POSAUNIST: «Es braucht auch Spinner»

Charly Müller ist seit 50 Jahren angefressener Fasnächtler. Obwohl er mit viel Herz und Humor dabei ist und es nicht lassen kann: Alles nur «rüüdig verreckt» findet er an der Luzerner Fasnacht nicht.

Interview Pirmin Bossart
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«Wir Fasnächtler haben halt diesen Flick weg, Nicht-Fasnächtler einen andern»: Charly Müller, seit fünf Jahrzehnten aktiv bei den Luzerner Saunafägern, im Keller seines Hauses in Adligenswil. (Bild Eveline Beerkircher)

«Wir Fasnächtler haben halt diesen Flick weg, Nicht-Fasnächtler einen andern»: Charly Müller, seit fünf Jahrzehnten aktiv bei den Luzerner Saunafägern, im Keller seines Hauses in Adligenswil. (Bild Eveline Beerkircher)

50 Jahre Fasnacht – Hand aufs Herz: Finden Sie das noch normal?

Charly Müller: Nein, das ist nicht normal (lacht). Es gibt sicher nicht viele, die vor 50 Jahren eine Guuggenmusig mitbegründet haben und noch immer aktiv dabei sind.

Ist Fasnacht nicht eher etwas für die Jungen?

Müller: Ein Fasnächtler hat kein Verfallsdatum. Ich gehe nach meiner inneren Uhr. Solange ich das Kribbeln spüre und den Plausch habe, gehe ich an die Fasnacht, egal, wie alt ich bin.

Haben Sie nie den Verleider gehabt?

Müller: Nie. Ehrenwort. Warum auch? Ich bin Vollblutfasnächtler, ein Spinner. Es braucht die Spinner, sonst wäre die Welt ärmer. Es wäre alles viel zu langweilig.

Haben Sie Fasnacht im Blut?

Müller: Ich wurde an einem Fasnachtssamstag geboren. Vor zwei Jahren bin ich 60 geworden – am Schmutzigen Donnerstag. Von Kind an war der Virus in mir. Schon im Kinderwagen war ich jeweils verkleidet.

Waren die Eltern fasnächtliche Vorbilder?

Müller: Ich war im Haus, in dem ich aufgewachsen bin, der Einzige, der einen kreativen Vater hatte. Er hat auf die Fasnacht hin immer Sachen gebastelt. Diese Ader hatte auch meine Mutter. Sie war Modistin und hatte ein Damenhutgeschäft an der Murbacherstrasse.

Wie haben Sie als Jugendlicher die Fasnacht erlebt?

Müller: Die Mutter machte mir immer ein Gwändli. Ich war als Clown oder Cowboy unterwegs. Die Fasnacht hat sich für uns damals ausschliesslich in der Neustadt abgespielt. Eine Guuggenmusig hatte zu dieser Zeit noch fast etwas Anrüchiges. Als Otto Normalverbraucher hätte man da nicht mitgemacht. Es waren vor allem Künstler, Grafiker und sonstige kreative Typen, die den Ton angaben. Heute kann jeder mitmachen.

Trotzdem gehörten Sie schon früh zu den Mitbegründern der Saunafäger. Wie kam das?

Müller: Wir waren etwa zwölf Buben, alle vom Obergrund, die eines Tages beschlossen, auch eine Guuggenmusig zu machen. Ich war zwölf Jahre alt und der Jüngste. Der Älteste war vielleicht 16 und schon alt genug, um mit der Schreibmaschine Einladungen zu verfassen.

Was ist da für eine Sauna im Spiel, die der Musig den Namen gab?

Müller: Der Vater von zwei Guuggenmusig-Kollegen führte an der Habsburgerstrasse die erste Sauna in Luzern, verbunden mit einer Praxis für Physiotherapie. In der Dusche haben wir die ersten Proben abgehalten. Der Raum war geplättelt, deshalb tönte es verreckt gut. Am Schluss kam dann aber jeweils der Vater meiner Kollegen und sagte: «So, und jetzt ‹fägt› ihr die Sauna wieder blitzblank.» So wurden wir die Saunafäger.

Ihr geltet als äusserst innovative Guuggenmusig – aber kann man da wirklich noch von Guuggenmusig reden?

