POP: Neue Bands buhlen um «best talent»

Luzern rockt und demonstriert Vielfalt: Mehrere Bands warten mit einer neuen CD auf. Die Musik punktet auch bei DRS 3, wo die Songs schon heftig rotieren.

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Neue Musik aus Luzern (von oben links im Uhrzeigersinn): Monotales, Hej Francis!, Portobello und Baby Genius. (Bilder pd)

Neue Musik aus Luzern (von oben links im Uhrzeigersinn): Monotales, Hej Francis!, Portobello und Baby Genius. (Bilder pd)

Monotales sind sicher die Luzerner Band der Stunde, auf die sich die meisten einigen können. Ihre Mischung aus Americana, Country und Pop ist gut gemacht und souverän gespielt. Die Songs streicheln das Gemüt und bohren sich unwiderstehlich in die Ohren. Mauro Guarise ist ein Sänger, der nicht nur gut singt, sondern mit einem quasi akzentfreien Amerikanisch so artikuliert und phrasiert, dass man sich mitten auf dem Weg in den amerikanischen Süden wähnt. Das istschon mal mehr, als man von Schweizer Bands gemeinhin erwarten darf.

Countryballade mit Heidi
Gleich der erste Song «Don?t Wanna Go To Heaven» ist ein gnadenloser Ohrwurm, in dem Guarise wie ein launischer Desperado Richtung Hölle fährt, wo es wenigstens ein paar Drinks an der Bar gibt. Auf «Love Is Fair» leuchtet zum ersten Mal eine Orgel auf und bringt Soul in den Song. Und wenn sich auf

dem nächsten Song «If Your Love Had Made Me Strong» auch Heidi Happy für zwei Strophen einklinkt und mit Guarise den Refrain singt, sind alle Herzen weichgewalzt und hat die Schweiz ihre bisher ergreifendste Countryballade.

Monotales haben ein feines Händchen für die diversen Americana-Stimmungen, mit denen sie ihre Songpalette von Folk über Country bis Folk-Rock imprägnieren. Sie verzichten auf quere Sound-Interventionen oder ein paar härter ausgreifende Gitarrensoli, was ihre CD enorm zugänglich und radiokompatibel macht. Dessen ungeachtet ist das ein Album, das man Americana- Freunden uneingeschränkt empfehlen darf. Es ist nie peinlich, es ist nur schön.

Chanson-Pop mit Francis
Nachdem im Juni schon Alvin Zealot von Radio DRS 3 zu einer «best-talent»-Band erkoren wurde, schafften es im Oktober auch Monotales in die erlauchte Förderungsrunde. Mit Hej Francis! ist jetzt die dritte Luzerner Formation als «best-talent»-Band nominiert worden. Mit seinem ersten vollen Album etabliert das Quartett um den Sänger Cédric Lagger und den Gitarristen Jonas Wydler einen

heiteren Chanson-Pop, mit dem es schon auf seiner EP vor gut einem Jahr überraschend breit auf Resonanz stiess.

Die Band singt auf Französisch, was hierzulande schon mal aus dem Rahmen des Gängigen fällt. Die Songs kommen aufgeräumt und verspielt, gewisse – wie der Titelsong – haben auch mal einen ernsthaft-feierlichen Unterton. Unbeschwert klingt «De la part de novembre», auf dem als Gast Chris Wicky zu hören ist. Der Sänger der Rockband Favez und Kopf des Singer/Songwriter-Projekts Sad Riders singt hier erstmals auf Französisch. Schwelgerisches im eigentlichen Sinne wird – zum Glück – nur fein dosiert gegeben. Der Puls ist mehrheitlich nach vorne gerichtet. Kleine feine Gitarrenakzente zieren die Songs. Mit dem Einzug von Piano und Akkordeon kommt ein Honky-Tonk- und Gemütlichkeitsfaktor ins Spiel, was den Songs nicht zum Schlechten gereicht. Es ist ein leichtfüssiges Album geworden, das die Luzerner Szene hoffentlich auch bald mal über den Röstigraben trägt.

Brit-Rock mit Baby Genius
Gut möglich, dass sich im Dezember auch Baby Genius in die Reihe der «best talents» einreihen wird: Das zweite Album des Luzerners Ivo Amarilli, der dieses Jahr mit dem Werkpreis von Stadt und Kanton Luzern

ausgezeichnet wurde, lässt zunächst mit seiner entspannteren Gangart und dem ruhigeren Puls seiner Songs aufhorchen.

Das trifft – mit Ausnahme des etwas einsilbigen Openers «Razmatazz» – vor allem auf die erste Hälfte des Albums zu. Kontrabass, Keyboard und auch ein Cello geben hier eine passende Instrumentierung. Später folgen dann eher die melodieseligen Hymnen à la Brit-Rock, mit drängendem Schlag und klirrenden Gitarren.

Baby Genius ist ein Musiker, der frisch von der Leber weg funktioniert. Auf dem aktuellen Album hat er sich einer breiteren Palette von Einflüssen geöffnet. Trotzdem gärt da noch immer diese Sturm-und-Drang-Energie, die sein Debüt auszeichnete und die früher auch seine Helden Mothers Pride hatten. Wie Hej Francis! ist das neue Werk von Baby Genius vom Luzerner Tobi Gmür (Chevalac/Mondaine) produziert worden.

Rock-Riffs mit Portobello
Die dritte CD der Luzerner Band Portobello braucht etwas mehr Zeit, um ihre Besonderheiten durchscheinen zu lassen. Ein wiederholtes Hören – möglichst ohne die Texte mitzulesen, was zu stark von der Musik ablenkt – bekommt den Songs gut. Musikalisch hat das Trio seine Qualitäten verdichtet. Das Brit-Poppige wurde

dankbarerweise gezügelt, und dafür wurde mehr den repetitiven Elementen, elektronischen Inputs und auch mal dem Sprechgesang Raum gegeben.

«Bats» ist mit seinem schleichenden Vampir-Feeling und seinen abwechslungsreichen Akzenten der perfekte Einstieg in die Soundwelt von Portobello. Zu den auffallenderen Tracks gehören «Melatonin Please!», in dem die Rap-Stimme von Burni Aman den Gesang von Burri kontrastiert und ein gut pushender Beat für Rückgrat sorgt, sowie «Clusterfuck» mit seinem trockenen und repetitiven Gestus.

Existenzielle Note
Gemessen an anderen rockigen Vernehmlassungen von Schweizer Bands, gehören Portobello sicher in die differenzierte Liga. Sie verfolgen eine eigene musikalische Spur und antworten nicht einfach mit dem Nächstliegenden. Ihr Indie-Rock hat eine existenzielle Note und bekommt einen eigenen Stempel durch die Stimme von Markus Burri. Dass es am Ende doch nicht nach altem Progrock klingt, macht deutlich, wie gut Portobello entschlacken, aber auch die rockigen Riff-Passagen klar auf den Punkt spielen können.

Pirmin Bosshart / Neue LZ