Prag, Hergiswil, Luzern: Wie Maria Cron vor 50 Jahren in die Schweiz flüchtete

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 suchten über 10 000 Tschechoslowaken Zuflucht in der Schweiz. Eine von ihnen war Maria Cron, heute Präsidentin des Verbandes der Vereine der Tschechen und Slowaken. Sie wohnt im Wesmelin-Quartier und blickt auf ein bewegtes Leben zurück – als Tochter, Ehefrau, Mutter und Unternehmerin.

Simon Mathis
Drucken
Teilen
Maria Cron in ihrer Wohnung, die viele Spuren aus der Tschechoslowakei trägt. Die Glasteller links hat ihr erster Mann Eugen Jokl gefertigt. Die Kerzen hat sie mit ihrem zweiten Mann Paul Cron gezogen. (Bild: Pius Amrein, 28. August 2018)

Maria Cron in ihrer Wohnung, die viele Spuren aus der Tschechoslowakei trägt. Die Glasteller links hat ihr erster Mann Eugen Jokl gefertigt. Die Kerzen hat sie mit ihrem zweiten Mann Paul Cron gezogen. (Bild: Pius Amrein, 28. August 2018)

«Es ist ein Glück, dass ich nun in der Schweiz wohne», sagt Maria Cron und lacht. «Denn sonst wüssten wir gar nicht, was wir am 1. August feiern sollen.» Am Nationalfeiertag hat sie nämlich Geburtstag. Auf die Welt kam Maria 1945, in einem Dörfchen namens Huslenky in der ehemaligen Tschechoslowakei. Die Gemeinde befindet sich auf mährischem Boden, direkt an der Grenze zur Slowakei.

Maria Cron gehört zu den rund 12 000 Tschechoslowaken, die um 1968 Zuflucht in der Schweiz suchten. Grund dafür war die jähe Zerschlagung des Prager Frühlings durch den Warschauer Pakt (siehe Kasten unten). Die damals 24-jährige Maria studierte vorher Sozialrecht in Prag. «In meiner Familie hat man nicht politisch diskutiert, wenigstens nicht mit mir», erzählt sie. Ihr Vater arbeitete bei der Eisenbahn, gehörte der Arbeiterklasse an. «Ich wuchs behütet von vier erwachsenen Brüdern auf. Vielleicht war ich zu jung, zu dumm oder zu naiv. Jedenfalls war ich es nicht gewohnt, zu Hause über politische Fragen zu diskutieren.»

Doch nach dem Einfall der russischen Armee in Prag konnte Maria der Politik nicht mehr aus dem Weg gehen. «Überall in Prag diskutierten wir mit den Russen», erinnert sich Maria. «Verzweifelt versuchten wir ihnen klar zu machen, dass wir keine Revolution anzetteln wollten. Aber sie sahen es einfach nicht ein.» Zunächst wollte Maria in der Tschechoslowakei bleiben. Nachdem sie aber auf einer Zugfahrt ganze fünf Stunden lang mit einem russischen Kommandanten debattierte, und er sie in Prag beim Aussteigen mitzunehmen versuchte, bekam sie es dann doch mit der Angst zu tun. Ihr Ehemann, der Glaskünstler Eugen Jokl, der antikommunistisch eingestellt war, wollte das Land ohnehin schon länger verlassen. Die Zeit war reif.

Erste Station: Glasi Hergiswil

1969. Die Situation in der Tschechoslowakei war noch immer chaotisch. Das nutzte das Ehepaar Jokl. Die beiden beschafften sich Visa für ein Fussballspiel in Salzburg. Von dort aus reisten sie an die Schweizer Grenze. Da ihr Mann Glas verarbeiten konnte, wurde er in Hergiswil einquartiert – er fand einen Job bei der Glasi. Das Paar lebte am Anfang in einem düsteren Hotelzimmer in Hergiswil. Ein Jahr später kam ein gemeinsamer Sohn auf die Welt: Dalibor.

«Die ersten fünf Jahre in der Schweiz waren schlimm», sagt Maria Cron. Vor allem ihr Mann Eugen Jokl tat sich schwer mit den neuen Umständen. Vielleicht gezeichnet von seiner Migrationserfahrung – er war hier nicht mehr der «Meister des Glases» – vertrug er das Leben in der Schweiz schlecht. Er wurde krank und man erklärte ihn für arbeitsunfähig. Schliesslich verlor Jokl auch  seine Anstellung und wollte zurück. Das Paar liess sich scheiden, Jokl kehrte 1975 zurück in die Tschechoslowakei. Maria Cron blieb – erschöpft, abgekämpft und nur noch 37 Kilo schwer.

«Ich wollte, dass mein Sohn in Freiheit aufwächst.»

Jokl wollte auch seinen Sohn mitnehmen und in der Tschechoslowakei aufziehen. «Dagegen habe ich mich gewehrt», sagt Maria. «Ich wollte, dass mein Sohn in Freiheit aufwächst. Und ich wollte nicht als Versagerin in mein Heimatland zurückkehren». Das sei eine bewusste Entscheidung gewesen. Damals arbeitete Maria beim Luzerner Reisebüro Baumeler, zuerst im Büro und dann als Reiseleiterin. Von Einheimischen und Arbeitskollegen wurde sie liebevoll unterstützt – vor allem, als sie sich in Davos von einer Erschöpfung erholte. «Ich hatte liebe Schutzengel um mich herum», sagt Cron.

