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PORTRÄT: Der Verleger, der keiner werden wollte

Matthias Burki (42) ist Verleger. Das hat er so nie geplant. Heute gehört sein Luzerner Verlag Der gesunde Menschenversand zu den innovativsten der Schweiz.
Die Bürokratie machte Matthias Burki zum Verleger. Zu einem sehr erfolgreichen. (Bild Philipp Schmidli)

Die Bürokratie machte Matthias Burki zum Verleger. Zu einem sehr erfolgreichen. (Bild Philipp Schmidli)

Julia Stephan

Man hätte so eine Verlagsgründung auch strategischer angehen können. Dann wäre aus einer lebendigen Idee erst mal ein blutleerer Businessplan geworden. Einer mit vielen Meilensteinen. Die einem so richtig schwer im Magen liegen. Und hätte die Businessstrategie den Cash richtig ins Fliessen gebracht, wäre der Laden vielleicht tatsächlich mal zum Laufen gekommen.

Ein Riesenspass

Aber Matthias Burki ging lieber plan- und ziellos an die Sache ran – dafür mit Herz. Er war noch ein unfertiger Ethnologe, als er vor siebzehn Jahren in Bern mit Yves Thomi den Verlag Der gesunde Menschenversand gründete.

Den Gestus des Herausgebers hatten die zwei bereits mit einem ungewöhnlichen Literaturfanzine eingeübt. «das heft das seinen namen ändern wollte» verlor bis zu seiner Einstampfung jedes Jahr ein Wort. Ein Riesenspass für die zwei – eine Frechheit für die Archivare der Schweizer Nationalbibliothek. Wie sollte man so eine unseriöse Publikation seriös katalogisieren?

Als Burki und Thomi ihren zweiten Streich – ihr «Buch der Langeweile» – in der Pipeline hatten, war die Verlagsgründung unvermeidlich. Oder anders: Die Bürokratie hatte sie ihnen aufgezwungen. «Wir brauchten eine Institution und eine ISBN-Nummer, anders hätten wir das Buch nicht herausgeben können», erinnert sich Burki.

Die 1999 veröffentlichte Anthologie mit Zeichnungen und Kurztexten sollte eine Anspielung sein auf Fernando Pessoas «Buch der Unruhe». Dass Autoren wie die verstorbene Aglaja Veteranyi darin zu Wort kamen, spricht für den Entdeckergeist der beiden Verlagsgründer: Veteranyis Romandebüt «Warum das Kind in der Polenta kocht» war im Erscheinungsjahr des Langweile-Buches die literarische Aufregung des Jahres.

Spoken Word und Mundart

Yves Thomi hat sich 2007 aus dem Verlagsgeschäft zurückgezogen, das Literaturfanzine inzwischen alle Worte im Titel verloren, und das «Buch der Langeweile» ist längst vergriffen. Aber die inhaltliche Verkehrung von Pessoas Titel in sein Gegenteil und die Lust an Provokationen durchziehen Burkis Verlagsprogramm bis heute. Kerngeschäft des Verlags, dessen Name sich wie ein Schreibfehler liest: verschriftlichte und auf CDs eingesprochene Spoken-Word- und Mundart-Texte, deren Titel sanft gegen das Gewohnte gebürstet sind.

Dass Matthias Burki den vergriffenen Monolog «Angeklagt» der Jenischen Mariella Mehr in Kooperation mit dem SRF als Hörbuch neu herausgegeben hat, ist daher nur konsequent. Mehr, ein Opfer des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse, war in den 1980ern eine unbequeme politische Stimme. Neben dem verstorbenen Mundartdichter Ernst Eggimann (1936–2015) gehört sie zu den Dinosauriern in Burkis Verlagsprogramm, das sich immer noch stark aus jungen und mit der Zeit gereiften Spoken-Word-Dichtern zusammensetzt.

Lenz, Krneta, Gomringer ...

Auch bei der Buchgestaltung schert sich Burki um keinen Zeitgeist: Statt auf nichtssagende Coverbilder setzt er bei seiner edition spoken script, die er mit Ursina Greuel und Daniel Rothenbühler herausgibt, lieber auf unzeitgemässe Typografie-Covers. Die seien knapp und klar. Burki mag das.

Heute verlegt Burki Autoren wie Pedro Lenz, Matto Kämpf, den Schweizer Literaturpreisträger Guy Krneta und die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer. Auch der literarische Überflieger Michael Fehr, neuer Hausautor des Luzerner Theaters, hat bei Burki debütiert. Pedro Lenz’ Roman «Der Goalie bin ig» ist die Cash-Cow des Verlags, dank der preisgekrönten filmischen Umsetzung von Sabine Boss hat der Verkauf nochmals einen Schub bekommen.

Dass man heute so selbstverständlich über Autoren spricht, für die Sprache Mundwerk ist – manchmal auch loses Mundwerk –, das ist Burkis Verdienst. Sein Kleinverlag ist ein Heimathafen für die Spoken-Word-Literatur und spätestens seit seiner Ernennung zum Verlag des Jahres 2014 durch den Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) eine ernst zu nehmende Grösse.

Erste Slam-Tour durch die Schweiz

Seinen ersten Poetry Slam erlebte Burki Ende der 1990er-Jahre in Berlin, auf einer Nebenspielstätte der Berliner Volksbühne. «Der Dichterwettbewerb fand in einem Boxring statt, Nummerngirls inklusive», erinnert sich der Verleger. Während man in der Schweiz das Format noch nicht einmal kannte, war man in Deutschland schon bei der Parodie angelangt. «Wir verstanden sehr wohl, dass das ironisch gemeint war. Das Format hatte uns aber auch so gefallen», sagt Burki. Also organisierten er und Thomi 1999 die erste Slam-Tour durch die Schweiz. Heute sind Poetry Slams aus den Schweizer Kulturkalendern nicht mehr wegzudenken.

Jahrelang führte Burki seinen Verlag so nebenbei. Zwischen 1999 und 2008 leitete er das Luzerner «Kulturmagazin» (heute mit Vorwahl 041 im Titel), weshalb der ursprüngliche Berner Verlag lange Zeit zwei Sitze hatte und ab 2007 in Luzern eine neue Heimat fand.

Zeit für Verrücktes

Von Anfang an hat Burki sich mehr vom gesunden Menschenverstand leiten lassen als von Berechnung und Fragen der Rentabilität. Man sei «gesund-naiv» gewachsen. Heute sind die Zeiten, als Burki für die Ferienlektüre noch säckeweise ungelesene Zeitungsberichte mitnahm, definitiv vorbei. Um seinen 120-Prozent-Job wieder auf ein erträgliches Mass zu stutzen, hat er Anfang August die ehemalige «Zürich liest»-Festivalleiterin Tamaris Mayer eingestellt. Das gibt Raum für Lektüre – ein polnischer Schelmenroman liegt auf seinem Nachttisch – und Platz für Gedanken über die Zukunft. Also doch eine Unternehmensstrategie, zu guter Letzt? Nicht nur! Burki will sich auch Zeit nehmen für Verrücktes. Wie am Anfang. Auch wenn er seinen Erfolg nicht mehr so einfach wegbuchstabieren kann wie den Titel seines ersten Magazins.

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