mich ist es ein persönliches Prinzip und hat mit Wahrhaftigkeit zu tun, bei allem, was man sagt und tut.» Felix Howald versteht unter Ethik «verantwortungsvolles Handeln gegenüber dem Menschen und der Natur», das Selbstinteresse müsse stets im Gesamtinteresse betrachtet werden und dürfe Letzterem nicht schaden. Gerade global agierende Firmen hätten ein «soziales Gewissen», so Howald. Walter Palmers wiederum sieht Ethik «eng mit Nachhaltigkeit verknüpft». Ethik sei eine Reflexion über das Handeln des Menschen, führte zum Schluss Hans Widmer aus. Dabei spiele stets Toleranz mit. «Wichtig ist, dass ich mit meinem jeweiligen Handelspartner schaue, welchen Weg er gehen möchte, und dass ich mit ihm gemeinsam eine Lösung finde, die auch für meine Interessen stimmt.» Ist Ethik nun ein Bremsklotz für die globale Wirtschaft oder nicht? Noch einmal Hans Widmer: «Ethik wird zu wenig wichtig genommen, als dass sie ein Bremsklotz sein könnte», so das überraschend nüchterne Fazit.

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