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Poetry Slam Meisterschaft in Luzern: «Ein Erzbischof hat den Buss- und Bet(t)-Tag zu wörtlich genommen»

Im Luzerner Neubad fand am Samstag die U20 Poetry-Slam-Meisterschaft der Innerschweiz statt. Der Gewinner heisst Benjamin Flur-Koch und kommt aus dem Freiamt.

Chiara Zgraggen
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Ein Mensch mit seiner Stimme, seinem Talent und einigen Blättern Papier. Mehr braucht ein Poetry Slammer nicht.

Ein Mensch mit seiner Stimme, seinem Talent und einigen Blättern Papier. Mehr braucht ein Poetry Slammer nicht.

 Nadia Schärli, Luzern, 16. Februar 2020

Ein Aargauer mit langem braunem Schopf wird den Titel «Innerschweizer U20 Poetry Slam Meister» nach Hause nehmen und mit seinen Kontrahentinnen den Sieg mit einer Flasche Jelly Beans feiern. (Zur Erklärung: Der Sieger eines Slams gewinnt jeweils eine Flasche Whiskey, die er dann meistens mit den anderen teilt. Dies mit Ausnahme von U20-Wettbewerben – darum hier die Flasche mit Süssigkeiten.) Gewinnen befriedigt ihn aber nur stückweise. Aber spulen wir zurück zum Anfang.

Es ist Samstagabend, 19 Uhr. Exakt eine halbe Stunde vor Beginn des Innerschweizer Poetry Slam Wettkampfs der unter 20-Jährigen im Luzerner Neubad. Poetry Slam ist eine neuartige Kunstform, die in den frühen 80er-Jahren in Chicago ihren Anfang nahm. Kurz gesagt: Menschen präsentieren vor Publikum selbst verfasste Texte, die Zuschauer bewerten diese mittels Lautstärke des Applauses oder mit einer Laien-Jury und ermittelt so den Sieger des Dichter-Wettstreits.

Die Regeln des Poetry Slams:

1. Der Text ist selbst zu schreiben.

2. Mehr als 50 Prozent des Textes muss gesprochen und darf nicht gesungen werden.

3. Der Auftritt dauert höchstens sechs Minuten.

4. Verkleidungen oder Requisiten sind verboten.

5. «Respect the poet»: Das Publikum soll den Dichter respektieren und dementsprechend auf Ausbuhen oder Ähnliches verzichten.

Von Dadaismus, Nationalismus und Kapitalismus

Amani Christen aus Abtwil ist anders. Schon wenn sie sich erhebt, um ins Scheinwerferlicht zu treten, wird klar: Diese junge Frau ist unkonventionell. Ihr sind die Meinungen anderer über sie offenbar nicht wichtig. So trägt sie keine Schuhe, es zieren Socken mit Emojis ihre Füsse. Bevor die Aargauerin mit ihrem «Slam», wie ein Auftritt genannt wird, beginnt, sagt sie:

«Mein Text ist ein spezieller, den nicht alle verstehen werden. Ich glaube an euch.»

Was dann folgt, könnte ein Autor als «unangenehme Stille» abtun. Sie lässt ihren Körper zucken, sagt nichts, blickt ins Publikum. Amani räuspert sich. Die Zuschauer lachen, das tonlose Schauspiel geht so noch einige Augenblicke weiter. Sie kehrt dem Publikum ihren Rücken zu bis sie sich umdreht, den Blickkontakt mit den Zuschauern sucht und nur ein Wort von sich gibt, ehe die Menschen erneut zu lachen beginnen. «Kommunismus».

Es folgen weitere, zusammenhanglose Worte. «Nationalismus.» «Dadaismus.» «Anarchismus.» «Humanismus.» Zwischen den Wörtern erstreckt sich eine lange Sprechpause, alsdann sie entweder weitere Wörter mit der Endung -ismus von sich gibt oder eine Definition des eben genannten Wortes erläutert. Das ist ihr Slam.

Dies mag im ersten Moment irritieren, doch das Publikum ist begeistert. Die Szenerie erinnert schwach an Dadaismus – verstehen kann und muss der Rezipient nicht alles Gehörte. Die Jury ist begeistert - und wählt die junge Aargauerin in die letzte Runde des Innerschweizerischen Finals.