Müller: Wir sind nicht die klassische Guuggenmusig, die auf der Strasse dahinzieht. Wir spielen nur in Beizen. Auch sind wir eine relativ kleine Formation. Wenn eine «richtige» Guuggenmusig auftaucht, werden wir sofort erdrückt.

Wie gross ist der Spielraum für individuelle Kreativität?

Müller: Mit Piero Galbusera haben wir einen Maskenkünstler in unseren Reihen. Er entwirft und produziert die Grinden, da müssen wir jeweils nur noch die Frisur draufchlöpfen. Wir fertigen lediglich die Kostüme selber an und auch die Requisiten. Alle haben immer irgendwelche Utensilien dabei, das ist uns völlig freigestellt. Trotz gegebenem Sujet ist der kreative Spielraum gross. Bei uns ist jeder innerhalb des Sujets auch eine Einzelmaske.

Was ist heuer das Saunafäger-Motto?

Müller: Zirkus! Für mich war sofort klar, was meine Figur sein würde: Ich hatte als Kind im Zirkus mal einen Artisten gesehen, der unter der Zirkuskuppel auf einer fahrenden Rakete herumturnte. Klick, das war es: Jetzt bin ich der Raketenmann. Ich habe eine drei Meter lange Rakete gebastelt, die ich auf ein Dreiradvelo montiert habe.

Sie spielen die Posaune. Warum?

Müller: Weil die Posaune keine Ventile hat, ist sie für Leute wie mich, die nicht spielen können, sehr geeignet, um relativ schnell etwas ertönen zu lassen. Und das erst noch in einer satten Lautstärke. Chaoten spielen meistens Posaune.

Sie lieben es laut?

Müller: Sehr laut! Ich habe nicht nur eine laute Stimme, ich kann auch sehr laut Posaune spielen. Deswegen habe ich schon früh den Spitznamen Kompressor bekommen. Ich hatte immer einen guten Pfuus. Ich habe viel Sport gemacht, nie im Leben geraucht, meine Lungen sind intakt, da kommt etwas heraus.

Welche Stücke spielen Sie am liebsten?

Müller: Von alten Gassenhauern bis zu schrägem Jazz haben wir vieles drauf. Gern habe ich «Blueberry Hill». Noten lesen kann ich nicht. Sie sind für mich wie ein griechisches Kreuzworträtsel. Aber wenn ich mir ein Stück anhöre, kann ich es auch ziemlich schnell spielen.

Gehören Sie auch zu denen, die sich ärgern, wenn immer mehr Guuggenmusigen von der Landschaft in die Stadt kommen?

Müller: Das ist schon ein Thema. Aber bei Guuggenmusigen bin ich nicht so heikel. Was mich definitiv ärgert, sind all die Fress- und Saufkarren, die zunehmend an der Fasnacht auftauchen, nur um Geschäfte zu machen. Das ist nur Kommerz. Gar nichts anfangen kann ich auch mit Discowagen, die in grosser Lautstärke ihre Technobeats herauspumpen. Fasnacht ist auch Kommunikation. Im Umfeld solcher Wagen hat sie keine Chance mehr.

Manchmal sagen ältere Leute: Früher war die Fasnacht schöner, wilder, besser als heute. Wie sehen Sie das?

Müller: Unter dem Strich finde ich auch, dass die Fasnacht schlechter geworden ist. Aber das ist nun mal die Entwicklung. Als es erst ein paar Guuggenmusigen gab, waren die noch eine völlige Attraktion. Wir sind denen als Buben stundenlang hinterhergelaufen und haben vor der Beiz gewartet, bis sie wieder rauskamen.

Und heute?

Müller: Es wird immer weniger dem Zufall überlassen. Das Spontane hat an Boden verloren. Einst waren die Instrumente der Guugger alte und verbeulte Hörner, heute haben sie meist schöne und teure Instrumente. Perfektionismus wird grossgeschrieben. Wenn wir unsere Figuren gebastelt haben, war das auch ein Akt der zunehmenden Identifizierung mit dem, was wir darstellen wollten. Heute ist vieles nur noch Konsum.

Man kann alles kaufen und dann wieder wegwerfen. Das Persönliche scheint verloren zu gehen.

