PREMIERENKRITIK: «The Boatswain's Mate»: Spätromantische Suffragette

Das Luzerner Theater hat Ethel Smyth und ihre Oper «The Boatswain's Mate» in Erinnerung gerufen. Der an sich verdienstvolle Abend verlief zwiespältig.

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Die Sopranistin Anna Kovach gibt die Wirtin mit viel Temperament und leuchtendem, aber zu Härten neigendem Sopran (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)

Die Sopranistin Anna Kovach gibt die Wirtin mit viel Temperament und leuchtendem, aber zu Härten neigendem Sopran (Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn)

Diese Lady war nicht ladylike: Die 1858 in Sidcup bei London geborene Ethel Smyth war nicht nur Komponistin, als Komponieren noch als Männersache galt, sie war auch eine militante Frauenrechtlerin, sass deswegen auch schon mal im Gefängnis und war offen lesbisch.

Nun erinnert das Luzerner Theater an die bei uns kaum bekannte Komponistin mit ihrer Oper «The Boatswain's Mate». Die Aufführung im UG, der Nebenspielstätte des Theaters, ist eine Koproduktion mit der Hochschule Luzern-Musik. Andrew Dunscombe dirigiert die Junge Philharmonie Zentralschweiz, das Orchester der Hochschule.

Regie führte Hersilie Ewald. Im Zentrum der 1916 uraufgeführten Opernkomödie steht Mrs. Waters, die Wirtin einer Matrosenkneipe. Sie wird umworben vom Bootsmann Harry, weist ihn aber beharrlich ab.

Um ihr zu zeigen, dass sie seinen männlichen Schutz braucht, wirbt er den Ex-Soldaten Ned an. Dieser soll zum Schein bei ihr einbrechen und sich von Harry verjagen lassen. Doch Mrs. Waters stellt den Eindringling selbst und die beiden verlieben sich in einander.

Bild: Luzerner Theater / Ingo Höhn
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Shanties und deutsche Innigkeit

Dass eine Frau sich selbst zu wehren weiss und so die Geschlechter-Klischees widerlegt, dürfte Smyth an diesem Stoff gereizt haben. Sie vertiefte zudem die Figur und zeigte sie als Frau in der Midlife-Crisis, die in der Begegnung mit Ned zu ahnen beginnt, dass ein neuer Aufbruch möglich ist.

Als Komponistin war Smyth erstaunlich konservativ. Ihre Musik ist geprägt von der deutschen Spätromantik. Im Liebesduett gegen Schluss beispielsweise klingt die Innigkeit Engelbert Humperdincks an. Zitate von Matrosenliedern sorgen für Lokalkolorit.

Smyth selbst hat die Partitur nachträglich für ein kleines Instrumentalensemble eingerichtet. Die jungen Musiker setzen diese Fassung solid und zuverlässig um.

Die Sopranistin Anna Kovach gibt die Wirtin mit viel Temperament und leuchtendem, aber zu Härten neigendem Sopran. Der junge Alexandre Beuchat als Ned prunkt mit prachtvollem, kernigem Bariton und schön ausgesungenen Linien. Beide studieren an der Hochschule.

Als Harry kehrt Tobias Hächler nach nach Luzern zurück und gestaltet die Partie mit substanzreichem, elegant geführtem Tenor.

Platte Inszenierung

Die Regisseurin lässt das Stück in einer von Sabine Jaschke gestalteten Schiffs-Bar spielen. Diesen stimmigen Rahmen füllt sie mit überflüssigen Aktionen und platten Gags, die häufig von der Musik ablenken.

Hingegen gelingt es ihr nicht plausible Figuren zu entwickeln und so chargieren die Darsteller vor allem im ersten Teil munter drauflos. Dabei herrscht das Klischee: Seeleute trinken permanent Bier oder Hochprozentiges.

Die Wirtin schluckt so viele Tabletten, dass sie am Schluss des Abends tot sein müsste. Die Zeichnung der Kellnerin Mary-Ann als männergeiles Flittchen bedient genau jene Männerfantasien, gegen die Smyth ankämpfte; das Premierenpublikum jubelte trotzdem.

sda