Eine Übersicht über alle Poeten und ihre Texte finden Sie in der Bildstrecke:

Den Anfang macht Julie Roth aus Basel. Sie präsentiert ein Gedicht anlässlich des Valentinstags. Auswendig spricht sie und wechselt dabei immer mal wieder von Hochdeutsch in ihren Basler-Dialekt. Ihr Text ist tiefgründig wie auch scherzhaft. So erntet ihr Satz «Rosen sind rot. Mini Haar äu» viel Gelächter vom Publikum.
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Die Baslerin holt 24 Punkte und qualifiziert sich damit nicht für die Finalrunde.
Die Altdorferin Stella Sackmann erzählt in ihrem Slam über Tinder und dass nicht jeder ein Aktivist sei, nur weil er Fleischesser «disse». In Hochdeutsch appelliert sie zu gegenwärtigen Problemen wie braunem Gedankengut und dankt all jenen, sie sich erheben.
Obwohl der Text dem Publikum gefällt, qualifiziert auch sie sich nicht für eine weitere Runde. Sie erhält 23 Punkte.
Amani Christen spricht über Nationalismus, Humanismus, Anarchismus und viele weitere Begriffe. Sie sagt «ismus ist ein Muss».
Dem Publikum gefällts: 27 Punkte und somit der Einzug in die Finalrunde resultieren aus ihrem Auftritt.
Marlene Kulowatz leitet in ihren Auftritt mit den Worten «Der Text ist harmlos. Wenn er dramatisch wird, senke ich meine Stimme.» Die Dominostein-Theorie zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Programm.
Mit 24 Punkten und einem gewonnenen «Schere Stein Papier» gelingt ihr der Einzug ins Finale.
Schon im letzten Jahr gewann er die Innerschweizer Meisterschaft, jetzt möchte er es nochmals wissen: Benjamin Flur-Koch. Er erzählt ein «kurioses Märchen, weil es ein kurioses Märchen ist» und wählt als Thema Sparmassnahmen.
Sein Auftritt wird mit 27 Punkten quittiert. Dies bedeutet auch für ihn den Einzug in die Finalrunde.
Aus Brunnen angereist ist Andrea Berger. Sie habe ein «Scheiss 2019» gehabt, informiert sie zu Beginn ihrer Erzählung. Sie sei nur ein Mensch und nicht Harry Potter und sie wisse, dass meist nur lustige Texte gewännen. Sie werde daher nicht gewinnen, aber sie sei so oder so nur da, um dabei zu sein.
Andrea Berger sollte recht behalten: Die Jury vergibt 23 Punkte, somit ist sie ausgeschieden.

Den Anfang macht Julie Roth aus Basel. Sie präsentiert ein Gedicht anlässlich des Valentinstags. Auswendig spricht sie und wechselt dabei immer mal wieder von Hochdeutsch in ihren Basler-Dialekt. Ihr Text ist tiefgründig wie auch scherzhaft. So erntet ihr Satz «Rosen sind rot. Mini Haar äu» viel Gelächter vom Publikum. 

Nadia Schärli, Luzern, 16. Februar 2020

Wer hat sein Bett gestohlen?

Im Finale treten Amani Christen, Marlene Kulowatz und Benjamin Flur-Koch gegeneinander an. Amani spricht hierbei über Farben und wie sie Menschen beeinflussen, Benjamin Flur-Koch über sein Bett sowie Erzbischöfe und Biber bevor Marlene die Schlussrunde mit einem Text über eine fiktive Philosophieprüfung beendet.

Der Entscheid vom Publikum fällt auf den 17-jährigen Benjamin. Bei seinem Auftritt spricht er in Mundart darüber, dass nach seinem Umzug plötzlich sein Bett verschwunden gewesen sei. Für ihn seien zwei Szenarien in Frage gekommen: Entweder hätte sich ein hungriger Biber über sein Bett hergemacht oder ein Erzbischof den Buss- und Bet(t)ag zu wörtlich genommen und beim Umzug sein Bett als Spende mitgenommen. Alsgleich erntet der Schüler Sympathiepunkte beim Publikum.

Dann vergleicht er Sex ohne Bett mit
der Deutschen Bahn: Sie komme nicht.

Auch dies quittieren die Zuschauer mit Gelächter und Beifall.

Der Beitrag des Gewinners Benjamin Flur-Koch in voller Länge:

Ein Gewinner der keiner sein will

Nach der Siegerehrung sagt er, dass der Sieg bei ihm zwiespältige Gefühle hinterlasse. Einerseits wäre es ihm lieber, wenn es gar keinen Gewinner gäbe. Andererseits sei es schon «cool», einen Wettbewerb zu gewinnen.

Inspiration für seine Texte sammelt er im Alltag; es gäbe manchmal Situationen, die ihn «hässig» machen würden oder die er «geil» fände. Er ist indes bereits seit zwei Jahren in der Poetry Slam Szene aktiv. So gewann der Aargauer bereits im vergangenen Jahr die Innerschweizer U20-Meisterschaft.

Doch weshalb ist ein Aargauer überhaupt an einer Innerschweizer Meisterschaft? Die Szene sei schlicht zu klein, sagt Mit-Organisator Henrik von Dewitz, um nur in der Region zu bleiben. Zudem stamme Benjamin aus Dietwil, also aus dem Freiamt, und gehöre somit praktisch auch zur Zentralschweiz.

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