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Präsident der Zentralschweizer Coiffeure: «Wo ein Billig-Coiffeur, da ist oft auch ein Kebab-Stand»

In der Haarschneide-Branche herrscht grosse Konkurrenz, insbesondere in der Stadt Luzern. Dabei halten sich allerdings nicht alle an die Spielregeln. Ein Problem, das seit Jahren bekannt ist – nun aber schöpfen Branchenvertreter neue Hoffnung.
Raphael Zemp
Ein fairer Preis für einen Haarschnitt liegt laut dem Verband bei Herren um 50, bei Frauen um 80 Franken. (Symbolbild: Roger Grütter)

Ein fairer Preis für einen Haarschnitt liegt laut dem Verband bei Herren um 50, bei Frauen um 80 Franken. (Symbolbild: Roger Grütter)

Coiffeur-Salons gibt es in der Stadt Luzern wie Vorsätze fürs neue Jahr: sehr, sehr viele. Um sich davon zu überzeugen reicht ein kurzer Spaziergang durch die Neustadt, wo es der Quadratur des Kreises gleichkommt, einen Strassenzug ohne Haarschneidegeschäft zu finden. Das gilt insbesondere für Billig-Salons, die einen feschen Haarschnitt samt Bartstutzen bereits ab 25 Franken anbieten.

Im Gegensatz zu Vorsätzen lösen sich Coiffeurgeschäfte allerdings nicht nach wenigen Tagen in Luft auf; ihre Anzahl stagniert seit Jahren auf einem sehr hohen Niveau. Und auch die Probleme sind seit Jahren die gleichen geblieben, sagt Jürg Steiner. Der 55-Jährige ist Inhaber des Salons Coiffeur Steiner in Horw und Präsident der Sektion Zentralschweiz des Branchenverbands Coiffure Suisse. Warum er nun aber neue Hoffnung schöpft, erklärt er im Interview.

Jürg Steiner, Präsident der Sektion Zentralschweiz des Branchenverbands Couffure Suisse.

Jürg Steiner, Präsident der Sektion Zentralschweiz des Branchenverbands Couffure Suisse.

Jürg Steiner, verstärkte Kontrollen in der Stadt Bern zeichnen ein ernüchterndes Bild: Vor allem Billiganbieter foutieren sich um Mindestlöhne, ebenso wie um Arbeitszeiten und Sozialabgaben. Kennen Sie diese Missstände auch in Luzern?

Das Problem ist schweizweit und seit Jahren bekannt. Der Beruf Coiffeur ist nicht geschützt und jeder kann einen Salon eröffnen. Das hat dazu geführt, dass es gerade unter den Billiganbietern schwarze Schafe gibt. Viele der zumeist ausländischen Betreiber halten sich nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, bieten Dienstleistung zu ruinösen Dumpingpreisen an – und beziehen gleichzeitig Sozialhilfe. Lehrlinge hingegen bilden diese Geschäfte kaum aus.

Der böse Ausländer, der sich an keine Regel hält – ist das nicht ein allzu bequemes Feindbild?

Es entspricht leider der Realität. Der Betrug scheint sogar System zu haben. Hinter einigen Geschäften dürften Clans stehen. Auf jeden Fall ist es auffällig, dass viele Betriebe in unmittelbarer Nähe eines Kebab-Ladens stehen.

Das sind happige Vorwürfe. Sie decken sich aber zumindest teilweise mit den Vermutungen der Stadtberner Fremdenpolizei: Auch sie geht davon aus, dass organisierte Struktur hinter dem Boom ausländischer Billig-Coiffeurs stecken, wie «der Bund» unlängst publizierte.

Genau: Darin ist die Rede von türkischen und syrischen Clans, die sich gegenseitig Arbeitskräfte zuschieben.

Sie sagen, Dumpingpreise sind Gift fürs nachhaltige und langfristige Wirtschaften. Was aber ist Ihrer Meinung nach eine angemessene Entschädigung für einen Haarschnitt?

