QUARTIERARBEIT: Martin Merki: «Büro-Verzicht nicht in Stein gemeisselt»

Das Sparpaket der Stadt trifft auch die Quartierarbeit. Sozialdirektor Martin Merki (FDP) verteidigt die Sparmassnahmen und sagt, weshalb die Stadt nicht alles selbermachen soll.

Interview Robert Knobel und Raphael Gutzwiller
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Stadtrat und Sozialdirektor Martin Merki (53) in seinem Büro. (Bild Manuela Jans-Koch)

Stadtrat und Sozialdirektor Martin Merki (53) in seinem Büro. (Bild Manuela Jans-Koch)

Martin Merki, neben der Schule wird auch bei der Quartierarbeit gespart. In beiden Fällen trifft es die Kinder.

Martin Merki: Die Kürzungen bei der Quartierarbeit machen 180 000 Franken aus. Das ist wenig im Vergleich zu den gesamten Sparmassnahmen in der Sozialdirektion von 3,3 Millionen Franken.

Wie wird sich das in den Quartieren konkret bemerkbar machen?

Merki: Die Bevölkerung soll möglichst wenig von den Massnahmen spüren. Deshalb sparen wir vor allem bei der Führungs- und Facharbeit, weniger an der Front. Die Quartierarbeit soll weiterhin flächendeckend angeboten werden, aber mit einem Siebtel weniger Ressourcen für alle Quartiere. Der Stellenetat wird insgesamt um 150 Prozent gekürzt.

Nochmals konkret: Wird beispielsweise die Zahl der Anlässe und Aktivitäten in den Quartieren sinken?

Merki: Das können wir im Moment noch nicht genau sagen. Für die Umsetzung der Sparmassnahmen soll ein Mitwirkungsprozess gestartet werden. An diesem sollen sich alle Betroffenen – Quartiervereine, Kirchen oder Jugendorganisationen – beteiligen. Entsprechende Gespräche haben bereits begonnen, doch im Moment ist noch nichts spruchreif.

Für die Stimmbürger, die zum Budget 2016 Ja oder Nein sagen müssen, wäre es aber hilfreich, wenn sie wüssten, welche Auswirkungen die Sparmassnahmen genau haben.

Merki: Wir wollen keine Ideen auf Vorrat in die Welt setzen. Wir informieren, wenn der Mitwirkungsprozess abgeschlossen ist.

Als mögliche Massnahme nennt der Stadtrat den Verzicht auf ein neues Quartierbüro in Tribschen-Langensand. Dabei wäre dieses Quartier mit Gassenküche, Drogenabgabestelle und Asylunterkunft doch speziell auf eine gute Quartierarbeit angewiesen.

Merki: Der Verzicht auf das Büro in Tribschen-Langensand ist nicht in Stein gemeisselt. Schliesslich handelt es sich um ein sehr grosses Quartier, vergleichbar mit dem Würzenbach, das ein eigenes Quartierbüro hat. Deshalb wollen wir das geografische Einzugsgebiet aller sechs Quartierbüros neu definieren. Die Sparmassnahmen dürfen auf keinen Fall zu einem einseitigen Abbau auf Kosten eines einzelnen Quartiers gehen.

Apropos Quartierbüros: Diese machen nicht gerade den Eindruck, als wären sie beliebte Treffpunkte im Quartier. Sie sind meistens leer. Wofür braucht es überhaupt solche Büros?

Merki: Die Quartierarbeit soll einen Ort haben, an dem sie verankert ist. Die Büros wurden ganz bewusst an strategischen Orten platziert – etwa auf stark frequentierten Schulwegen. Am Schaufenster ist die Telefonnummer des Quartierarbeiters angebracht, den man anrufen kann. Dass die Büros oft unbesetzt sind, hat damit zu tun, dass die Quartierarbeiter nur im Büro sind zum Planen und sonst draussen bei den Kindern und den Quartierbewohnern. Quartierarbeit ist Arbeit an der gesellschaftlichen Front, der Büroanteil an der Arbeit ist klein.

Und was machen die Quartierarbeiter, wenn sie bei den Leuten sind?