Sie heiratete den Scheidungsanwalt

1980 heiratete Maria zum zweiten Mal: den Juristen und Verleger Paul Cron. Kennen gelernt hatte sie ihn, als er als Anwalt die Scheidung begleitete. «Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn im Gericht als Gegenanwalt», erzählt sie. «Er war älter als ich. Das mochte ich schon immer, weil ich unter älteren Jungs aufgewachsen bin. Ausserdem haben es mir graue Schläfen angetan», schmunzelt sie. Aus der Bekanntschaft entstand erst eine Freundschaft, dann eine Liebesgeschichte. Das Paar liess sich in Luzern nieder, wo Frau Cron jetzt noch wohnt.

Ganz von ihrer Heimat lösen konnte sich Maria nicht: Sie sehnte sich danach, ihre vier Brüder wieder zu sehen – und vor allem ihren Vater Pavel. Ihre Mutter war schon vor der Abreise gestorben, der Vater blieb in der Tschechoslowakei. Eine Ausreise aus dem Land war ihm nicht möglich. Sechs Jahre lang versuchte er, bei der zuständige Gemeinde eine Bewilligung zu erhalten. Vergeblich. Erst im siebten Jahr war sein Begehren erfolgreich. Doch dann war es zu spät. Er starb, bevor er die Reise antreten konnte. «Ich habe ihn nie mehr wieder gesehen», sagt Cron, sichtlich mitgenommen.

Wer schrieb den anonymen Brief?

Maria Cron selbst reiste gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrem Mann 1987 in die Tschechoslowakei, noch bevor sich die Grenzen des Landes öffneten. Noch regierten die Kommunisten, und die Reise war ein eigentliches Abenteuer. Maria beantragte ein Visum und musste bei der tschechischen Botschaft in Bern antraben. Dort wollte sie der Botschafter persönlich sprechen. Denn ein anonymer Brief war eingetroffen: Er bezichtigte Maria Cron des Noten- und Kunstschmuggels. Offenbar wollte jemand verhindern, dass sie ins Land reiste. Das Visum bekam sie trotzdem. Der Botschafter schärfte ihr aber ein, sich ausserhalb der Grenzen nichts ins Auto unterjubeln zu lassen, was sie belasten könnte. «Es gab Leute, die mir schaden wollten», sagt Cron. «Ich weiss nicht, ob es Tschechen oder Schweizer waren.» Bei der Reise selbst gab es aber keine Zwischenfälle.

Tschechen-Vereine verlieren an Bedeutung – das ist der Preis für die gelungene Integration

Paul Cron war ausser Anwalt auch Inhaber der «Edition Cron», einen Verlag für Musiknoten. Nach seinem Tode übernahm Maria Cron das Geschäft und führte es 15 Jahre lang. Mittlerweile hat sie es verkauft. Die Firma existiert weiter als Teil des Verlags Ruh in Adliswil. Viel zu tun hat sie aber auch heute noch. Nicht zuletzt als Präsidentin des Verbandes der Vereine der Tschechen und Slowaken. An die grosse Glocke hängen will Maria das aber nicht. «Tschechische und slowakische Vereine werden immer kleiner», sagt sie. «Die jüngere Generation hat andere Sorgen und Projekte.» Denn die zweite Generation ist fest in der Schweiz verwurzelt. Ihr Sohn Dalibor etwa hat an der ETH Zürich studiert und ist CEO einer IT-Beratungsfirma mit Sitz in Winterthur. «Wenn ich auch sonst keine Erfolge im Leben hätte – mein Sohn ist gelungen», sagt Maria Cron.

Luzern: Zufluchtsort für kritische Geister

Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei wandten sich ab 1968 viele Bürger von ihrer Heimat ab. Insgesamt 12 000 Tschechoslowaken zogen in die Schweiz – mehr als in jedes andere Land. In die Stadt Luzern zog es viele Regimekritiker, so etwa den tschechischen Schriftsteller Pavel Kohout. Die Stadt wurde zu einer eigentlichen Hochburg der tschechischen Literatur. Dazu trug nicht zuletzt der C. J. Bucher Verlag bei: Er verschaffte Stimmen Gehör, die in ihrer Heimat verboten waren. Der ehemalige Nidwaldner Landammann Bruno Leuthold hat massgeblich zur Verbindung zwischen Prag und Luzern beigetragen – er schmuggelte regelmässig Texte in die Schweiz.

Bis Ende 1969 hatte die Fremdenpolizei 750 Tschechoslowaken in Luzern eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. «Wie viele von ihnen vorübergehend oder dauerhaft im Kanton Luzern wohnhaft waren, ist schwer zu sagen», sagt Max Huber vom Staatsarchiv Luzern. Noch schwieriger ist die Frage, wie viele von ihnen die Schweizer Staatsbürgerschaft annahmen. Per Ende 2016 hatten 1083 Personen mit ständigem Wohnsitz im Kanton Luzern die tschechische oder slowakische Staatsbürgerschaft – das sagen die Zahlen von Lustat Statistik Luzern. Dass zu den Einwanderern der Tschechoslowakei nicht mehr Fakten vorliegen, mag daran liegen, dass die Integration dieser Gruppe weitgehend problemlos verlief. Das Buch «Prag-Luzern: 1968-1989» hält Erinnerungen von Zeitzeugen fest. (ISBN 3-906997-18-9)

Prager Frühling: «Auf einmal schien alles möglich»

Vor 50 Jahren trat in der Tschechoslowakei ein einmaliges Reformprojekt in seine Hochphase. Der «Prager Frühling» sollte zum «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» führen. Jene Monate galten als Zeit der Hoffnung, die im August 1968 jäh endete.
Stefan Welzel, Prag

Rund 300 Tschechen protestieren vor russischer Botschaft in Prag

Am Vorabend des 50. Jahrestags der Niederschlagung des «Prager Frühlings» haben rund 300 Personen vor der russischen Botschaft in Prag demonstriert. Die Demonstranten zeigten Spruchbänder mit «Wir vergessen niemals» und «Stoppt den russischen Imperialismus».