Ein fairer Preis für einen Herrenschnitt liegt etwa bei 50 Franken, jener für Frauen bei 80 Franken.

Das ist ein schöner Batzen, gerade für Junge, die in Ausbildung sind und nur ein paar Hunderternötli verdienen.

Das stimmt. Ich kann es den Jungen nicht verübeln, dass sie für einen Haarschnitt möglichst wenig ausgeben wollen. Dieses Verhalten hat allerdings weitreichende, negative Konsequenzen für die gesamte Branche. Man muss der Kundschaft diese Zusammenhänge aufzeigen.

Der Konsument trägt eine Mitverantwortung. Warum aber packt man das Übel nicht an der Wurzel an, warum wird nicht entschiedener vorgegangen gegen jene, die sich nicht an die gesetzlichen Bestimmungen halten?

Das hätten wir gerne gesehen, bloss: Kontrollen sind sehr aufwendig. Einen Betrieb gründlich zu durchleuchten, das dauert. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir uns vom Kanton in dieser Frage mehr Unterstützung gewünscht hätten. Mit dem neuen Gesamtarbeitsvertrag kommt nun allerdings Bewegung in die Sache.

Dieser ist seit März in Kraft und erstmals schweizweit für alle Haarschneidegeschäfte mit Angestellten verbindlich; für die deutschsprachige Coiffeuse mit Lehrabschluss ebenso wie für Figaros,
die Farsi sprechen und sich das Hantieren mit Schere
und Tondeuse selber beigebracht haben ...

Das erachte ich als einen grossen Fortschritt. Denn mit dem neuen GAV werden nun massiv mehr Kontrollen durchgeführt. Alleine im letzten Jahr hat die Paritätische Kommission in den Kantonen Bern, Basel, Genf, Waadt und Zürich etwa 200 Betriebe kontrolliert – rund doppelt so viele wie bis anhin. Nun werden auch Betriebe in anderen Kantonen, darunter Luzern, genauer unter die Lupe genommen. Die Befunde dürften ähnlich ausfallen wie in den bislang verstärkt kontrollierten Kantonen. Dort ist es in vier von fünf Fällen zu Beanstandungen gekommen: Nicht vorhandene sanitäre Anlagen, unzulängliche Belüftungen – aber auch zu lange Arbeitszeiten und nicht getätigte Zahlungen an die Sozialwerke.

Wird denn gezielt gegen Tiefpreis-Anbieter vorgegangen?

Wer seine Dienstleistungen zu Dumpingpreisen anbietet, macht sich auf jeden Fall verdächtig. Die schweizweit zehn Vollzeit-Kontrolleure gehen aber auch anderen Meldungen nach und lassen zudem den Zufall entscheiden. Obschon die meisten Kontrollen angemeldet werden, erfolgen einige seit neustem auch ohne Vorankündigung.

Wohl bewusst: Denn bei 200 Kontrollen im Jahr wird nach wie vor nur ein ganz kleiner Bruchteil aller Salons überprüft. Alleine in der Stadt Luzern gibt es ja über 200 Coiffeur-Geschäfte.

Das ist uns auch bewusst. Trotzdem erhoffen wir uns eine abschreckende Wirkung durch die verstärkten Kontrollen. Denn wer sich nicht an die Spielregeln hält, muss schnell tief ins Portemonnaie greifen. Aber Illusionen mache ich mir keine: Es wird wohl auch in Zukunft viele Betriebe geben, die nur eine kurze Zeit existieren, sich nicht an die Vorschriften halten, bald schon wieder dichtmachen – nur, um dann unter anderem Namen und mit einer weissen Weste wieder neu zu eröffnen. Diese gängige Praxis ist der Hauptgrund dafür, dass die Hälfte aller Geschäfte im Tiefpreissegment schon nach drei Jahren wieder eingeht. Aufgeben und resignieren ist aber trotz allem keine Optionen.

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