Preisgekrönte App der Pädagogischen Hochschule Luzern holt Holocaust-Opfer ins Schulzimmer

Um die nationalsozialistische Judenverfolgung im Unterricht aufzuarbeiten, hat die Pädagogische Hochschule Luzern ein digitales Lehrmittel mitentwickelt. Wie ein Schulbesuch in Andermatt zeigt, begeistert die App – und sorgt für Betroffenheit.

Evelyne Fischer
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Schülerinnen der 3. Oberstufe der Kreisschule Ursern in Andermatt bei der Arbeit mit der Lern-App. (Bild: Pius Amrein, 29. Oktober 2018)

Schülerinnen der 3. Oberstufe der Kreisschule Ursern in Andermatt bei der Arbeit mit der Lern-App. (Bild: Pius Amrein, 29. Oktober 2018)

«Um mein Leben habe ich damals eigentlich nicht gebangt. Noch nicht.»

Wir schreiben den 10. November 1938, nachmittags. Bei der jüdischen Familie Stern in Berlin klingelt es, der zehnjährige Hellmut öffnet. Vor ihm stehen Polizisten und SA-Leute, Angehörige der Sturmabteilung der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei. Sie fragen, wo seine Eltern bleiben. Der Bub hat Angst. Stunden zuvor ist die Synagoge in der Prinzregentenstrasse in Brand gesteckt worden. Als Reichskristallnacht wird jenes Ereignis später in die Annalen eingehen.

80 Jahre später: Die 3. Oberstufe der Kreisschule Ursern in Andermatt behandelt den Holocaust. Zugang zur Judenverfolgung verschafft nicht etwa ein dicker Wälzer: Vielmehr klicken sich die zehn Schüler in der Lern-App «Fliehen vor dem Holocaust» von Schicksal zu Schicksal. Hellmut Stern ist eines von ihnen.

Digitales Lehrmittel erntet Bestnoten

Das digitale Lehrmittel ist von der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern zusammen mit der Fachhochschule Vorarlberg und dem Institut «erinnern.at» in Bregenz mitentwickelt worden. Dafür erntet die PH Bestnoten respektive den Worlddidac Award, laut Mitteilung «die höchste Auszeichnung in der Schweizer Bildungsbranche».

Die Macher der App sahen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass immer mehr Menschen, welche die Verbrechen der Nazis noch selber erlebt haben, sterben. Fünf Zeitzeugen nun erzählen ihre Fluchtgeschichten. Die Interviews werden durch Kurzerklärungen ergänzt und in vier Aspekte gegliedert. Zwei davon wählen die Jugendlichen zur Vertiefung aus, halten ihre Reflexionen fest.

«Der Zugang über die Zeitzeugen überzeugt mich sehr», sagt Manuela Christen (30), Klassenlehrerin der 3. Oberstufe. «Ein Interview auf Video, mit dem auch Emotionen sichtbar werden, gibt bei solch einem ernsten Thema viel mehr her als ein blosses Schriftzeugnis.»

Gefasstheit der Opfer beeindruckt die Schüler

Nils Zurfluh hört sich gerade die Geschichte von Hellmut Stern an. «Wegen seiner Flucht von Berlin nach China», sagt der 15-Jährige. Wie Stern erzählt, kam «der erste grosse Angstmoment an der deutsch-italienischen Grenze, am Brenner, wo wir eigentlich den Zug nach Genua besteigen sollten». Seine Eltern wurden dort von der Gestapo zur Leibesvisitation geholt. Nils Zurfluh gefällt, dass er dank Film weniger lesen muss. Die Denkarbeit aber nimmt ihm niemand ab. So fragt die App den Andermatter nun, was Angst für ihn bedeutet.

«Die Zeitzeugin hat nicht mal geweint, obwohl alle ihre Verwandten umgebracht worden sind.»

Simona Jörg, Schülerin aus Andermatt

Derweil tauchen Simona Jörg (15) und Jana Baumann (15) ins Leben von Eva Koralnik ein, die von Budapest in die Schweiz flüchtet. Jana schätzt das selbstständige Arbeiten mit der App. Simona pflichtet bei, vermisst aber manchmal die Möglichkeit, etwas zu markieren. Sie ist beeindruckt, wie gefasst sich die Jüdin Koralnik Jahre später im Film zeigt. «Sie hat nicht mal geweint, obwohl alle ihre Verwandten umgebracht worden sind.»

Schüler schreiben ihr eigenes Zeitzeugnis

Schülerinnen der 3. Oberstufe der Kreisschule Ursern in Andermatt bei der Arbeit mit der Lern-App. (Bild: Pius Amrein, 29. Oktober 2018)

Schülerinnen der 3. Oberstufe der Kreisschule Ursern in Andermatt bei der Arbeit mit der Lern-App. (Bild: Pius Amrein, 29. Oktober 2018)

Die Geschichten machen betroffen, sagt Klassenlehrerin Manuela Christen. «Das Austauschbedürfnis ist gross.» Rund drei Lektionen arbeiten die Schüler nun mit dem neuen Lehrmittel, danach liefern sie ein mehrseitiges Dossier ab, das benotet wird.

Diese neuen Zeitzeugnisse würden wohl auch Hellmut Stern interessieren. 1949 verlässt er das Exil in China, lebt dann zunächst in Israel, später in den USA. 1961 kehrt er als Erster Geiger des Philharmonischen Orchesters nach Berlin zurück. Stern sagt: Am schlimmsten sei es gewesen, nach Kriegsende von den Konzentrationslagern zu hören und zu erfahren, dass die ganze Verwandtschaft umgekommen ist.

«Wo sie wirklich umgekommen sind und wie, wissen wir nicht. Sie sind vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie niemals gegeben.»

Luzern: Auszeichnung für «My Bourbaki Panorama»

Die neue Bildungs-App «My Bourbaki Panorama» ist mit einem Award der Worlddidac Stiftung gewürdigt worden. Unterdessen können nicht nur Schulklassen, sondern alle Besucher des Bourbaki Panoramas von der Tablet-Applikation profitieren.