Zentralschweizer Polizeikorps geben lukrative Begleitung von Sondertransporten ab

Nach Zug und Schwyz wollen auch die übrigen Zentralschweizer Polizeikorps die Begleitung von Sondertransporten auslagern.

Evelyne Fischer
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Schwertransporte, wie hier in Rotkreuz, werden künftig von privaten Firmen wie der Martin Brunner Transport AG begleitet. (Bild: Manuela Jans, 11. Juli 2019)

Schwertransporte, wie hier in Rotkreuz, werden künftig von privaten Firmen wie der Martin Brunner Transport AG begleitet. (Bild: Manuela Jans, 11. Juli 2019)

Der Kanton Zürich hat es zu Beginn des Jahres vorgemacht, Zug und Schwyz taten es ihm per Juli gleich: Ausnahmetransporte – im Volksmund Schwertransporte genannt – werden hier nicht mehr durch die Polizei begleitet. In die Bresche springen stattdessen neu private Firmen. «Die polizeiliche Erfahrung hat gezeigt: Mit der Begleitung durch entsprechend ausgebildete und geprüfte Unternehmen gehen weder ein Sicherheitsdefizit noch eine Behinderung des Verkehrs einher», sagt Frank Kleiner, Sprecher der Zuger Polizei.

Die Kantone Luzern, Uri sowie Ob- und Nidwalden wollen die Auslagerung ebenfalls vollziehen – per 1. Januar 2020. «Bei der Begleitung von Ausnahmetransporten handelt es sich um kein eigentliches Kerngeschäft der Polizei», begründet Franz-Xaver Zemp, Leiter der Fachstelle Verkehr bei der Luzerner Polizei, den Schritt. Stefan Simmen, Chef des Schwerverkehrszentrums Erstfeld, ergänzt: «Durch die Auslagerung einzelner Begleitfahrten können unsere Einsatzkräfte anderweitig eingesetzt werden.» Meist wurden Polizeiassistenten mit solchen Begleitungen betraut.

Luzerner Polizei verliert rund 80'000 Franken

Mit dem teilweisen Delegieren dieser Aufgabe (siehe Box am Ende des Textes) entgehen den Zentralschweizer Polizeikorps jedoch auch Einnahmen: «Wir rechnen aufgrund von unseren Erfahrungen mit jährlich 80'000 Franken Mindereinnahmen», sagt Zemp von der Luzerner Polizei. Genau lasse sich das nicht beziffern. «Die Aufträge schwanken von Jahr zu Jahr stark und sind vom Gang der Wirtschaft oder der Ausführung einzelner Projekte abhängig.»

Auf rund 10'000 Franken schätzt Marco Niederberger, Leiter der Obwaldner Verkehrs- und Sicherheitspolizei, die Ausfälle. Wie Zemp betont auch Niederberger: «Die finanziellen Auswirkungen waren für den Entscheid nur sekundär und sind Stand heute auch nur schwer abschätzbar.» In Zug dürften laut Frank Kleiner jährlich rund 20'000 Franken wegfallen, von Uri waren dazu keine Angaben zu erhalten. In Nidwalden habe die Auslagerung aufgrund sehr weniger Begleitfahrten «finanziell keine Auswirkungen», so Lorenz Muhmenthaler, Leiter der Verkehrs- und Sicherheitspolizei.