Müller: Ja. Gwändli werden importiert und in Serien hergestellt. Wir hatten damals weniger Geld zur Verfügung. Da wurde viel mehr auch aus der Not heraus gebastelt. Früher war man etwas Spezielles, wenn man in einer Guuggenmusig mitmachte. Die Beizer warfen eine Runde auf, wenn man sie besuchte. Heute sind sie froh, wenn die Musig draussen bleibt ...

Was halten Sie von unseren Luzerner Zünften? Wäre ohne sie die Fasnacht nur halb so gut oder gar unmöglich?

Müller: Man braucht die Zünfte, das ist Tradition. Aber das Kreative der Fasnacht wird von den Guuggenmusigen und den vielen Fasnachtsgruppen getragen. Wir alle sind die lebende Kulisse, die eine Fasnacht erst ausmachen. Ohne uns wären die Zünfte reine Altherrenabende von Mitgliedern in Schild-Anzügen.

An der Luzerner Fasnacht ist irgendwie alles möglich. Oder differenzieren Sie? Gibt es auch Grenzen?

Müller: Ich vermisse das, was früher als Narrenfreiheit galt. Dass man jemandem an den Karren fahren kann wie etwa in Basel. Oder dass mal wirklich kritisch ein Thema aufgegriffen wird. Was hingegen gar nicht geht, ist das Aggressive und Zerstörerische, das mit der Narrenfreiheit verwechselt wird. Wenn sich Leute bis zur Besinnungslosigkeit besaufen und dann in einem Restaurant-WC ein Lavabo wegrupfen oder mutwillig andere Beschädigungen vornehmen. Da hörts für mich definitiv auf.

Uns scheint, dass mit einer Guuggenmusig auch viel Stress verbunden ist: die vielen Termine, die Besammlungen. Man muss sich zu bestimmten Zeiten einfinden, oft auch lange warten etc. Was ist daran noch ausgelassen und anarchisch?

Müller: Wir sind anders. Wir haben ein lockeres Programm. Wir springen nicht einfach von Beiz zu Beiz nur wegen einem Glas Weisswein. Wir bleiben auch mal sitzen, wenn es uns irgendwo gefällt. Der Stress findet in den Wochen vor der Fasnacht statt, wenn du Bedenken hast, dass dein Gwändli oder deine Figur rechtzeitig fertig wird. Aber das gehört dazu. Ich möchte jedenfalls nicht, dass ich schon vor Weihnachten alles parat hätte. Der frische Geruch von Farbe und Leim, wenn du am Morgen das erste Mal losziehst: Das ist Fasnacht pur.

So geht es nach wie vor vielen Zentralschweizern. Sie legen an der Fasnacht erstaunlich viel Kreativität an den Tag, doch unter dem Jahr ist davon herzlich wenig zu spüren, und der Griesgram obsiegt. Müsste nicht immer ein bisschen Fasnacht sein?

Müller: Ich bin eigentlich immer aufgestellt und festfreudig. Natürlich gibt es die eher Griesgrämigen, die nach der Fasnacht sofort wieder ernst werden und funktionieren. So gesehen ist die Fasnacht halt auch ein Ventil, wo man auf kreative Weise Luft ablassen kann. Das braucht es. Man kann mal ein anderer sein und in eine Rolle schlüpfen, die man sonst nicht spielt, weil man durch die Erziehung oder die Normen der Gesellschaft anders geprägt wurde. Ich halte es für unabdingbar, mal aus der Normalität ausbrechen zu können.

Die Kreativität beschränkt sich in Luzern oft aufs Äusserliche. Warum hapert es in Luzern im Gegensatz zu Basel mit dem Wortwitz?

Müller: Ich nehme das auch so wahr. Der Umzug ist mehr eine Parade. Das Gesellschaftskritische fehlt. Früher ging man in die Beizen intrigieren, das war durchaus kreativ und ­witzig. Doch diese Beizen sind verschwunden. Ebenfalls die Leute, die das noch können. Heute haben alle Stress, niemand hat richtig Zeit. Und die Typen, die mal das Maul aufreissen, sterben auch aus. Viele sind in der heutigen Gesellschaft mehr zu Mitläufern geworden. Man will nicht auffallen oder getraut sich nicht, etwas zu sagen oder zu machen, weil sich das negativ auswirken könnte. Die Leute haben Existenzängste und bleiben stärker auf ihren festen Bahnen.