Merki: Einerseits betreuen sie fixe Jugendtreffpunkte wie das «Crazy House» in Reussbühl, wo es feste Strukturen und Öffnungszeiten gibt. Solche Treffpunkte sind sehr wichtig. Sie sind nicht einfach bloss ein Zeitvertrieb. Die Kinder lernen auch viel über Streitkultur, und sie lernen, Projekte selbstständig zu planen und zu entwickeln. Dabei helfen die Quartierarbeiter den Kindern bei der Umsetzung von Ideen. Die Kinder lernen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, zum Beispiel Spielnachmittage, Halloween-Partys, Fussballturniere, Discos oder Pizzabacknachmittage. Die Quartierarbeit verhilft den Kindern so zu Erfolgserlebnissen, was die Kinder stärkt. Die Quartierarbeiter nehmen auch Impulse aus der Bevölkerung auf. Im Reusszopf haben sie beispielsweise dafür gesorgt, dass eine Unterführung kinderwagentauglich gemacht wurde. Zudem konnten Kinder aus Reussbühl bei der Planung eines Spielplatzes mitreden.

Nicht nur die Stadt betreibt Jugend- und Quartierarbeit. Die katholische Kirche ist da auch sehr aktiv. Wozu diese Doppelspurigkeit?

Merki: Es gibt keine Doppelspurigkeiten. Die Angebote ergänzen sich gegenseitig. Die Tätigkeitsfelder sind klar definiert, und es gibt eine Zusammenarbeitsvereinbarung. Die Stadt hat einen Basisauftrag für die 10- bis 16-Jährigen. Für diese Kinder und Jugendlichen ist das Quartier die wichtigste Lebenswelt. Schule und Freizeit – alles spielt sich bei dieser Altersgruppe in der kleinen Welt des Quartiers ab. Deshalb macht es Sinn, dass wir uns bei der Quartierarbeit speziell um sie kümmern. Die Kirche legt den Fokus eher auf die älteren, mobileren Jugendlichen.

Die kirchliche Jugendarbeit ist zwar relativ konfessionsneutral. Dennoch stellt sich die Frage: Müsste sich die Stadt in einem solch zentralen Gebiet nicht stärker selber engagieren?

Merki: Es ist in der Schweiz allgemein üblich, dass sich der Staat nicht um alles kümmert. Nicht nur in der Quartierarbeit, auch in der Bildung und der Kultur leisten Private enorm viel Wertvolles für die Gesellschaft. Der Staat muss in diesen Bereichen lediglich subsidiär unterstützen. Genau deshalb bekennen wir uns zur Aufgabenteilung mit der Kirche, die im Bereich Quartierarbeit übrigens schon viel länger Erfahrung hat als die Stadt.

Gibt es im Sozialbereich auch Leistungen, die für Sie grundsätzlich nicht antastbar sind?

Merki: Ja. Dort, wo das unmittelbare Wohl der Bevölkerung betroffen ist, wollten wir nicht sparen. Der Mahlzeitendienst für Senioren wird weiterhin subventioniert. Auch individuelle Zuschüsse für Familien und Alleinerziehende bleiben unangetastet. Ein grosser Teil der Kürzungen in der Sozialdirektion kommt ohnehin dadurch zu Stande, dass wir die Budgets an die tatsächliche Nachfrage anpassen. Das kann überall dort gemacht werden, wo die budgetierten Kosten in den letzten Jahren nicht vollständig ausgeschöpft wurden, etwa bei den Betreuungsgutscheinen.

Interview Robert Knobel und Raphael Gutzwiller

Minus 14 Millionen

Sparpaket red. Am 28. Februar stimmen die Stadtluzerner über das Budget 2016 ab. Die Abstimmung ist nötig, weil gegen das Budget das Referendum ergriffen wurde. Die Gegner stören sich insbesondere an den Sparmassnahmen, die gleichzeitig mit dem Budget 2016 wirksam werden sollen. Insgesamt will der Stadtrat den städtischen Haushalt um 14 Millionen Franken pro Jahr entlasten. Den grössten Anteil an diesem Sparpaket trägt die Volksschule (Reduktion bei der Integrativen Förderung und bei Deutsch als Zweitsprache). Abgebaut werden soll auch bei der Quartierarbeit. Vorgesehen ist eine Reduktion von heute 690 auf 540 Stellenprozente (siehe Interview). Weitere Einsparungen sollen unter anderem durch die Reduktion bei der Strassen- und Schulhausreinigung erzielt werden.