PORTRÄT: Sursees offizieller Gastgeber

Vor 37 Jahren hat Stefan Rölli die Stelle als Stadtarchivar angetreten. Damals war dies ein mutiger Schritt für einen Familienvater.

Roger Rüegger
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Stefan Röllin (70), ehemaliger Stadtarchivar von Sursee, aufgenommen im Surseer Rathaus.

Stefan Röllin (70), ehemaliger Stadtarchivar von Sursee, aufgenommen im Surseer Rathaus.

Stefan Röllin kennt Sursee, seine Bewohner und die Geschichte so gut wie kaum jemand. Das hängt mit seinem ehemaligen Beruf zusammen. Der 70-Jährige amtete während 30 Jahren, neben der Tätigkeit als Kantonsschullehrer, als Sursees Stadtarchivar. In dieser Zeit baute er das Angebot der Surseer Stadtführungen massgeblich aus.

Vor fünf Jahren pensioniert, leitet er heute noch das Team der Stadtführungen. Im Sommer gibt er diese Leitung aber an eine jüngere Kraft, an Gymnasiallehrer Georges Zahno ab. Röllin wird aber weiterhin Gruppen durch das spätgotische Rat- und Markthaus sowie durch die Gassen der Altstadt führen.

«Es gibt viel zu zeigen»

Wer sich von ihm persönlich führen lässt, kann sich seiner Begeisterung für das Städtchen und dessen Geschichten nicht entziehen. «Es gibt viel zu zeigen», versichert Röllin während er uns den alten Stadttresor im Rathaus, der nichts anderes ist als eine grosse Holzkiste mit einem massiven Schloss und Fächern für Bargeld, zeigt. Die Truhe verbindet er mit Geschichten und Anekdoten. Solche kennt er zur Genüge. Etwa über den spätbarocken Festsaal im Murihof mit seinen prächtigen Stuckaturen und der Deckenmalerei bis hin zum Hochaltar der Stadtkirche oder dem Bürgersaal im Rathaus.

Als er 1977 als Stadtarchivar begann, gab es fast nur Führungen durch das restaurierte Rathaus. Schnell aber wurde Röllin bewusst, dass Sursee mehr zu bieten hat. Also hat er die Altstadtführungen aufgebaut. «Nicht nur die renovierten Häuser, auch deren Bewohner und die Ereignisse, die Sursee geprägt haben, sind zu interessant, als dass man diese nicht weitergeben sollte», meint er. Und weil Röllin nicht nur ein Mann der Geschichten und Worte, sondern auch der Taten ist, fand am 26. Mai 1984 die erste öffentliche Altstadtführung statt. Später wurden auch Gruppenführungen auf Anfrage angeboten. Um das gesamte Angebot zu bestreiten, baute er bald ein Team von Stadtführern auf. Die Führungen wurden professioneller und vielfältiger.

Nebenbei hat Röllin auch mit thematischen Führungen experimentiert und festgestellt, dass diese gut ankommen. So etwa 2006, als zum Anlass von «750 Jahre Stadt Sursee» verschiedene Facetten zur Stadtgeschichte thematisiert wurden. Andere Beispiele waren die musikalisch umrahmten Führungen «Mit dem Stadttrompeter unterwegs» oder «Der Rattenfänger von Sursee», die zum Jubiläum «40 Jahre Musikschule Region Sursee» 2010 stattfanden.

An die Sure gezogen ist der aus Menzingen in Zug stammende Röllin erst mit 33. Nach der Turnlehrerausbildung hat er an der Universität Bern Geschichte und Geografie studiert. In der Bundesstadt lernte er auch seine Frau, die als Kinderkrankenschwester im Inselspital arbeitete, kennen. Da der Markt für Historiker Mitte der 1970er-Jahre etwas ausgetrocknet war, bewarb er sich für das 50-Prozent-Pensum als Stadtarchivar von Sursee. So kam die junge Familie mit ihrer einjährigen Tochter in die Kleinstadt und zog in die Wohnung im Rathaus ein. Ein Jahr später kam ihr Sohn zur Welt.

Der Ortswechsel war ein mutiger Schritt, denn mit der Aussicht auf eine 50-Prozent-Stelle musste sich die Familie einschränken. Röllin dazu: «Natürlich war es ein mutiger Entscheid, aber wer etwas erreichen will im Leben, muss risikobereit sein. Für mich war der Moment gekommen, in dem ich mich öffnete.» Im Rathaus wohnte das Ehepaar während etwas mehr als 20 Jahren. Die Wohnung haben sie aber vor 13 Jahren verlassen und sich zwischen Altstadt und Bahnhof ein Holzhaus gebaut.

Motivation auf Pilgerreise

Eine weitere Aufgabe, die Röllin angenommen hat und für die er gerne Zeit aufwendet, ist die als dreifacher Grossvater. «Das jüngste Mädchen unserer Tochter ist jetzt fünf Monate alt», sagt er stolz. Nach seiner Pensionierung hat Stefan Röllin zuerst zusammen mit einem Studienfreund den Jakobsweg von Genf bis nach Santiago de Compostela zurückgelegt. Die Männer haben ihr Vorhaben als Übergangsphase vom Berufsleben zur Pensionierung umgesetzt. Gemäss der dort gewonnenen Erkenntnis, dass sich jeder stets auf einem Weg befindet und Erfahrungen sammelt, wird er auch künftig noch Führungen durch Sursee leiten.

Führung ums liebe Geld

Dazu gehört auch jene vom 1. Juni mit dem Titel «Möge sie stets als eine Volkskasse betrachtet werden». Diese zeigt den Weg von der Sparkasse Sursee zum modernen Bankenplatz Sursee auf. Diese und eine weitere Themenführung gehören zum Begleitprogramm der Ausstellung «Money, Money, Money», die noch bis Oktober im Museum Sankturbanhof läuft. Und nicht zu vergessen: Jeden Samstag von Mai bis Ende September gibt es um 10 Uhr eine öffentliche Stadtführung.