Professorin der Hochschule Luzern hat Tabuthema Totgeburt untersucht

Rund 600 Totgeburten gibt es jährlich. Die Hochschule Luzern hat das Thema in einer Studie unter die Lupe genommen. Die Autorin der Studie strebt an, eine Webseite einzurichten, die für Betroffene und Fachpersonen Informationen zur Verfügung stellt.

Roseline Troxler
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Studienautorin Claudia Meier Magistretti beim Inseli.

Studienautorin Claudia Meier Magistretti beim Inseli.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 27. November 2019)

Fast jeden Tag geschehen in der Schweiz zwei Totgeburten und Spätaborte. Bei den um die 600 Fällen jährlich handelt es sich um Todesfälle, die zwischen der 22. Schwangerschaftswoche und der ersten Woche nach der Geburt passieren. Claudia Meier Magistretti sagt:

«Obwohl die Zahl im Vergleich zu allen Schwangerschaften bei unter einem Prozent liegt, ist jede Totgeburt ein tiefgreifendes Ereignis für die Eltern und deren Umfeld.»

Die Professorin und Forschungsleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit ist Autorin der Studie «Wenn der Lebensanfang auf den Tod trifft».

Vor fünf Jahren hat Meier Magistretti eine Studie zur nachgeburtlichen Begleitung von Frauen verfasst. «Es zeigte sich, dass sich Frauen mit stillen Geburten emotional schlecht begleitet fühlten und dies, obwohl Ansprechpersonen da gewesen wären.» Für die aktuelle Studie hat die Autorin diverse Interviews mit Betroffenen geführt und so ein Modell entwickelt, wie eine gute Begleitung von Mütter bei einem perinatalen Kindstod aussehen könnte. Das Modell wurde in Expertengruppen überprüft.

Claudia Meier Magistretti betont, dass das Thema in der Schweiz nach wie vor tabuisiert wird. Sie erzählt:

«Viele Frauen sprechen nicht mal mit ihren Freundinnen darüber.»

Gründe ortet sie darin, dass die Themen Sexualität und Geburt emotional sind und stark ins Private gedrängt würden. Dann liege es daran, dass man generell nicht gerne an den Tod denke. «Der kollektive Umgang mit dem Tod ist verloren gegangen.» Und die Tabuisierung liege auch an der Machbarkeitsideologie. «Die Medizin propagiert, dass sie das Gebären beherrscht. Eine Totgeburt kann als Kränkung gesehen werden.» Die Tabuisierung von Totgeburten erschwere die Situation der betroffenen Eltern zusätzlich. Ausserdem würden werdende Mütter und Väter kaum auf tödliche Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt vorbereitet.

Spitäler orientieren sich zu stark an Organisationslogik

Die fehlende Sensibilisierung hat laut der Studienautorin zur Folge, dass sich die Abläufe in den Spitälern zu oft zu stark an der Organisationslogik orientieren, statt an den Bedürfnissen der Eltern. «Uns wurden Erlebnisse geschildert, die verletzend für die Eltern sind und mit relativ einfachen Mitteln verhindert werden könnten.» Als Beispiel nennt sie, dass eine Frau mit einem toten Baby im Bauch die Nacht vor der Geburt unmittelbar neben gebärenden Müttern mit gesunden Kindern verbringen musste. «Die Fachkräfte stehen in einer grossen Verantwortung. Ihr Verhalten ist mitentscheidend für das Wohlbefinden von betroffenen Eltern.» Wie stark ausgeprägt die Langzeitfolgen eines Kindsverlustes wie posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen sind, hänge stark von der Begleitung ab.

Doch wo braucht es Anpassungen? «Es ist entscheidend, dass die Betroffenen durch den ganzen Prozess hindurch eine Bezugsperson haben und wissen, an wen sie sich wenden können», sagt Meier Magistretti. Ausserdem sollten Eltern aktiv Hilfe erhalten. «Die Mitteilung, dass das Baby im Bauch tot ist oder nach der Geburt stirbt, nehmen Eltern unter Schock auf. Wenn dann nach einer Weile Fragen kommen, sind die Ärzte oft nicht verfügbar.» In dieser Phase hätten die Eltern nicht die Kraft, jemanden anzurufen. «Hier braucht es eine Person, die auf die Eltern zugeht.» Zudem sollen die Frauen bestärkt werden, natürlich zu gebären. 

«Die Mütter finden die Vorstellung zunächst schlimm, das tote Kind noch ein paar Tage im Bauch zu behalten und natürlich zu gebären. Aber das ist für den Verarbeitungsprozess zentral.»

Trotz vieler Kritikpunkte unterstreicht sie, dass viele Institutionen bereits eine gute Begleitung bieten – gerade in Zusammenarbeit mit Freiwilligen. «Das Modell soll helfen, die Begleitung zu verbessern, ohne dass jedes Spital das Rad neu erfinden muss.» Die Autorin strebt an, eine Webseite einzurichten, die für Betroffene und Fachpersonen Informationen zur Verfügung stellt. Derzeit wird die Finanzierung abgeklärt.