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Poetry Slam als «Nebenbeschäftigung»

In wenigen Tagen moderiert Phibi Reichling mit Hazel Brugger die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Mit uns zieht er Vergleiche zur Theaterszene – und verrät, wieso er sich noch nie gegoogelt hat.
Chiara Zgraggen
Den 31-Jährigen kennt man unter den Poetry-Slammer. (Bild: Manuela Jans-Koch, Zürich, 1. November 2018)

Den 31-Jährigen kennt man unter den Poetry-Slammer. (Bild: Manuela Jans-Koch, Zürich, 1. November 2018)

Wildes Haar ziert sein Haupt, das ganz im Gegensatz zu seiner ruhigen, gar schüchternen Art steht. Dazu wiederum passt seine sanfte Stimme und die braune Hornbrille. So präsentiert sich Philipp «Phibi» Reichling in einem hippen Café im Zürcher Niederdorf. Dereinst hatte er ein Philosophiestudium begonnen, weil er etwas studieren wollte, «was ihm gefällt». Es gefällt dem Zürcher noch immer: Reichling arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit.

Seit zwölfeinhalb Jahren betreibt der 31-Jährige Poetry Slam als Hobby. «Obwohl Hobby nicht der richtige Begriff ist – viel eher würde ich von einer Nebenbeschäftigung sprechen», korrigiert der Philosoph. Eine «Nebenbeschäftigung», die viel Zeit in Anspruch nimmt: Pro Jahr bestreitet Phibi Reichling heute gegen 50 Auftritte. Einerseits als Slam-Poet, andererseits als Moderator. Die Anzahl Auftritte habe sich aber stark reduziert. «Mein Doktorat nimmt sehr viel Zeit in Anspruch», sagt er. Vor wenigen Jahren sei er bis zu 120 Mal jährlich auf den Bühnen des deutschsprachigen Raums gestanden.

Wer die Stars von Morgen kennen will, soll nach Zürich

Reichlings nächster Bühnenauftritt wird das Einzel-Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften sein. Dieses moderiert der Zürcher gemeinsam mit der Kabarettistin und Poetry-Slammerin Hazel Brugger im Hallenstadion. Mit ihr stand der Zürcher früher häufig bei Teamauftritten auf der Bühne. «Es ist aussergewöhnlich, dass die Meisterschaften in der Schweiz stattfinden», betont Reichling.

Das fünftägige Festival ist denn das grösste seiner Art weltweit. Es sei auch ein Sprungbrett für künftige Karrieren im Showgeschäft. «Betrachtet man Menschen, die an diesem Anlass auftraten und heute darüber hinaus bekannt sind – etwa Hazel Brugger – lohnt es sich für die Teilnehmer definitiv, hier anzutreten», sagt Phibi Reichling. Soll heissen: Wer die Bekanntheiten von morgen kennen will, muss heute die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften besuchen.

«Es ist aussergewöhnlich, dass die Meisterschaften in der Schweiz stattfinden.»

Phibi Reichling, Poetry-Slammer

ss heute die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften besuchen. Die Szene in der Schweiz sei im Gegensatz zu jener in Deutschland überschaubar. «Trotzdem sind auch die deutschsprachigen Meisterschaften wie ein grosses Familientreffen, bei dem von den ganz heissen Newcomern bis zu den arrivierten Szenegrössen alle gerne dabei sind», so Reichling. Viele dieser bekannten Poeten pflegen einen eigenen Internetauftritt – nicht so der 31-Jährige. «Ich habe kein Bedürfnis nach einer Webseite. Ich habe noch nicht einmal meinen Namen bei Google eingegeben.» Zudem betont er: «Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte.» Sein Facebookprofil sei auch deshalb nicht öffentlich zugänglich, so der Slammer.

Sich selbst gegoogelt? Hat der Poetry-Slammer nach einigen Angaben noch nie. (Bild: Manuela Jans-Koch, Zürich, 1. November 2018)

Sich selbst gegoogelt? Hat der Poetry-Slammer nach einigen Angaben noch nie. (Bild: Manuela Jans-Koch, Zürich, 1. November 2018)

Auf dem Videoportal Youtube sind einige Auftrittsvideos von ihm zu sehen. «Eigentlich möchte ich diese aber löschen lassen», gesteht er. Weshalb? «Die Videos sind nicht sehr gut», fügt er nach einer Denkpause lachend an. Fast entschuldigend seine Erklärung: «Durch meine vielen Auftritte konnte ich meinen Erfahrungsschatz bereichern, wurde so besser und routinierter.» Reichling schaut sein Gegenüber an: «Ist es beim Journalismus nicht dasselbe? Mit der Zeit erlernt man sein Handwerk.»

«Durch meine vielen Auftritte konnte ich meinen Erfahrungsschatz bereichern, wurde so besser und routinierter.
Ist es beim Journalismus nicht dasselbe?»

Phibi Reichling, Poetry-Slammer

Wie viele Auftritte er bisher bestritten hat, entzieht sich seiner Kenntnis. «Generell ist es so», sagt er, schiebt seine Teetasse weg, und setzt nochmals an: «Generell ist es auch beim Poetry Slam so, dass man es einfach mal versuchen muss. Die Wenigsten sind bei ihren ersten Auftritten richtig gut.» Er rät Anfängern, einfach zu schreiben und aufzutreten. «Natürlich hilft Talent und eine gewisse Kreativität. Vieles ist aber lernbar.»

Warum der Slam immer noch eine tolle Spielwiese ist

Auch er sei vor zwölfeinhalb Jahren kurz entschlossen auf die Bühne gestanden, um «sich auszuprobieren». Seinem Umfeld habe er von Beginn an von seiner Nebenbeschäftigung erzählt. «Meine Familie besucht auch heute noch viele meiner Auftritte», sagt Reichling und schmunzelt. Damals, vor gut zwölf Jahren, sei die Szene aber noch kaum bekannt gewesen. «Durch die Medienpräsenz ist aber ein grösseres Bewusstsein für Poetry Slam entstanden», sagt er.

Dennoch sei die Szene heutzutage noch nicht derart «hyperprofessionell» wie beispielsweise die Theaterszene. «Das ist auch gut so. Somit hat die Szene einen grösseren Bewegungsspielraum», ist sich der Poetry-Slammer sicher. Dennoch wünscht sich der Philosoph «eine theoretische, intellektuelle Diskussion» über Poetry Slam. «Wie es das beim jedem anderen Kulturformat gibt.»

Hinweis: Die deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften finden vom 6. bis 10. 11. an diversen Orten in Zürich statt. www.slam2018.ch

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