RADIO: Schawinski: «Das war wie Wasser in der Wüste»

Vielfalt statt Einfalt: Vor 30 Jahren wurde das staatliche Medienmonopol gebrochen. Vor allem dank Roger Schawinski. Der Zürcher spricht über seinen Kampf.

Michael Graber
Drucken
Teilen
Roger Schawinski (rechts) und Christian Heeb senden im November 1980 aus Cernobbio in die Schweiz. (Bild: Key)

Roger Schawinski (rechts) und Christian Heeb senden im November 1980 aus Cernobbio in die Schweiz. (Bild: Key)

Vor 30 Jahren veränderte sich die Radiolandschaft in der Schweiz nachhaltig: Per 1. November 1983 waren Privatradios per Gesetz möglich. Voraus ging ein langes Hin und Her, allen voran Roger Schawinski, der ab 1979 mit seinem Radio 24 aus dem italienischen Cernbobbio in die Schweiz sendete. Sehr zum Ärger von Bundesbern und SRG, die dem Radiopiraten jeden erdenklichen Stein in den Weg legten. Durch den Druck der Strasse knickte der Bundesrat dann ein und ermöglichte werbefinanzierte Radios.

Roger Schawinski, ich habe Jahrgang 1983 und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgend­jemand für einen Radiosender auf die Strasse geht. Können Sie die damalige Radiolandschaft beschreiben?

Roger Schawinski: Von einer Landschaft zu sprechen, wäre übertrieben. Es gab damals gerade zwei Sender in der Schweiz. Auf diesen gab es gerade einmal ein Fenster von einer halben Stunde, in dem auch Musik für Junge gespielt wurde. Allerdings im Rahmen vom «Wunschkonzert», es war also überhaupt nicht sicher, dass da etwas Rock oder Pop lief. Wer sich für junge Musik oder junge Kultur interessierte, musste auf ausländische Sender ausweichen. SWF 3 oder Radio Luxemburg – Rauschen inklusive.

Und dann kam Radio 24.

Schawinski: Ja, ich habe nie damit gerechnet, was das alles auslösen würde. Es kam mir vor, als würden wir Wasser in die Wüste Gobi leiten. Die Leute klebten richtig am Radio, und die Begeisterung bei den Jungen war enorm. Innert fünf Tagen hatte wir mit einer Petition 212 000 Unterschriften gesammelt, die gegen die Massnahmen des Bundesrates gegen uns protestierten. Und an die Autoantennen wurden Schleifchen geheftet, als Zeichen der Solidarität mit uns.

Trotzdem kam es immer wieder zu Abschaltungen des Senders.

Schawinski: Die Schweizer Behörden haben den Italienern auch ganz schön Druck gemacht – obwohl mein Sender eigentlich nach italienischem Recht legal war. Mehrfach dachte ich: «Jetzt ists aus.» Aber allerlei Tricks und Kampf haben uns geholfen, damit wir auf Sendung bleiben konnten. Ich habe beispielsweise meinen Wohnsitz nach Italien verlegen müssen.

Sie sagten, Sie haben nicht damit gerechnet, was Radio 24 auslöst. Warum haben Sie dann trotzdem so gekämpft?

Schawinski: Ich habe diese Rolle ja nie gesucht, aber plötzlich ist man mittendrin. Ich gegen den Bundesrat. Wir gegen Bundesbern. Mit der ganzen Unterstützung im Rücken hat es uns natürlich zusätzlich motiviert, und nebenbei habe ich auch einiges an Geld in den Sender investiert.

Gab es in der Politik auch solche, die mitkämpften?

Schawinski: Ich war und bin kein grosser Netzwerker – vielleicht ist das mein Fehler. Aber aus der Politik kam praktisch keine Unterstützung. Nicht einmal von den Linken – und so einer war ich damals ja auch. Im Gegenteil, der damalige Zürcher Gemeindeparlamentarier und spätere Bundesrat Moritz Leuenberger setzte sich sogar dafür ein, dass wir die Wetterinformationen nicht aus offiziellen Quellen beziehen konnten – schliesslich seien wir ja ein illegaler Sender. Und dann gab es auch noch solche wie Christoph Blocher, die mir zwar sagten, «Gut, macht mal jemand etwas gegen das Radiomonopol» – Hilfe ist aber noch lange keine gekommen.

Hat sich der Kampf rückblickend gelohnt?

Schawinski: Ja, natürlich. Im Gegensatz zu den Privatfernsehstationen funktionieren die Radios sehr gut. Sie werden gehört und können auch teilweise Gewinn erwirtschaften.

Aber verstehen Sie, wenn ich kaum begreifen kann, dass jemand für die heutigen Privatradios so gekämpft hat?

