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PROZESS: Fall Malters: Psychologe war ein Anfänger

Die Spitze der Luzerner Polizei hat sich letzte Woche wegen eines Einsatzes in Malters vor Gericht verantworten müssen. Im Zentrum stand auch die umstrittene Rolle des Psychologen vor Ort. Dieser war das allererste Mal an einem Polizeieinsatz.
Lena Berger
Fall Malters: Am 9. März 2016 kam es hier zu einem Polizeieinsatz mit tödlichen Folgen. (Bild: Lena Berger (Malters, 18. Juni 2017))

Fall Malters: Am 9. März 2016 kam es hier zu einem Polizeieinsatz mit tödlichen Folgen. (Bild: Lena Berger (Malters, 18. Juni 2017))

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Polizeipsychologen sehen Dinge in Menschen, die Normalsterblichen verborgen bleiben. Sie sind Helden, irgendwo zwischen Genialität und Wahnsinn. Sie sehen in den Augen eines Verbrechers, welche Kindheitstraumas diesen zu seinen grauenvollen Taten antreiben. Und natürlich wissen sie deshalb auch, mit welchen psychologischen Tricks sie einen Kriminellen zur Aufgabe bewegen können. So ist es zumindest in Krimiserien wie «Hannibal» oder «Criminal Minds».

Dass sich dieses Bild in den Köpfen der TV-Zuschauer festgesetzt hat, mag mit ein Grund dafür sein, dass der «Fall Malters» in gewissen Teilen der Bevölkerung für Empörung gesorgt hat. Denn Einsatzleiter Daniel Bussmann hatte sich an jenem unglückseligen Morgen im März 2016 über die Empfehlung des Polizeipsychologen hinweggesetzt. Nach 19 Stunden erfolgloser Verhandlungen mit einer psychisch angeschlagenen und bewaffneten Frau entschied er, die Wohnung zu stürmen, in der sich diese versteckt hielt. Mit tragischen Folgen. Als der Zugriff erfolgte, nahm sich die Frau in ihrem Badezimmer das Leben.

Eine Frage, die sich im Rahmen der Medienberichterstattung sehr früh gestellt hat, ist, welche Verbindlichkeit die Empfehlung eines Polizeipsychologen bei solchen Fällen hat. Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, denn in der Schweiz haben Psychologen bei der Polizei je nach Korps ganz verschiedene Aufgaben und Kompetenzen.

Spezialisiert auf Arbeitspsychologie

Welche Rolle dem Psychologen bei der Luzerner Polizei zukommt, lässt sich aus dem Jobprofil des Mannes ablesen, der diese Stelle zum Zeitpunkt des Vorfalls innehatte. Er hat gekündigt, daher war das Stelleninserat bis vor kurzem online einsehbar. Gesucht wurde eine Person mit einem Masterabschluss, die sich auf Arbeits- und Organisationspsychologie spezialisiert hat. Eine klinische oder gar forensische Ausbildung ist nicht gefragt, zumal der Job primär darin besteht, Beratungen, Coachings, Supervisionen und Schulungen durchzuführen und die HR-Abteilung bei der Rekrutierung neuer Polizeikräfte zu unterstützen.

In Anbetracht dieser Tatsache stellt sich die Frage, was der Polizeipsychologe an dem Einsatz verloren hatte, wenn er über keine forensische Zusatzqualifizierung verfügte. Die Gerichtsverhandlung von letzter Woche lieferte dazu neue Erkenntnisse.

  • Er sollte die Polizisten betreuen: Vor Ort war der Polizeipsychologe, weil er die Verhandlungsgruppe unterstützen sollte. Nicht er führte die Gespräche mit der Frau, sondern die darauf spezialisierten Experten der Luzerner Polizei. Diese Einsatzkräfte sollte er in der belastenden Situation psychologisch beraten.
  • Die eigentlichen Fachleute sagten alle ab: Als die Einsatzleitung erkannte, dass man es mit einer psychisch kranken Person zu tun hatte, versuchte man, einen forensischen Psychiater beizuziehen. Diese Experten sind darauf spezialisiert, die Gefahr einzuschätzen, die von Kriminellen ausgeht. Sie erstellen für Gerichte auch Gutachten zur Rückfallgefahr und Therapiefähigkeit. Obwohl während des Einsatzes Fachleute aus der ganzen Zentralschweiz angefragt wurden, erhielt man nur Absagen. Die Schilderungen von Einsatzleiter Daniel Bussmann hinterlassen den Eindruck, dass sich keiner an dem Fall die Finger verbrennen wollte.
  • Er hatte keine Erfahrung: Der Polizeipsychologe hatte 2013 einen Masterstudiengang in angewandter Psychologie in Olten abgeschlossen. Der Fokus dieser Ausbildung liegt auf Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftsthemen. Das Erkennen von psychischen Krankheiten gehört also nicht zu seinen Kernkompetenzen. Es war zudem das erste Mal überhaupt, dass er bei einem Polizeieinsatz dabei war.
  • Er hielt sich nicht an die Abläufe: In Situationen wie derjenigen in Malters ist klar definiert, wer wofür zuständig ist. Das Schema sieht vor, dass der Einsatzleiter von den Chefs der verschiedenen spezialisierten Gruppen darüber informiert wird, was sich an der Front tut. Im vorliegenden Fall war es aber nicht der Chef der Verhandlungsgruppe, der zum Einsatzleiter kam und sich für ein Abwarten einsetzte. An dessen Stelle kam der Psychologe, der eigentlich zur Beratung der Verhandlungsgruppe vor Ort war. Es entsteht der Eindruck, dass er sich nicht an den in diesen Fällen definierten Ablauf gehalten hat – was ja vielleicht damit zu tun hat, dass er vorher noch nie an einem Einsatz war.
  • Seine Empfehlungen waren nicht verbindlich: Selbst der Anwalt des Privatklägers räumte in der Verhandlung ein, dass die Einsatzleitung die Entscheidungsbefugnisse hat und nicht an die Einschätzung des Polizeipsychologen gebunden ist. Seine Forderung, dass Daniel Bussmann eine Zweitmeinung hätte einholen müssen, sorgte im Gerichtssaal aber für Kopfschütteln – zumal es andere Fachleute ja abgelehnt hatten, vor Ort zu kommen.

Polizeikorps in der ganzen Schweiz warten gespannt auf das Urteil, das am Dienstag verkündet wird. Wie Kommandant Adi Achermann sagte, befürchtet man ein Präjudiz, wenn Polizisten verurteilt werden, weil sie einen Suizid nicht verhindern konnten.

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