PORTRÄIT: Quoten, Bomben und Kritiker

TV-Chefredaktor Diego Yanez über Quoten, heikle Einsätze in Krisengebieten und Fanpost.

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Diego Yanez im Tagesschau-Studio in Zürich. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Diego Yanez im Tagesschau-Studio in Zürich. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Er fällt dem Besucher nicht gleich auf, aber ist ja klar, dass man sich sofort nach dem Flachbildschirm
in Diego Yanez’ Büro umsieht. Und tatsächlich: An der Wand hängt das grosse, schwarze Ding. Doch der Fernseher des Chefredaktors beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) läuft nicht. Wegen des Interviews? Yanez winkt ab. Das Gerät laufe selten. «Kann ja nicht den ganzen Tag fernsehen.» So viel zum Klischee.
Der 54-jährige Chefredaktor, in Spanien geboren, im Kanton Solothurn aufgewachsen und heute in Hochdorf wohnhaft, sitzt in seinem Büro in Zürich-Leutschenbach. Jeans, Halbschuhe, die Ärmel des karierten Hemdes leicht nach hinten gekrempelt. Yanez wirkt entspannt – auch dann, als wir ihn auf die anhaltende Kritik am Staatsfernsehen ansprechen. Denn egal, ob es um fehlende Quoten, falsche Einblender oder ärgerliche Versprecher geht: Die Kritiker sind prompt zur Stelle. «Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht medial angegangen werden.» Das störe ihn nicht, er nehme die Rückmeldungen ernst. «Ein Problem habe ich,
wenn die Kritik polemisch ausfällt, was leider immer wieder vorkommt.» Dann wehrt sich der Chefredaktor. «Wissen Sie, uns gehts gleich wie der Fussballnationalmannschaft.» Was er meint: Egal, wie Hitzfeld sein Team aufstellt – 8 Millionen Hobbytrainer wissen es besser. Yanez betont während des Gesprächs mehrmals,
was ihm als Chef besonders wichtig ist: «Wir müssen uns unsere Entscheide gut überlegen. Wenn wir jedoch
etwas tun, müssen wir es mit voller Überzeugung durchziehen.» Wer immer auf die Stimmen von aussen höre, ende als «Windfahne» ohne Profil.

Heikle Einsätze in Krisengebieten

Durchgreifen muss Yanez als Chefredaktor auch dann, wenn die Frage auftaucht, ob einer seiner Auslandreporter in ein Krisengebiet reisen soll, um für das SRF über einen Konflikt zu berichten. Egal ob Syrien, Libyen oder sonst wo – alle Einsätze in gefährliche Gebiete gehen über das Pult des Chefredaktors.
Auffallend ist, dass das SRF seine Reporter im Vergleich zu ausländischen Stationen zurückhaltender in Krisengebiete schickt. Mit gutem Grund: Yanez fällt seine Entscheide «bewusst restriktiv». Zwar bringe ihm auch das Kritik ein – von Zuschauern, aber auch von besonders ehrgeizigen Reportern. Für den Chefredaktor ist jedoch klar: «Kein Bild und keine noch so gute Geschichte rechtfertigt einen toten Reporter.» Yanez weiss, wovon er spricht: Er selber war für das Schweizer Fernsehen mehrere Jahre in Israel als Korrespondent
tätig. Er bezeichnet diese Jahre als «wichtigste Station» seiner Karriere. Die Zeit habe ihn bewegt, als Journalisten und als Menschen. Er berichtet von Bussen, die in die Luft gesprengt wurden, und
Bomben, die in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnort in Jerusalem explodiert seien. Yanez erinnert sich an «sieben bis acht Bomben», die während seiner Korrespondentenzeit in 1 bis 2 Kilometern Nähe explodiert seien und von denen jede einzelne viele Tote forderte. Schnell wird klar, weshalb dieser Mann jeden
Einsatz in Kriegsgebieten zweimal prüft. Auch vor und nach seiner Zeit in Jerusalem war Yanez als Reporter häufig an der Front. «Wer einen Nachrichtenbeitrag über ein Stahlwerk macht, muss zwingend in der Fabrik vorbeigehen. Das ist das Tolle an dem Beruf.» Dass er heute kaum mehr rauskommt und sich stattdessen vor allem aufs Chefsein konzentrieren muss, stört ihn trotzdem nicht. «Ich weine meiner früheren Arbeit nicht
nach.» Heute geniesst er es, nach getaner Arbeit nach Hochdorf zu fahren und dort ein paar freie Stunden zu verbringen. Auch die Flimmerkisten – er hat zwei davon – lässt er in seiner Freizeit öfter abgeschaltet. «Aber natürlich lasse ich mich auch gerne mal vom Fernseher unterhalten und geniesse einen guten
Film oder ein spannendes Fussballspiel.»

