Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

PRÜFUNG: Maturanden spicken im grossen Stil

An der Kantonsschule Sursee schummeln mehrere Schüler mit dem Handy. Eine Maturandin muss jetzt das Jahr wiederholen.
Hier an der Kanti Sursee haben mehrere Schüler einer Maturaklasse bei mehreren Prüfungen getrickst. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

Hier an der Kanti Sursee haben mehrere Schüler einer Maturaklasse bei mehreren Prüfungen getrickst. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

Flurina Valsecchi

Hier geht es um eine Klasse an der Kantonsschule Sursee, man steht kurz vor der Matura, und es wird gespickt. Die Schülerin, nennen wir sie Sarah (Name der Redaktion bekannt), und andere Klassenkameraden fotografieren mit dem Handy die Aufgaben während der Mathe-Prüfung und schicken sie via den Nachrichtendienst WhatsApp an Sarahs Freund. Dieser löst die Aufgaben und teilt den Schülern die Resultate mit. Man hat eine WhatsApp-Gruppe gebil­det. So profitieren mehrere Schüler, es dürften sechs oder sieben gewesen sein.

Dieser Trick wurde in den drei letzten Prüfungen im regulären Schuljahr, also vor der schriftlichen Matura, angewendet. Der Tipp kam von ehemaligen Maturanden. Gespickt wurde schon länger. Prüfungsblätter wurden angeblich von Pult zu Pult weitergereicht. Im Schreibblock oder im Formelbuch versteckte man Spickzettel oder alte Prüfungen mit ähnlichen Fragen. Die Mehrheit der Klasse soll gespickt haben, wird erzählt. In anderen Klassen sei es beim selben Lehrer ähnlich zugegangen.

Schülerin bereut ihre Tat

Einen Riesenmist habe sie gemacht, nie wieder würde sie so etwas tun, beteuert Sarah im Gespräch mit unserer Zeitung. «Wir kamen in der 5. Klasse zu einem neuen Mathe-Lehrer, aber wir lernten bei ihm nichts. Ich hatte Angst, dass ich bei der Mathe-Matura durchfallen würde.» Deshalb hätte sie eine möglichst gute Vornote herausholen wollen mit privater Nachhilfe und bei den letzten drei Prüfungen mit Spicken.

Offensichtlich war sie nicht allein. «Ein richtiger Sport habe sich in der Klasse daraus entwickelt», schildert der Vater die Situation. Sie sei eine gute Schülerin, hätte das Spicken gar nicht nötig gehabt. Er entschuldige das Verhalten seiner Tochter keineswegs. Eine Strafe habe sie verdient. Aber nicht diese.

Nach der schriftlichen Matura Ende Mai werden die Eltern und Sarah ins Rektorat zitiert. Die Schulleitung muss davon Wind bekommen haben. Sarah gibt sofort zu, geschummelt zu haben. Was folgt, ist für Aussenstehende rückblickend schwierig zu rekonstruieren. Es finden zwei Gespräche zwischen Schulleitung und Familie statt, dann gibt es eine Anhörung in Luzern beim Dienststellenleiter für Gymnasialbildung. «Die Schulleitung wollte mich überreden, dass ich freiwillig das Schuljahr wiederhole», sagt Sarah. «Nur so könne ich mir die Matura ehrlich verdienen.» Ein grosser Druck sei auf seine Tochter ausgeübt worden, sagt der Vater.

Familie kritisiert das Vorgehen

Die Familie erlebt das Verfahren als ewiges Hin und Her. Erst habe die Schulleitung versprochen, dass man die Angelegenheit intern löse und nicht das kantonale Amt einschalte. Dann war die Rede, dass Sarah die Prüfungen wiederholen könnte und 120 Sozialstunden zu leisten hätte. Schliesslich folgt der harte Entscheid: Sarah wird von den Maturaprüfungen ausgeschlossen, sie muss ihr letztes Schuljahr wiederholen.

Weil die Einsprachefrist läuft, kann Sarah an den mündlichen Maturaprüfungen teilnehmen. Wegen der psychischen Belastung gibt sie aber mittendrin auf. Die Eltern behalten sich vor, Rekurs einzureichen.

Behörde: «Massnahme ist richtig»

Michel Hubli, Rektor der Kantonsschule Sursee, wollte gestern selber keine Stellung nehmen, er sei in die Organisation der Matura-Abschlussfeier involviert. Dafür äussert sich Aldo Magno, Leiter der kantonalen Dienststelle für Gymnasialbildung, der den Fall entschieden hat. «Die Schülerin hat den Fall zugegeben. Sie hat wissentlich und willentlich drei Prüfungen betrogen, sie hat die Unredlichkeit geplant und organisiert», sagt Magno. Das Reglement sei klar. Bei Unredlichkeit werde der Prüfungsausschluss verfügt, und die Prüfung gelte als nicht bestanden. Und weiter: «Die Matura verfolgt zwei Ziele: die Hochschulreife und höhere Gesellschaftsreife. Systematischer Prüfungsbetrug hat mit Gesellschaftsreife nichts zu tun.» Zu den Details der Gespräche mit der Familie äussert er sich nicht. Magno betont: «Wir finden das Vorgehen und die Massnahme richtig.»

Magno ist kein anderer vergleichbarer Fall bekannt. «Die Schule wird den Fall sicherlich analysieren und allfällige pädagogische und prüfungstechnische Schlüsse daraus ziehen.» Aber: «Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.»

Was geschieht mit Sarahs Klassenkameraden, die ebenfalls im Handy-Chat beteiligt waren? Weil der Betrug gewissen von ihnen nur in einer Prüfung bewiesen werden konnte, wurde die entsprechende Note annulliert. Magno: «Die Schulleitung hat viele Gespräche geführt, und man hat alle Fälle gemäss Faktenlage und Beweismittel beurteilt.»

Eine weitere Schülerin aus Sarahs Klasse soll inzwischen das Spicken bei drei Prüfungen zugegeben haben. Ein scheinbar identischer Fall wie Sarahs? Sie kann die Prüfungen wiederholen. Magno: «Ich habe diese Fälle unterschiedlich beurteilt, weil die Sachlage unterschiedlich war: Die eine Schülerin hat die Sache organisiert und geplant. Die andere nicht.» Dass sie allein die Drahtzieherin gewesen sein soll, dagegen wehrt sich Sarah vehement. Sie sei im Vergleich zu den andern Schülern zu hart bestraft worden. Es sei unklar, aufgrund welcher Beweislage diese unterschiedlichen Urteile gefällt worden seien.

Weiterer Fall: Noten manipuliert?

Ein weiterer aktueller Fall wird bekannt: Zwei Schülerinnen versuchten, via Laptop des Lehrers Noten zu verändern und so ihr Zeugnis zu verbessern. Sie wurden mit rund 40 Sozialstunden bestraft. Magno: «Der Fall stand in keinem direkten Zusammenhang mit den Maturitätsprüfungen und war einmalig. Entsprechend hat die Schulleitung diese disziplinarisch geahndet.»

Und wie geht es mit Sarah weiter? Die Maturitätskommission legt ihr nahe, das Maturajahr an einer anderen Schule zu wiederholen. Eigentlich hätte sie in Afrika in einem Freiwilligenprojekt arbeiten und dann internationale Beziehungen studieren wollen.

Und was machen Sarahs Klassenkameraden? Heute beginnt ihre Matura-reise sie fliegen nach Kreta.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.