Luzerner Unternehmen rüstet sich für Auftragswelle

Aktuell sind in der Schweiz über 120 private Unternehmen berechtigt, Ausnahmetransporte zu begleiten. «Der Transporteur kann aus einem Pool von Transportbegleitern auswählen», sagt Kleiner, Sprecher der Zuger Polizei. Zwei Stadtluzerner Firmen sind derzeit im Kanton Zürich als Ausnahmetransportbegleiter anerkannt: die Martin Brunner Transport AG und die Autotransport Leuthold AG. «Bislang haben wir primär interne Schwertransporte begleitet und jene der Kantone Aargau, Baselland und -stadt, Graubünden, Solothurn sowie Zürich, welche die Transporte ebenfalls bereits ausgelagert haben», sagt Josef Frank, Dispoleiter und Geschäftsleitungsmitglied der Martin Brunner Transport AG, die 75 Mitarbeiter zählt. «Mit der Auslagerung kommt per 2020 ein enormes zusätzliches Volumen auf uns zu. Wir rüsten derzeit ein weiteres Fahrzeug für den Begleittransport aus und schicken im Herbst zwei weitere Angestellte in die Schulung, drei Mitarbeiter haben die entsprechende Prüfung bereits absolviert.» Sie gehörten zu den ersten schweizweit.

In Sachen Ausnahmetransportbegleitung ist die Martin Brunner Transport AG laut Frank einer der grössten Kunden der Luzerner Polizei. Am häufigsten transportiert die Firma Frachten wie Baumaschinen oder überdimensionierte Güter aus Bau und Industrie. Die Tarife setzen sich aus den geleisteten Stunden und Begleitkilometern zusammen. Frank macht ein Beispiel: Eine Begleitfahrt von Honau auf Rotkreuz, die rund eine Stunde dauert, beläuft sich auf knapp 200 Franken.

Im Schnitt erledigt die Martin Brunner Transport AG aktuell monatlich rund 50 Aufträge mit vorgeschriebenen Polizei- oder Ausnahmetransport-Begleitungen. «Wie viele es in Zukunft sind, ist schwierig abzuschätzen. Wir rechnen mit einer zusätzlichen Zunahme aufgrund von Auflagen der Sonderbewilligungsbehörden sowie steigender Verkehrssicherheit», so Frank. Dass künftig wohl noch mehr private Unternehmen die Bewilligung für Ausnahmetransportbegleitungen anstreben, nimmt der Dispoleiter gelassen. «Die Begleitfahrten sind zum einen nicht unsere Haupteinnahmequelle, zum anderen glaube ich nicht, dass sich ein Preiskampf entwickeln wird.»

Bisher koordinierte Erstfeld die Schwertransporte

Polizeiliche wie auch private Transportbegleiter sind verpflichtet, Güter sicher von A nach B zu bringen. Sie müssen den Verkehr warnen, nötigenfalls regeln oder anhalten. Zwingend besondere Schutzanordnungen sind für überdimensionale Frachten ab bestimmten Ausmassen erforderlich: Dann, wenn das Transportgut die Breite von 3,80 Metern, die Höhe von 4,80 Metern oder die Gesamtlänge von 35 Metern übersteigt oder massives Übergewicht aufweist.

Ob ein Frachtgut durch die jeweilige Transportfirma, die Polizei oder durch ein privates Ausnahmetransportunternehmen begleitet werden muss, entscheidet die Schadenwehr Gotthard im Falle der Nationalstrassen und das kantonale Strassenverkehrsamt für das übrige Strassennetz. «Bei den weiterhin durch die Polizei begleiteten Ausnahmetransporten – insbesondere in Uri – handelt es sich um Transporte, die Streckensperrungen, das Linksumfahren von Kreiseln oder Fahrten als Geisterfahrer auf der Autobahn bedingen», sagt Stefan Simmen, Chef des Schwerverkehrszentrums Erstfeld. «Klassische Beispiele in Uri sind grosse Steinbrecheranlagen, Turbinenwellen oder Flügel von Windrädern.»

Im Rahmen einer interkantonalen Vereinbarung wurden in der Zentralschweiz bislang viele Ausnahmetransporte durch die Kapo Uri im Schwerverkehrszentrum Erstfeld koordiniert. Die Kapo Uri verzeichnete letztes Jahr 555 Begleitfahrten, 2017 deren 591. Mit der Auslagerung an private Unternehmen fällt die Koordination per Januar 2020 wieder an die jeweiligen Kantone zurück. (fi)