Eine alte und alles verbindende Konstante hat die Innerschweizer Fasnacht – den Alkohol. Würden Sie widersprechen?

Müller: Ich kann da nicht widersprechen. Alkohol ist nicht zwingend, aber der Mensch wird nun mal lockerer. Es braucht eine gewisse Leichtigkeit, um richtig in der Fasnacht aufgehen zu können. Da hilft der Alkohol zweifellos mit. Es werden während der Fasnachtstage ja auch Unmengen davon abgesetzt. Aber ich rede jetzt nicht vom Kampftrinken und Komasaufen. Man kann auch kontrolliert trinken. Ich will die Fasnacht ja auch noch bewusst erleben können. Schlecht finde ich die Entwicklung, dass Jugendliche schon die Nacht vor dem Schmutzigen Donnerstag zur Party machen und dann stockhagelvoll an der Fasnacht auftauchen.

Was ist Ihre Medizin oder Ihr Rezept, um an der Fasnacht jeweils so lange durchzuhalten? Das ist doch auch anstrengend.

Müller: Ich esse gerne. Dreimal feste Nahrung am Tag hilft, dass man auch die flüssige Nahrung wieder besser verträgt und auch körperlich durchhalten kann. Ich habe mal ausgerechnet, dass wir an der Fasnacht jeden Tag 20 Kilometer zurücklegen.

Verstehen Sie Leute, die überhaupt nichts mit Fasnacht anfangen können und das einfach nur blöd finden?

Müller: Ich kann schwer verstehen, wenn Leute mit der Fasnacht nichts am Hut haben, aber ich habe nichts gegen sie. Kein Gehör habe ich, wenn sie dazu Kommentare abgeben oder die Fasnacht als blöd bezeichnen. Wir haben halt diesen Flick weg, andere einen andern.

Gerade Bewohner der Altstadt fliehen während der Fasnacht.

Müller: Solch ein Fest gehört in die Altstadt. Fasnacht ist ein Kulturgut. Wenn jemand das Privileg hat, in der Altstadt wohnen zu können, soll er oder sie diese Tradition auch dulden können. Es dauert ja nur ein paar Tage.

Was machen Sie zwischen Aschermittwoch und Schmutzigem Donnerstag, also in beruflicher Hinsicht?

Müller: Ich bin selbstständig erwerbend und habe eine kleine Firma für Bauaustrocknung und Entfeuchtung. Ich mache das praktisch allein, mit Unterakkordanten. Früher war ich Buchhalter für eine nationale Firmengruppe in Stansstad. Ich war aber nie der typische Buchhalter. So macht es mir nichts aus, auch selber Hand anzulegen, sei es in der Werkstatt oder auf der Baustelle.

Haben Sie noch andere Hobbys ausser Fasnacht?

Müller: Ich war 25 Jahre lang in der Feuerwehr. Heute bin ich in der IG Rundhauber als Chauffeur für alte Feuerwehr-Fahrzeuge. Privat mache ich noch in einem Oldtimer-Club mit. Ich besitze einen MG, Jahrgang 1959. Er ist für mich der Inbegriff eines Sportwagens. Ich hatte auch mal einen Jaguar XJ 6. Mich haben Autos schon immer fasziniert. Ich schraube gerne an meinem Oldtimer herum. Früher habe ich Töffli frisiert und war deswegen regelmässig auf dem Polizeiposten. Ich war ein richtiger Töffli­bub.

Wie würden Sie sich ausserhalb der Fasnacht charakterisieren?

Müller: Ich bin ein positiver Mensch und eigentlich nie launisch. Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag, das ist meine Devise. Die Leute bezeichnen mich als tolerant. Schwierige Phasen kenne ich eigentlich nicht. Ich bin ein Bauchmensch, handle nach Bauchgefühl. Klar, ich habe auch schon Sachen in den Sand gesetzt. Aber wenn man nie etwas machen und wagen würde, wäre die Menschheit schon lange stehen geblieben.

Interview Pirmin Bossart