Querschnittgelähmte des Jahres ausgezeichnet

Jon Pünchera und Sergio Caravatti sind die Querschnittgelähmten des Jahres. Sie sind am Sonntag in Nottwil ausgezeichnet worden.

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Daniel Joggi (Mitte), Präsident des Stiftungsrates, mit den beiden Gewinnern Jon Pünchera und Sergio Caravatti. (Bild: pd)

Daniel Joggi (Mitte), Präsident des Stiftungsrates, mit den beiden Gewinnern Jon Pünchera und Sergio Caravatti. (Bild: pd)

Der 64-jährige Bündner Jon Pünchera und der 54-jährige Tessiner Sergio Caravatti sind als Gewinner des Preises ausgewählt worden, wie es in einer Mitteilung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung heisst. Bereits zum 18. Mal sie das Schaffen von zwei Querschnittgelähmten gewürdigt. Die Auszeichnung ist für Menschen im Rollstuhl bestimmt, die in ihrem Leben Aussergewöhnliches geleistet haben.Aus den eingereichten Vorschlägen hat eine fünfköpfige Jury, zusammengesetzt aus Führungskräften des SPZ, der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung und der Stiftung, die Gewinner ausgewählt.

pd/rem

Jon Pünchera, der engagierte Bündner

An jenem Tag im August 1979 begleitet Polizist Jon Pünchera einen Holztransport mit dem Helikopter. Plötzlich wird die Maschine von einer gewaltigen Sturmböe erfasst und stürzt ab - der Pilot wie auch der damals 33-jährige Familienvater überleben den Unfall zwar, doch beide brechen sich durch den harten Aufschlag einen Lendenwirbelkörper. Dazu kommen bei Jon Pünchera Rippenbrüche, eine Schlüsselbeinfraktur und eine Stauchung der Halswirbel. Die Heilung der Bruchstelle an der Wirbelsäule wird nur durch 12-wöchiges Liegen im Spezialdrehbett erreicht. Eine harte Geduldsprobe für den sportlichen Mann. Die Lähmungserscheinungen gehen beim Piloten wie auch bei Pünchera zurück, und beide verlassen die Klinik in Basel nach Monaten der Rehabilitation auf eigenen Füssen.
Jon Pünchera nimmt einen Spezialdienst bei der Kantonspolizei auf und zieht mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Domat-Ems. Es folgen 15 sportliche Jahre mit vielen Aktivitäten, immer wieder getrübt durch gesundheitliche Probleme. 1995 dann der Schock: An der früheren Bruchstelle hat sich ein Tumor im Rückenmark gebildet, der zu einer Paraplegie führt. Laudator und SPS-Ehrenpräsident Guido A. Zäch sagt: «Jon Pünchera nahm die harte Herausforderung beispielhaft an und kämpfte sich zurück ins Leben.» Noch heute arbeitet der Paraplegiker in der Administration der Bündner Kantonspolizei. Die einstigen Passfahrten mit dem Velo sind Handbike-Ausflügen gewichen. Auch seinem ursprünglichen Beruf als Möbelschreiner widmet er sich vermehrt und verlegt mit einem Spezialgefährt sogar wieder Parkettböden. Seit vielen Jahren setzt sich der heute 64-Jährige zudem als Präsident für seine Schicksalsgenossen
im Rollstuhlclub Chur ein. Der Geehrte nahm die Auszeichnung gerührt entgegen: «Wieso gerade ich? Vermutlich stand das Glück diesmal ganz auf meiner Seite.»

Sergio Caravatti, der grossherzige Tessiner

Es ist ein wunderbarer Tag für einen Ausflug ins Maggiatal, und der Fluss lädt zum Baden ein. Schon viele Male ist Sergio Caravatti hier geschwommen, er kennt die Stelle bestens. Und doch verändert dieser eine Sprung im Sommer 1982 das Leben des gelernten Kochs: Sein Kopf berührt nach dem Eintauchen den Grund, und das Genick bricht - es muss sich eine Sandbank beim letzten Hochwasser verschoben haben, denn zuvor war das Wasser hier immer tief genug. Der damals 26-Jährige wird sofort wiederbelebt, beatmet und ins Spital gebracht. Die Diagnose, die später im Paraplegiker-Zentrum Basel gestellt wird, ist niederschmetternd: Sergio wird seine Arme noch ein wenig bewegen können, die Finger jedoch bleiben gelähmt. Und fortbewegen kann er sich nur noch im Rollstuhl.
Nach der neunmonatigen Rehabilitation kehrt der Familienvater ins Tessin zurück zu seiner Frau und den drei Töchtern. Der Alltag mit einem pflegebedürftigen Menschen ist für alle eine Herausforderung. Und gross ist Caravattis Enttäuschung, als nach einer Überprüfung klar wird, dass es für seine schwere Behinderung keinen geeigneten Beruf gibt. Nichts desto trotz kämpft er weiter, engagiert sich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty international und beginnt wieder Sport zu treiben. 1987 wird sein grösster Wunsch wahr: Er nimmt mit dem Rollstuhl am Marathon in Berlin teil - in jener Zeit gab es nur wenige Tetraplegiker, die zu solchen Leistungen fähig waren. In der Politik als Gemeinderat, aber auch in diversen Vereinen und Institutionen, macht sich der heute 54-Jährige für die Anliegen von Rollstuhlfahrern stark. Laudator und SPS-Präsident Daniel Joggi betont: «Sergio Caravatti ist ein grossherziger Mann, der sich gerne nützlich macht, gegen ungerechte Situationen aufbegehrt und für bessere Lebensbedingungen kämpft.» Dem Geehrten steht die Überraschung ins Gesicht geschrieben: «Mit dieser Auszeichnung habe ich überhaupt nicht gerechnet. Das ist einfach phantastisch.»