Pro-Kontra
Der Kanton Luzern verbietet Klassenlager – ist der Entscheid verantwortungsvoll oder absurd und inkonsequent?

Parteien, Eltern und Lehrer wehren sich gegen den Entscheid der Luzerner Regierung, wegen Corona sämtliche Klassenlager zu verbieten. Das wird heiss diskutiert. An dieser Stelle kreuzen zwei Redaktoren die Klingen.

Niels Jost und Robert Knobel
Niels Jost und Robert Knobel
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Pro: Endlich handelt der Kanton Luzern proaktiv

Niels Jost, Redaktor Ressort Kanton. Luzern

Niels Jost, Redaktor Ressort Kanton. Luzern

Luzerner Schülerinnen und Schüler dürfen in diesem Schuljahr nicht ins Klassenlager. Dies hat das Bildungs- und Kulturdepartement vor Ostern entschieden – und damit viele Emotionen geschürt.

So schmerzlich der Entscheid ist – er ist nichts anderes als richtig. Schon oft haben Bund und Kantone in dieser Pandemie zu wenig schnell gehandelt. Es fehlte und fehlt häufig an Weitblick: Massnahmen werden hinausgeschoben, rückgängig gemacht, nur damit sie im nächsten Monat wieder verschärft werden müssen. Damit ist niemandem geholfen. Diese Unsicherheit führt nur zu noch mehr Ärger und Frust.

Nun hat es der Kanton Luzern endlich geschafft, proaktiv zu handeln. Mit dem Entscheid, die Klassenlager zu verbieten, hat er früh Klarheit geschaffen. Erstens gibt das den Schulleitungen, Lehrpersonen wie auch den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern Planungssicherheit. Zweitens bleiben allfällige Stornierungskosten aus. Und drittens haben die Organisatoren nun genügend Zeit, ein Alternativprogramm auf die Beine zu stellen.

Der Entscheid ist auch angesichts der aktuellen Lage richtig. Die Fallzahlen steigen, mit den Impfungen geht’s nur schleppend voran, mutierte Viren verbreiten sich. Wie sich die Situation vor den Sommerferien präsentiert, weiss niemand. Klar ist aber, dass es unklug ist, ein zusätzliches Risiko einzugehen und mit einer ganzen Klasse inklusive Begleitpersonen in einen anderen Kanton zu ziehen. Lieber auf Nummer sicher gehen; lieber im Nachhinein sagen müssen, das Verbot war übertrieben, als hinstehen und erklären zu müssen, wieso man die offensichtlichen Anzeichen nicht ernstgenommen hatte. Der Staat hat die Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen. Dieser Verantwortung kommt er nun nach – übrigens genauso wie Schwyz, Zürich, Aargau oder weitere Kantone, welche ebenfalls ein Lagerverbot beschlossen haben.

Das Wichtigste ist aber: Die fraglos wichtigen Erfahrungen, welche Kinder in einem Lager sammeln, fallen nicht weg. Die Schule Willisau macht’s vor: Die Lagertage werden zu Projekttagen, die Schüler bleiben in der Region, das Programm kann – falls nötig – spontaner angepasst werden. Kurz: Ein toller Abschluss des Schuljahres ist gewiss – auch mit Corona.

Kontra: Absurd, inkonsequent und enttäuschend

Robert Knobel, Leiter Ressort. Stadt/Region Luzern

Robert Knobel, Leiter Ressort. Stadt/Region Luzern

Für die Beamten des kantonalen Bildungsdepartements war es wohl nicht viel mehr als ein Federstrich: Alle Schulveranstaltungen mit Übernachtung sind hiermit abgesagt. So wie vieles andere auch, da kommt es auf ein paar Schullager auch nicht mehr an.

Perspektivenwechsel: Hunderte Luzerner Kinder und Jugendliche verbrachten die vergangenen Wochen damit, ihr Lager vorzubereiten. Exkursionen wurden organisiert, die Spiele für den Abschlussabend waren schon parat. Der Entscheid des Kantons kam wie aus heiterem Himmel und sorgte bei Eltern für Wut und Ohnmacht, bei den Kindern für grenzenlose Enttäuschung. Die Lagerwoche mit der eigenen Klasse am Ende der Primarschule oder in der Sek ist für viele eines der wichtigsten Ereignisse in der Schulzeit. Es ist eine prägende Erfahrung, die sich bei einer Absage nicht nachholen lässt.

Eine plausible Erklärung für den Entscheid ist die Luzerner Regierung bisher schuldig geblieben. Man wolle die Lager lieber jetzt schon absagen, anstatt dies im Sommer tun zu müssen, hiess es. Ein absurderes Argument ist ihnen wohl nicht eingefallen. SP, CVP und GLP haben recht, wenn sie der Regierung kritische Fragen stellen. Denn davon gibt es einige: Wie ist zu erklären, dass Kinder, die täglich etliche Stunden gemeinsam im Schulzimmer verbringen, dies nicht in einem Lagerhaus tun dürfen? Und dies notabene, wo Pfadi- und andere Lager mit bunt zusammen gewürfelter Kinderschar weiterhin erlaubt sind. Die Durchmischung ist dort ungleich grösser – trotzdem scheint das Infektionsrisiko ganz offensichtlich vertretbar. Wo bleibt da die Logik?

Nichts hätte die Bildungsbehörden gehindert, strenge Schutzauflagen für die Durchführung von Schullager zu erlassen – zum Beispiel obligatorische PCR-Tests als Voraussetzung für die Teilnahme. Absagen und Annullieren ist zwar immer der einfachste Weg in der Coronakrise, auf Dauer aber kein taugliches Mittel des Politisierens. Unzählige Menschen leisten derzeit einen grossen Sondereffort, damit – unter Einhaltung aller Schutzmassnahmen – ein Stück Alltag möglich bleibt. Auch die Luzerner Lehrpersonen, die gewillt waren, ihren Schülern trotz aller Widrigkeiten ein Lager zu ermöglichen, hätten von der Politik Anerkennung statt Verbote verdient.