RADIKAL: Jetzt wirbt Zentralrat um Frauen

Im November drehte der islamische Zentralrat in Kriens einen Propagandafilm, jetzt ist die Gruppierung wieder in Luzern aktiv: Diesmal nimmt sie die Frauen ins Visier.

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«Muslima, stolz & frei»: Mit diesem Slogan haben gestern Vertreterinnen des Islamischen Zentralrats beim Bahnhof Luzern für ihre Sache geworben - darunter eine Frau mit Nikab (rechts). (Bild Corinne Glanzmann)

«Muslima, stolz & frei»: Mit diesem Slogan haben gestern Vertreterinnen des Islamischen Zentralrats beim Bahnhof Luzern für ihre Sache geworben - darunter eine Frau mit Nikab (rechts). (Bild Corinne Glanzmann)

Flurina Valsecchi

Hier zeigt sich ein ungewöhnliches Bild. Gestern Nachmittag bei der Hauptpost am Luzerner Bahnhof. Passanten verlangsamen ihren Gang und schauen zweimal hin: An einem Stand stehen vier Frauen, allesamt mit Kopftuch. Eine trägt sogar einen Nikab, der bis auf die Augen ihr ganzes Gesicht verhüllt. Sie stammt aus Marokko, wohnt aber wie zwei ihrer Kolleginnen in der Region Luzern. «Warum sind Sie ganz verschleiert?», diese Frage werde ihr am häufigsten gestellt, sagt die Frau zu unserer Zeitung. Immer wieder erkläre sie, dass das Kopftuch eine wichtige Pflicht der Muslima sei. «Ich fühle mich geborgen und viel freier, als wenn ich kein Kopftuch tragen könnte.» Im Alltag würden ihr viele Leute sehr ablehnend begegnen.

Absicht: «Vorurteile abbauen»

Was auf den ersten Blick – auch auf dem mitgebrachten Plakat – nicht erkennbar ist: Die Frauen sind Mitglieder des Islamischen Zentralrats (IZRS). Generalsekretärin Ferah Ulucay erklärt: «Diese Fraueninfostände dienen dazu, die vorhandenen Vorurteile abzubauen und die Gesellschaft über die muslimische Frau zu informieren.» In Gesprächen könnten Passanten die Musliminnen kennen lernen und Fragen stellen.

Ulucay betont, dass es bei der Standaktion unter dem Motto («Muslima – stolz und frei») nicht darum gehe, neue (weibliche) Mitglieder anzuwerben und zu missionieren. Wenn aber jemand Interesse am IZRS zeige, gebe man die entsprechenden Informationen mit. Ebenfalls liegt ein kleines Büchlein («Die Frau im Islam») auf, wo Themen wie unwerte Töchter, Ehebruch, Eide, die Rolle der Mütter und das Kopftuch besprochen werden.

Die gestrige Standaktion ist der Start einer Tour durchs ganze Land; wo die Frauen des IZRS in der Zentralschweiz sonst noch Halt machen werden, ist noch offen. Klar ist aber, dass es noch weitere Aktionen gibt, um Frauen anzusprechen. So wurde bereits ein Kopftuch-Workshop für die muslimische Frau organisiert, es gibt regelmässig islamische Lifestyle- und Fashion-Shows, und man trifft sich an Frauenabenden.

Standaktion ist legal

Auf Nachfrage erklärt Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, dass der gestrige Auftritt von der Stadt Luzern bewilligt worden war. «Die Standaktion ist verfassungsrechtlich legitimiert, es gilt das Recht auf freie Meinungsäusserung.» Es ist in diesem Jahr bereits die dritte Bewilligung, welche die Stadt Luzern dem islamischen Zentralrat erteilt hat. Bereits am 7. und 21. Februar führte der IZRS Standaktionen am Bahnhof durch. Weitere Aktionen wurden für das laufende Jahr bis jetzt nicht beantragt. Im Vorfeld wird auch geklärt, welche Informationen an die Passanten abgegeben werden. Lütolf hat hier bis heute keinen Grund, einzuschreiten. Er sagt: «Die Erfahrungen mit dem Bewilligungsinhaber sind positiv und gaben bislang zu keinen Beanstandungen Anlass.»

In Zürich Kopftücher angeboten

Trotzdem gibt es am gestrigen Auftritt auch Kritik. «Hier gibt es keinen Zweifel, eine solche Standaktion ist Missionierung. Es geht darum, gezielt Frauen für die radikalen Ansichten des IZRS zu gewinnen», sagt Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Sie beobachtet schon seit einiger Zeit, dass der Zentralrat sehr aggressiv um Frauen wirbt. In Zürich hätten dieselben Frauen Passantinnen Kopftücher angeboten. Keller-Messahli bringt die gestrige Standaktion in Zusammenhang mit dem internationalen Frauentag von morgen Sonntag. «Überall auf der Welt kämpfen muslimische Frauen an diesem Tag für eine bessere Gleichstellung und gegen religiös motivierte Vorschriften. Und was macht der salafistische IZRS in der Schweiz? Er macht genau das Gegenteil. Er beharrt auf der Verhüllung der Frauen und verlangt strikte Geschlechtertrennung zum Beispiel an seinen Veranstaltungen.»

Für Keller-Messahli ist es nicht überraschend, dass die Muslima-Tour ausgerechnet in Luzern startet. In der Region gebe es besonders in der aus dem Balkan stammenden Bevölkerung einige IZRS-Anhänger. Deshalb auch habe der Zentralrat im November mit teils vermummten Protagonisten seinen «Werbe-Film» beim Holderchäppeli in Kriens gedreht. Sogar der Nachrichtendienst des Bundes wurde damals informiert.

«Missbrauch der Demokratie»

Auch Valentina Smajli, Mitglied der städtischen Integrationskommission, beobachtet die Aktionen des IZRS kritisch und zeigt sich besorgt: «Der islamische Zentralrat missbraucht hier demokratische Instrumente, wie eine Standaktion, um seine radikale Gesinnung zu verbreiten.» Man dürfe dieser Gruppierung, die einen politischen Islam propagiere, keine Plattform geben. Enttäuscht ist Smajli von den Behörden: «Sie erteilen eine Bewilligung, wohl wissend, was diese Salafisten vertreten.»

Der Luzerner SVP-Kantonsrat Pirmin Müller sagt: «Die Behörden müssen endlich das Gefahrenpotenzial des IZRS erkennen und restriktiv handeln, wenn es etwa um Standaktionen wie jene von gestern geht.» Er erwartet von der Luzerner Regierung betreffend IZRS ein klares Bekenntnis, dass die Aktionen nicht toleriert werden. Noch ausstehend sind die Antworten der Regierung auf Müllers parlamentarische Anfrage rund um die Filmaufnahmen in Kriens.