POLITIK: «Wir wollen noch 800 Studenten mehr»

Die Uni soll wachsen, die Hochschule neue Gebäude bekommen und die Pädagogische Hochschule das Wachstum stoppen. Bildungsdirektor Reto Wyss sagt, wie die drei Hochschulen auf dem Bildungsplatz Luzern in Zukunft aussehen werden.

Interview Luzia Mattmann
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«In den letzten Jahren mussten wir Abstriche machen, die einem Bildungspolitiker Kopfschmerzen bereiten», sagt der Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss. (Bild Manuela Jans)

«In den letzten Jahren mussten wir Abstriche machen, die einem Bildungspolitiker Kopfschmerzen bereiten», sagt der Luzerner Bildungsdirektor Reto Wyss. (Bild Manuela Jans)

Reto Wyss, das neue Semester für die Luzerner Hochschulen steht vor der Tür – wahrscheinlich wird dieses Jahr der Rekord von 10 000 Studenten geknackt. Ein Grund zum Feiern?

Reto Wyss*: Das freut mich natürlich und ist der Beweis, dass das Angebot den Bedürfnissen der Region entspricht und wir uns auch im schweizerischen Wettbewerb behaupten können.

Die Uni Luzern wurde ursprünglich für 900 Studenten geplant, auch die Hochschule Luzern und die Pädagogische Hochschule (PH) Luzern wachsen stark. Das alles kostet viel Geld – muss man dieses Wachstum beschränken?

Wyss: Bei der Pädagogischen Hochschule sind wir dankbar, wenn wir Studenten haben, welche die Abgänge der pensionierten Lehrer kompensieren. In den nächsten Jahren werden viele Lehrer pensioniert, die ersetzt werden müssen. Bei der Fachhochschule und der Uni planen wir eine Entwicklung nicht in die Breite, sondern in die Tiefe.

Trotzdem plant die Hochschule ein sechstes Departement, Informatik, und die Uni eine neue Fakultät; Wirtschaft.

Wyss: An der Hochschule haben wir bereits eine Ausbildung im Bereich Informatik. Mit der Schaffung eines Departementes würden wir diesen Schwerpunkt vertiefen. Auch an der Uni existieren schon Lehrangebote im Bereich Wirtschaft, die in der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät angesiedelt sind. Ausserdem geht es bei der Uni darum, eine kritische Grösse zu erreichen.

Die Uni zählt heute rund 2600 Studierende im Bachelor- und Masterstudium. Welches wäre denn die kritische Grösse?

Wyss: Die Angebote, die wir an der Universität führen, stagnieren bei den Neueinschreibungen von Studienanfängerinnen und -anfängern oder sind teilweise sogar leicht rückläufig. Auch wenn wir wissen, dass wir wohl die kleinste Uni bleiben werden, möchten wir da nicht ganz abseits stehen.

Welche Grösse streben Sie für die Uni Luzern denn an?

Wyss: Konkret streben wir ein Wachstum um rund 800 Studenten an, dies entspricht der geplanten Grösse der Wirtschaftsfakultät, wie sie im Planungsbericht über die Hochschulentwicklung skizziert ist. Die Grösse kann man aber nicht allein über die Studierendenzahl definieren. Es geht auch um die Bedeutung und Ausstrahlung der Uni. Mit mehr Studenten wächst die Innovation, es kommt zur verstärkten Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, und Dozenten werden angezogen, die zur positiven Ausstrahlung der Hochschule beitragen.

Inwiefern könnte die Infrastruktur ein Wachstum bremsen?

Wyss: Bei der Uni und der PH lässt das neue Gebäude noch ein Wachstum zu. Bei der Hochschule Luzern gibt es verschiedene räumliche Herausforderungen. Für das Departement Musik läuft ein Projektwettbewerb für einen Neubau beim Südpol, das Departement Technik & Architektur in Horw muss saniert und allenfalls erweitert werden, und auch für das Departement Design & Kunst suchen wir mittelfristig eine zentrale Lösung für die mehreren dezentralen Standorte von heute.

Die PH hätte gern ein eigenes Gebäude. Ist das realistisch?

