PRÄMIEN: «Schwarze Liste hilft niemandem»

Theoretisch sollte die schwarze Liste dazu beitragen, dass mehr Personen ihre Prämien zeitgerecht bezahlen. Laut Experten hat sie in der Praxis jedoch eine andere Wirkung.

Ismail Osman
Drucken
Teilen
Behandeln oder nicht? Stehen Patienten auf der schwarzen Liste, sind Ärzte im Dilemma. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Behandeln oder nicht? Stehen Patienten auf der schwarzen Liste, sind Ärzte im Dilemma. (Symbolbild Keystone/Gaetan Bally)

Ismail Osman

Unsere Zeitung berichtete in der Vergangenheit wiederholt über Problemfälle in Zusammenhang mit der schwarzen Liste für säumige Prämienzahler. Beispielsweise über einen Zuckerkranken, der kein Insulin erhielt (Ausgabe vom 10. Oktober 2015) oder einer Person, die trotz Begleichung seiner Schulden rund zehn Tage lang nicht von der schwarzen Liste gestrichen wurde – obwohl er einen doppelten Leistenbruch operieren sollte (Ausgabe vom 20. Februar). Befürworter der schwarzen Liste sprechen dann jeweils von nicht repräsentativen Einzelfällen. Wie also sieht es im Alltag aus? Wir fragten bei zwei Institutionen nach, die Menschen mit Schulden beraten, und erkundeten uns nach ihren Erfahrungen mit der schwarzen Liste.

6800 Personen eingetragen

Barbara Bracher weiss, was Menschen durch den Kopf geht, deren finanzielle Existenz in Scherben liegt. Die Leiterin der Fachstelle für Schuldenberatung ist täglich mit Menschen konfrontiert, die nicht mehr weiter wissen und schwerwiegende finanzielle Entscheidungen treffen müssen. Seit der Kanton Luzern 2012 die schwarze Liste für säumige Prämienzahler einführte, ist sie auch bei Brachers Arbeit ein Faktor. Ihre Erfahrungen mit der schwarzen Liste sind eindeutig: «In der Praxis hat die schwarze Liste die falsche Wirkung.» In der Theorie soll sie die «Zahlungsmoral» verbessern und eine präventive Wirkung haben. Dies, in dem die Drohung im Raum steht, dass bei Nichtbezahlung der Prämien die Krankenkassen die Leistungen verweigern, sollte man auf der schwarzen Liste eingetragen sein. Die Ausnahme tritt ein, wenn es sich um einen Notfall handelt. Eine klare Definition eines Notfalls gibt es allerdings nicht. Mittlerweile sind rund 6800 Personen auf der Liste eingetragen.

Perspektivenlosigkeit droht

«Die allermeisten Menschen wollen auf eigenen Beinen stehen», sagt Bracher. «Die schwarze Liste hat aber bei den Betroffenen eher den Effekt, dass Lösungen für die Schuldenprobleme erschwert werden, diese Aussicht kann dann zu einer Vogel-Strauss-Taktik führen. Sie geben mangels Perspektiven je wieder von dieser Liste gestrichen zu werden einfach komplett auf.» Bracher warnt vor den Konsequenzen solcher Perspektivlosigkeit, eine solche wirkt extrem demotivierend und hindernd. Die Fachstelle für Schuldenberatung berät jährlich rund 150 Haushalte. Bei gut der Hälfte der Fälle geht es auch um ausstehende Krankenkassenprämien.

«Muss die Ursachen verstehen»

Doch ist man letztlich nicht selber schuld, dass man bei der Krankenkasse Schulden angehäuft hat und auf der schwarzen Liste gelandet ist? «Man muss zunächst verstehen, wie es zu Schulden kommt», sagt Bracher. In den allermeisten Fällen, welche der Fachstelle für Schuldenberatung zugetragen werden, lägen die Ursachen nicht in einem verschwenderischen Lebensstil, sondern in einer plötzlichen Veränderung der Lebenssituation. Konkret: «Die meisten Menschen leben mit einem relativ knappen Budget. Es bleibt wenig übrig, aber es geht auf. Dann plötzlich passiert etwas wie ein Lohnverlust, eine Scheidung oder ein Todesfall.»

Extreme Eigendynamik

Am Anfang steht demnach oft ein Schicksalsschlag. Plötzlich geht das Budget nicht mehr auf. Dies wiederum sei der Zeitpunkt, an dem Menschen beginnen, finanzielle Prioritäten zu setzen. «In der Not leider nicht immer die richtigen», sagt Bracher. So würden Steuern und Krankenkassenprämien oftmals zuerst nicht mehr einbezahlt – dafür Dinge wie Kreditkartenrechnungen. Danach kann es sehr schnell gehen: «Schulden haben eine wahnsinnige Eigendynamik», sagt Bracher. So können schon die sich anhäufenden Gebühren für Mahnungen und Inkassokosten den finanziellen Kollaps beschleunigen. «Jemand, der die eigentliche Prämie nicht mehr bezahlen kann, kann kaum noch weitere hohe Gebühren stemmen.»

Gleich sieht es auch Markus Schmid von der Sozial- und Schuldenberatung der Caritas Luzern: «Die Tatsache, dass in der Mehrheit der Fälle Verlustscheine ausgestellt werden müssen, zeugt davon, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, die Prämien zu bezahlen.» Ein Verlustschein wird den Krankenversicherern von den Betreibungsämtern ausgestellt, wenn der Versicherte nicht zahlen kann. 85 Prozent dieser Kosten trägt der Kanton.

«Aufwand ist sehr gross»

In der Schuldenberatung versuchen sowohl Barbara Bracher wie auch Markus Schmid den Betroffenen mittels Budgetplanung, Rückzahlungsplänen und der Vermittlung von weiteren Hilfestellungen wieder auf die Beine zu helfen. «Der Aufwand, die Ausstände zu finanzieren, beziehungsweise die Löschung von der Liste zu veranlassen, ist in der Regel sehr gross», sagt Schmid.

Bracher bilanziert: «Die schwarze Liste hilft niemandem. Eines bewirkt sie hingegen sehr effektiv: Dass Menschen, die ohnehin bereits erheblichen mentalen Belastungen ausgesetzt sind, nicht mehr zum Arzt gehen können, wenn sie diesen benötigen.» Und auch Schmid muss feststellen: «Die Liste verursacht unverhältnismässig hohe Kosten und grosse Probleme, ohne das Grundproblem zu lösen.»