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PRÄVENTION: Mit Gesprächen gegen Suizid

In Gefängnissen und Psychiatrien nehmen sich immer wieder Personen das Leben. Um dies zu vermeiden, setzen die Institutionen auf völlig unterschiedliche Massnahmen.
Yasmin Kunz
Rund die Hälfte der Psychiatriepatienten hat suizidale Gedanken. Symbolbild: Getty

Rund die Hälfte der Psychiatriepatienten hat suizidale Gedanken. Symbolbild: Getty

Der Fall sorgte europaweit für Aufsehen: In der Justizvollzugsanstalt in Sachsen hat sich der mutmassliche Terrorist Dschaber al-Bakr (22) das Leben genommen. Offenbar wurde die Suizidgefahr falsch eingeschätzt, wie es von den zuständigen Behörden hiess (Ausgabe vom 14. Oktober).

In hiesigen Gefängnissen versucht man mittels Gesprächen über den Gesundheitszustand, die Situation richtig einzuschätzen. Ist eine Person auffällig, wird ein Psychologe hinzugezogen, erklärte Stefan Weiss, Leiter der Dienststelle Justizvollzug des Kantons Luzern, gegenüber unserer Zeitung. Ist diese gegeben, wird die suizidgefährdete Person in eine Sicherheitszelle gebracht und muss einen Poncho aus Papier tragen, damit sie sich nicht selber verletzen kann.

Im Schnitt ein Selbstmord pro Jahr

Auch in den psychiatrischen Kliniken ist man immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert. 40 bis 50 Prozent der Psychiatrie-Patienten würden «vereinzelt auftretende Suizidgedanken haben», schätzt Thomas Glinz, stellvertretender Chefarzt der Klinik St. Urban. Konkrete Suizidgedanken mit der Planung des genauen Vorgehens seien allerdings seltener der Fall. Pro Jahr würde sich im Schnitt eine Person, die im Kanton Luzern in stationärer psychiatrischer Behandlung ist, das Leben nehmen, sagt er. «Selten passiert das in der Klinik, sondern meist dann, wenn die Patienten Urlaub haben.» Quasi identisch ist die Situation in der Klinik Zugersee in Oberwil. Auch dort sind Suizide innerhalb der Klinik selten, wie Chefärztin Magdalena Berkhoff auf Anfrage sagt. «Im Schnitt nimmt sich eine Person pro Jahr das Leben in der Klinik.» In Anbetracht von jährlich etwa 1300 Einweisungen, sei das wenig, betont sie. Und: «Es gibt bei uns auch Jahre ohne Suizid.»

Eine Umfrage bei den Psychiatrien in der Region zeigt: Die Verantwortlichen halten wenig davon, suizidgefährdete Patienten in einem geschlossenen Raum unterzubringen. Thomas Glinz, leitender Arzt der psychiatrischen Klinik St. Urban in Luzern, weist darauf hin, dass die Massnahmen davon abhängen, wie akut das Risiko eines Selbstmordes ist. Er erklärt: «Wenn jemand akut suizidal ist, darf er beispielsweise nicht ohne Begleitung aus dem Haus.» Aktiv suizidal heisst: Es bestehen konkrete Pläne, und der Patient ist nicht mehr absprachefähig; tritt also nicht mehr in Kontakt mit den Therapeuten. Zudem würden solche Patienten im Viertelstundentakt kontaktiert – Tag und Nacht. Die Isolierung, wie es im Gefängnis der Fall ist, findet in der Luzerner Psychiatrie nur in Ausnahmefällen Anwendung. Etwa dann, wenn trotz ständiger Aufsicht die Gefahr eines Suizides zu hoch ist.

Wichtig sei die häufige und regelmässige Kontaktaufnahme mit dem Patienten, so Glinz. «In den Gesprächen versuchen wir, Trost und Sicherheit zu vermitteln.» Die engmaschige Kontaktaufnahme brauche es, damit die Therapeuten merkten, wenn sich die Welt der Betroffenen zusätzlich verdüstere. Dem pflichtet Chefärztin Magdalena Berkhoff von der Klinik Zugersee in Oberwil bei: «Eine ehrliche und tragfähige Beziehung zu den Therapeuten ist der beste Schutz vor einem Suizid.» Werde der Patient eng begleitet, unterstützt und beschützt, sei das der viel wirksamere Schutz als Restriktionen, ist sich Berkhoff sicher. Sie weist allerdings darauf hin, dass Gefängnisse und psychiatrische Kliniken mit Blick auf suizidale Bewohner kaum verglichen werden könnten: «Die Patienten sind in der Psychiatrie, weil sie krank sind – das ist eine grundlegend andere Situation.»

Fragebögen sind nur bedingt hilfreich

Fest steht: Suizide können nicht in jedem Fall verhindert werden. Wie eruieren Therapeuten das Suizidrisiko? Glinz von der Klinik St. Urban sagt, dass für die korrekte Einschätzung viel Erfahrung nötig sei. In St. Urban sei jeweils ein ganzes Team mit Psychiatern, Pflegefachpersonen und Psychologen an der Einschätzung beteiligt. Die Entscheidung über die Massnahmen fällt letztlich der Psychiater. Eine standardisierte Vorgehensweise bei der Einschätzung gibt es nicht, wie Glinz erklärt. Fragebögen, die auf Suizidgefahr hinweisen, seien nur bedingt nützlich. Er erklärt: «Sie können einerseits die blinden Flecken, die ein jeder Untersucher hat, ausleuchten.» Damit meint Glinz, dass Erfahrungen der Therapeuten auch irreführend sein können. «Andererseits können sie den Befrager in falsche Sicherheit wiegen und zur Routine verkommen.» Weiter fügt der Experte an, dass Suizidalität kein anhaltender, sondern ein impulshafter Akt sei «und sich die Situation somit schnell ändern kann».

In Oberwil wird das Suizidrisiko unter anderem mittels Fragebogen eruiert. Doch auch hier spielt bei der Einschätzung die Beziehung eine deutlich grössere Rolle als das Ergebnis aus dem Fragenkatalog, wie Magdalena Berkhoff betont.

Täglich drei Todesfälle

Im Jahr 2014 nahmen sich gemäss Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) 1029 Personen das Leben. Davon 754 Männer und 275 Frauen. Dies entspricht fast drei Todesfällen pro Tag, wie das BAG in seiner jüngsten Meldung festhält.

In den letzten Jahren ist die Suizidrate relativ stabil geblieben. Längerfristig hat sie klar abgenommen: Im Jahr 1995 etwa nahmen sich schweizweit 1400 Personen das Leben.

Ein Vergleich der Todesursachen zeigt, dass die suizidbedingten Todesfälle häufiger sind als alle durch Verkehrsunfälle und Drogen bedingten Todesfälle zusammen, schreibt das BAG weiter. Nach dem Rückgang der tödlichen Unfälle im Strassenverkehr ist Suizid bei den 15- bis 44-jährigen Männern sogar die häufigste Todesursache. Darum hat auch der politische Druck, in der Suizidprävention auf nationaler Ebene aktiv zu werden, in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Folge wurde eine Motion zur Suizidprävention 2013 vom Nationalrat und ein Jahr darauf vom Ständerat angenommen. Damit wurde das zuständige Bundesamt für Gesundheit beauftragt, einen Aktionsplan zur Suizidprävention vorzulegen und umzusetzen.

kuy

Yasmin Kunz

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