Wyss: Mittelfristig bleibt das wohl ein Wunsch – es geht dabei auch um die Identität der Schule. Der Nutzen eines neuen PH-Gebäudes hängt von der Entwicklung der Schülerzahlen und von den Finanzen des Kantons ab.

Dass es vor allem mit Letzterem nicht zum Besten steht, haben Sie ja schon öffentlich festgestellt.

Wyss: Alle müssen sparen. Weil die Bildung ein grosser Budgetposten ist, fallen hier auch grosse Einsparungen an.

Wie wirkt sich das auf die Hoch­schulen aus?

Wyss: In den letzten Jahren mussten wir Abstriche machen, die einem Bildungspolitiker Kopfschmerzen bereiten. So bleiben wir beispielsweise bei der Hochschule im Bereich Forschung unter den Vorgaben des Bundes. Die Hochschule Luzern wird ja durch ein Konkordat der Zentralschweizer Kantone geführt. Im Moment ist Luzern der Kanton unter den Konkordatspartnern, der entwicklungsmässig auf die Bremse stehen muss, aus finanziellen Gründen.

Derweil scheint die private Finanzierung an den Hochschulen immer wichtiger zu werden. Die Wirtschaftsfakultät soll mit Drittmitteln aufgebaut werden, und auch an der Hochschule spielen private Geldgeber, etwa im Zusammenhang mit Forschungsprojekten, eine wichtige Rolle.

Wyss: Ganz neu ist das nicht. Auch die Rechtsfakultät wurde mit Drittmitteln aufgebaut. Der Betrieb läuft aber ohne Drittmittel.

Auch beim geplanten neuen Stipendiengesetz spielen private Geldgeber eine wichtige Rolle, und die Uni Luzern verkauft seit dem letzten Jahr Werbeflächen in ihrem Gebäude. Wie weit darf private Finanzierung gehen?

Wyss: Natürlich darf es nicht sein, dass Private bei der Wahl der Dozierenden mitbestimmen – solche Fälle wären mir auch nicht bekannt. Es werden bei uns keine amerikanischen Verhältnisse einkehren. Aber wenn ich sehe, welche Herausforderungen die öffentliche Hand hat, ist sie darauf angewiesen, dass Private mithelfen. Es gibt interessante Zusammenarbeitsformen zwischen Forschung und Wirtschaft. Die Freiheit in Lehre und Forschung darf aber dabei nicht eingeschränkt werden.

Um den Kanton und die Schulen zu entlasten, könnte man auch die Studiengebühren erhöhen. Ist dies für die nächsten Jahre geplant?

Wyss: Wir werden die Politik der letzten Jahre weiterverfolgen. Wenn im schweizerischen Umfeld eine Erhöhung der Gebühren stattfindet, werden wir das auch ins Auge fassen. Wir wollen aber die Gebühren nicht übermässig erhöhen, da wir auch in einem Wettbewerb zu den anderen Hochschulen stehen. Aber wir werden sicher nicht die Studiengebühren ganz streichen, wie dies Universitäten in Deutschland jetzt teilweise tun.

Die Uni und die Hochschule lagen sich wegen der geplanten Wirtschaftsfakultät in den Haaren. Wie ist das Verhältnis zwischen den beiden Schulen?

Wyss: Die Schulen haben einen Statusbericht zur geplanten Wirtschaftsfakultät unterzeichnet. Seither verläuft die Diskussion auf einer sachlichen Ebene, was vorher nicht der Fall war.

Könnten die drei Hochschulen nicht noch mehr zusammenarbeiten, als dies jetzt der Fall ist?

Wyss: Die Zusammenarbeit der drei Schulen findet schon statt, etwa bei Ausbildungen, im Hochschulsport oder bei der Krippe. Sie ist aber sicher noch verbesserungsfähig, zum Beispiel bei den internen betrieblichen Informatik-Dienst­leis­tungen.

* Reto Wyss (48) ist Luzerner Bildungs- und Kulturdirektor und Präsident des Konkordats­- rates der Fachhochschule Zentralschweiz.