Schawinski: Damals gab es kein Kabel, kein Internet, sondern einfach nur Beromünster-Mief. Sie sprechen aber wohl etwas anderes an: die Qualität der Sender.

Ja.

Schawinski: Diese Kritik kann ich verstehen. Die Sender haben sich verändert in den letzten Jahren, so ab 2001. Sie wurden austauschbarer. Es wird immer weniger informiert, und Gesprächssendungen wurden abgeschafft. Diese Entwicklung kann man bedauern, aber sie ist auch mit dem Wandel der Zeit zu erklären: Die Jungen haben nicht das Bedürfnis, von einem Radiosender in erster Linie informiert zu werden. Heute kann man mit einer Smartphone-App alle Infos bequem und schnell lesen.

Aber bei Radio 24 war die Musik ja auch bereits das Wichtigste.

Schawinski: Natürlich war die damals auch schon wichtig. Aber auch unsere Art zu informieren war eine Neue. So haben wir beispielsweise bei den Zürcher Jugendunruhen eine wichtige Funktion gehabt. Andere Medien ignorierten die Anliegen der Jugendlichen damals komplett. Wir dagegen berichteten über das Dafür und Dawider. Auch meine langen Talk-Sendungen stiessen bereits damals auf eine grosse Resonanz.

Entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Sie damals als Radiopirat einen Sender für Junge machten und jetzt Chef eines Radios sind, das sich explizit an Erwachsene richtet?

Schawinski: Ich kann nur Sachen machen, hinter denen ich komplett stehen kann, und Radio 1 ist so eine. Es ist ja auch eine Erfolgsgeschichte: Wir haben immer mehr Hörer und liefern als Premium-Sender Qualität; bei der Musik und der Information. Da sind wir bei den Privatradios die Einzigen, wie auch in neutralen Studien festgestellt worden ist. Radiosender für die Jungen gibt es genug, auch dank meiner Initiative. Radio 1 ist für mich eine Herzensangelegenheit. Zudem bin ich mittlerweile in einer anderen Lebenssituation. Damals war ich 34, heute doppelt so alt. Natürlich habe ich jetzt andere Bedürfnisse und Interessen.

Wenn Sie all die Entwicklungen heute sehen, würden Sie den Kampf von damals noch einmal führen?

Schawinski: Sie können die Zeiten nicht vergleichen. Der Geist von damals ist tot, den kann man nicht wiederbeleben. Es sind auch längst nicht alle Entwicklungen schlecht oder bedauernswert, sondern oft folgerichtig. Aus diesem Standpunkt betrachtet: Natürlich würde ich den Kampf noch einmal führen. Es war grossartig!

Grosse Auswahl

Privatradios Neben Schawinskis Radio 24 gingen am 1. November 1983 noch diverse andere Privatradios auf Sendung. Das waren: Radio Capitol FM (Extra Bern), Radio Basilisk, Radio Basel 1 (Raurach), Radio Zürisee, Radio Energy Züri (Radio Z) und Radio Sunshine. Bereits in den nächsten Monaten kamen zahlreiche weitere dazu. Unter anderem Radio Pilatus, das am 1. Dezember 1983 auf Sendung ging. Bis Ende 1989 waren bereits über 33 Privatradios im Netz – die allermeisten sind es auch bis heute geblieben. Einige weitere kamen noch dazu (Stand Ende 2008: 45).
Im Unterschied zu den öffentlich-rechtlichen Radiosendern (also SRF-Kanäle) können die Privatradios auch Werbung senden. Unter bestimmten Bedingungen erhalten sie einen Anteil der Gebührengelder. Ebenfalls ein Jubiläum feiern kann heuer das nicht-kommerzielle Luzerner Jugendradio 3fach: Es wird 15 Jahre alt.

Der «Störsender»

SRF3 Wenn man es ganz genau nehmen will, wird DRS 3 eigentlich gar nicht 30. Seit diesem Jahr heisst es ja SRF 3 und hat sich eigentlich das Jubiläum selber verwirkt. Trotzdem: Die Geschichte des Senders ist eng mit jener der Privatradios verknüpft. DRS 3 wurde auch als Reaktion auf die aufkommenden Privaten initiiert und ging wie deren Pioniere am 1. November 1983 auf Sendung. Schliesslich wollte die SRG ihr Monopol nicht so einfach hergeben.
Entsprechend lautet der bekannteste Slogan von DRS 3 «der amtlich bewilligte Störsender», der allerdings erst aus den 90ern stammt. Der Sender richtete sich schon damals vornehmlich an ein jüngeres Publikum und sorgte zusammen mit den Privaten in den 80ern für einen regelrechten Radio-Boom. Mittlerweile unterscheidet sich SRF 3 nur noch in wenigen Punkten von seinen Konkurrenten, etwa durch die Musik-Specials und die Talk-Sendungen.