Die Fanpost überlässt er Bucheli

Zum Ende des Gesprächs führt uns Yanez ins Tagesschau-Studio. Dort posiert er für unsere Fotografin auf
einem Hocker vor dem berühmten Nachrichtenhintergrund. Warum, Herr Yanez, sind sie nie selber Moderator
geworden? «Weil ich der Meinung bin, dass man nur das tun sollte, was man kann.» Ausserdem schätze er es, dass er daheim im Seetal meist unerkannt in der Migros einkaufen könne. «Die Fanpost überlasse ich Thomas Bucheli und unseren anderen Moderatoren.»

Zur Person

Diego Yanez (54) ist seit 2011 Chefredaktor der Abteilung TV beim Schweizer Radio und Fernsehen. Vor
diesem Amt war er unter anderem Reporter und Produzent für die Sendungen «10 vor 10» und «Quer», zudem war er mehrere Jahre als Korrespondent in Israel tätig. Yanez lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Hochdorf. Seine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte er als freier Mitarbeiter beim damaligen Luzerner «Vaterland».

Diego Yanez über ...
sein TV-Highlight: «Das war wohl die Zeit während des Arabischen Frühlings im Jahr 2011. Während
dieser aufregenden Zeit produzierten wir zahlreiche Sondersendungen und leisteten auch sonst ganze Arbeit.»
eine Woche ohne TV: «Wäre für mich sehr gut vorstellbar. Hat es jedoch noch nie gegeben.»
das «Dschungelcamp»: «Habe ich mir auch schon einige Minuten angeschaut. Allerdings in erster Linie
aus beruflicher Neugier.

«Fernsehen wird sich verändern»

Es ist die harte Realität der Branche: Die Zeitungen verlieren Leser, die Fernsehsender Zuschauer.
Auch das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ist vor dieser Entwicklung nicht gefeit. «Trotzdem glaube ich, dass es das Medium auch in 30 Jahren noch geben wird», sagt Diego Yanez, Chefredaktor der Abteilung TV beim SRF. «Es wird sich jedoch vieles verändern.» Yanez spricht von einem andauernden Prozess. Dank Internet und Gerätschaften wie Smartphones oder Tablets können sich
Nachrichten-affine Leute schon heute 24 Stunden täglich über das Weltgeschehen informieren. Während früher das ganze Land um 19.30 Uhr vor dem Fernseher sass, um sich mittels «Tagesschau» über die Nachrichten des Tages zu informieren, ist der Anspruch heuteein anderer. «Wir müssen zunehmend flexibler und in der Lage sein, rasch und kompetent auf aktuelle Ereignisse zu reagieren», sagt Diego Yanez. Zudem brauche es im TV-Journalismus in der Zukunft weniger Generalisten,
dafür umso mehr Spezialisten. Anstatt nur über Ereignisse zu berichten, gilt es, Hintergründe zu beleuchten und thematische Schwerpunkte zu setzen.

Ein Bildschirm reicht nicht mehr

Weiter rechnet Diego Yanez damit, dass das TV-Programm künftig verstärkt auf Benutzer abgestimmt wird, die nebst dem Fernseher einen zweiten Bildschirm – einen sogenannten «second screen» nutzen. Beispiel Fussballmatch: Während im TV das Spiel läuft, informiert sich der Zuschauer via Tablet-Computer über aktuelle Statistiken oder Hintergründe zum laufenden Spiel. Yanez freut sich auf
die Zukunft, kann jedoch nur vermuten, was diese bringen wird. «Ich bin schliesslich kein Wahrsager.» Eines jedoch weiss er: «TV-Journalist ist und bleibt ein Traumberuf.»