PSYCHIATRIE: «Die Mutter hat sich in eine Sackgasse manövriert»

Wie kann eine Kontrolle wegen einer Indoor-Hanfanlage so eskalieren und mit einem Suizid enden? Wir haben beim Psychiater Andreas Frei nachgefragt. Er leitete früher den Forensischen Dienst der Luzerner Psychiatrie. Heute ist er bei der Psychiatrie Baselland und in einer eigenen Praxis tätig.

Interview Matthias Stadler
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In Malters hat sich eine Frau in einem Wohnhaus verschanzt und mit dem Gebrauch einer Schusswaffe gedroht. Beim Stürmen des Hauses durch die Polizei wurde die Frau bereits tot aufgefunden. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

In Malters hat sich eine Frau in einem Wohnhaus verschanzt und mit dem Gebrauch einer Schusswaffe gedroht. Beim Stürmen des Hauses durch die Polizei wurde die Frau bereits tot aufgefunden. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Interview Matthias Stadler

Andreas Frei, die 65-jährige Frau, die sich in einem Haus in Malters verschanzt hatte, hat sich gestern Mittag umgebracht. Dies, als die Polizei die Hanfanlage ihres Sohnes sicherstellen wollte. Was geht im Kopf einer solchen Person vor?

Andreas Frei: Man ist schockiert. Es kommt auch darauf an, wie man zum Gesetz beziehungsweise zur Kriminalisierung von Cannabis steht. Vielleicht hat diese Frau auch Cannabis konsumiert. Und vielleicht hat sie sich mit ihrem Sohn identifiziert und sich dann in eine Sackgasse manövriert, aus der sie nicht mehr herausgekommen ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Mutter mit ihrem Sohn in einer Symbiose gelebt und sich gegen das Establishment abgegrenzt hat. Wenn dann die Polizei kommt und diese Beziehung zusammenfällt, ist das ein massiver Schlag, der möglicherweise zu dieser Handlung geführt hat.

Sie hat keinen Ausweg mehr gesehen?

Frei: Ja. Die Frau musste mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Ich gehe davon aus, dass Leute, die eine Hanfanlage haben, diese nicht nur zum Geldverdienen betreiben, sondern auch ein ideologisches Motiv haben – im Sinne von überzeugten Kiffern, die sich vom normalen Bürger abgrenzen. Und eine solche abrupte Konfrontation mit der Polizei, die ja das «System» repräsentiert, kann zu einer Kurzschlusshandlung führen. Es wäre interessant zu wissen, ob die Frau schon mal auffällig geworden ist.

Inwiefern spielt die Polizei eine Rolle bei einer solchen Tat?

Frei: Es geht um Schadensbegrenzung. Die Polizisten müssen schauen, dass ihnen und der Bevölkerung nichts passiert. Es wäre gut, wenn in solch zugespitzten Fällen eine Fachperson dabei wäre. Wobei ich natürlich nicht weiss, ob man in diesem Fall etwas hätte machen können. Grundsätzlich passiert es zu selten, dass die Polizei Fachleute bei akuten Fällen zu Rate zieht. Das hat sich hierzulande noch nicht richtig etabliert.

Was ist wichtig bei einem solchen Einsatz für die Polizei?

Frei:Wichtig ist, dass versucht wird, die Situation zu entschärfen, und dem Täter die Gelegenheit gegeben wird, das Gesicht zu wahren. Es gibt bei der Polizei zwar Leute, die geschult sind. Aber eine Fachperson vor Ort hat möglicherweise mehr Gespür dafür. Die Polizei darf aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren und muss sich auch darauf fokussieren, dass der Täter keine Waffe mehr hat.

Die Luzerner Polizei versuchte, mit der Frau zu verhandeln. Offensichtlich erfolglos. Was kann die Polizei überhaupt tun, wie muss sie sich verhalten?

Frei:Polizisten werden geschult für solche Fälle. Meine Überlegung ist: Kann die Polizei unter Umständen erkennen, ob jemand geisteskrank ist? Deswegen wäre es gut, wenn eine Fachperson dabei wäre.

Die Frau befand sich laut der Polizei in einem psychischen Ausnahmezustand. Was heisst das konkret?

Frei:Das heisst, dass man nicht vernünftig mit ihr sprechen konnte. Sie hat die Polizisten vermutlich unflätig beschimpft, ging nicht auf vernünftige Worte ein.

Anscheinend hat die Frau auch ihre Katze umgebracht. Was hat das zu bedeuten?

Frei:Da gibt es viele Überlegungen. Ich würde das als Mitnahmesuizid interpretieren. Dafür gibt es den Begriff pseudo-altruistisch: Die Frau denkt sich, dass es das Tier ohne sie sowieso schlecht hat und dass die Welt so schlecht ist, dass man dies dem Überlebenden nicht zumuten möchte. Oder die zweite Variante der Verschmelzungsidee: Die Frau wollte im Tod mit dem Tier vereint sein, quasi ein Wiedersehen im Himmel.

Was gibt den Ausschlag, der zu so einer Handlung führt?

Frei:Die Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Jeder Durchschnittsmensch, der eine Straftat begangen hat, muss damit rechnen, dass er irgendwann zur Verantwortung gezogen wird und sich mit den unangenehmen Folgen auseinandersetzen muss. Geht man von meiner Hypothese eines antibürgerlichen Lebensstiles aus, fühlte die Frau sich moralisch im Recht, weshalb die Konsequenzen ihrer letztlich aussichtslosen Handlungen umso schwerer erträglich erschienen.