RAIN: Er macht Oldtimer-Fans glücklich

Nirgendwo auf der Welt ist die Oldtimerdichte so gross wie in der Schweiz. Und auch die hiesigen Mechaniker sind top – wie Marcel Moser.

Roger Rüegger
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Marcel Moser (44) zerlegt in seiner Werkstatt in Rain ein Auto der französischen Marke Amilcar aus dem Jahr 1924. (Bild Philipp Schmidli)

Marcel Moser (44) zerlegt in seiner Werkstatt in Rain ein Auto der französischen Marke Amilcar aus dem Jahr 1924. (Bild Philipp Schmidli)

Sie sind schwer, laut und faszinierend. Und sie kommen meist in grosser Zahl angefahren: Oldtimer, also Fahrzeuge, die 30 Jahre und älter sind. In der Zentralschweiz und den benachbarten Regionen finden regelmässig Anlässe statt (siehe Kasten), mit oft mehreren hundert Autos und Motorrädern. Viele wurden vor dem Krieg gebaut.

In der Schweiz grassiert ein Oldtimer-Boom. «Wer Besitzer einer Maschine aus den Vorkriegsjahren ist, befindet sich in einer Zeitkapsel. Es ist, als flüchte man vor der Alltagshektik», sagt Ruedi Müller, Organisator des Oldtimertreffens in Obwalden, welches immer am Pfingstwochenende mit über 500 Oldtimern Tausende Schaulustige aller Altersgruppen anlockt. Müller selber besitzt einige Fahrzeuge. Darunter edle Rolls-Royces und Bentleys.

Oldtimerfahrer sind stressresistent

Oldtimer-Besitzer sind laut Müller eher gelassen und stressresistent. «Das hat damit zu tun, dass wir immer damit rechnen müssen, dass unterwegs eine Reparatur anfallen kann. Man baut sich ein grösseres Zeitfenster ein.» Dazu komme, dass man oft lange auf Ersatzteile warten müsse – wenn solche überhaupt erhältlich seien. Zudem sei es schwierig bis unmöglich, rasch einen Termin bei einem fachkundigen Old­timer-Mechaniker zu bekommen. So muss sich Müller bis Ende Jahr gedulden, um einer seiner Perlen den Motor revidieren zu lassen.

Wir haben es geschafft, bei Marcel Moser, dem Inhaber von Fischer Classic Cars in Rain – laut Müller einer Top-Adresse für Oldtimer, – einen Termin zu ergattern. Nicht für eine Reparatur, aber für ein Gespräch über die Szene. Der 44-jährige Moser, der mit seinem kleinen Team vorwiegend Fahrzeuge aus den Vorkriegsjahren repariert, weiss eine Menge. Von ihm ist zu erfahren, dass rund 70 000 Fahrzeuge, die als Oldtimer bezeichnet werden können, auf Schweizer Strassen zugelassen sind. Das seien im Verhältnis zur Bevölkerung doppelt so viele wie in der Oldtimer-Hochburg Deutschland.

Terminkalender stets ausgefüllt

Moser vermutet, dass mindestens noch einmal so viele Autos und Motorräder in Garagen, Scheunen und Werkstätten stehen. Zudem besitze fast jede grössere Autowerkstatt einen Oldtimer.

Auch die Kunden von Fischer Classic Cars müssen – wie es Ruedi Müller sagte – gelassen sein. «Unser Terminkalender ist bis Frühjahr 2015 ausgefüllt. Wir sind eigentlich immer ausgebucht», sagt Moser. Wie zum Beweis überbringt ihm seine Frau Sonja das Telefon. Moser entschuldigt sich und führt ein 10-minütiges Gespräch. «Eine Kundin mit einem 1930er Ford A. Der Motor muss revidiert werden», erklärt er. Seine Frau: «Wann kann ich den Termin eintragen?» Moser: «Im Februar.»

Auch Moser ist gelassen, wie seine Kunden: «Wer zu uns kommt, weiss, das wir keine Schnellschüsse machen. Wir wissen, welche Öle die Fahrzeuge brauchen oder wie fest Schrauben angezogen werden dürfen. Wir haben diese Erfahrung in jahrelanger Arbeit gesammelt und uns dadurch einen Namen in der Szene erarbeitet.» Niemals würde in seiner Werkstatt ein Fahrzeug notdürftig repariert, nur um es an der Motorfahrzeugkontrolle vorbeizuschleusen.

Moser ist Mechaniker mit Leib und Seele. «Wenn ein Kunde mit einem Fahrzeug vorfährt, das ich nicht kenne, lese mich in die Materie ein.» Diese vielen Stunden, die er jeweils abends dafür aufwendet, kann er nicht verrechnen. Will er auch nicht. «Man muss besessen sein und darf den Aufwand nicht rechnen.»

Die Faszination der Oldtimer sei ihre einfache Technik. Was nicht bedeute, dass man diese deswegen auch einfach reparieren könne. «Man muss sich zwingend an die Vorgaben der Hersteller halten. Es ist nicht ratsam, ein altes Fahrzeug zu modifizieren. In der Regel funktioniert das nicht», mahnt er.

Doch wie ist es heute überhaupt möglich, Ersatzteile für Oldtimer zu bekommen? Moser führt uns durch die Werkstatt zu einem halb zerlegten Auto der französischen Marke Amilcar aus dem Jahre 1924. Dessen Kurbelwelle ist gebrochen. Moser hat zwei Stück in England ausfindig gemacht. «Diese werden nun bearbeitet und können im Idealfall eingebaut werden», sagt der Mechaniker. Sollte dies nicht funktionieren, müsste man neue herstellen lassen. Er zeigt uns ausserdem Zylinderkopfdichtungen, die er in Italien anfertigen liess. Alles möglich, alles eine Preisfrage.

«Es gibt keine Schnäppchen»

Womit wir beim Geld wären. Moser: «Wer glaubt, in einer argentinischen Scheune ein günstiges Fahrzeug finden und dieses in der Schweiz restaurieren lassen zu können, der wird ein böses Erwachen erleben.» Es sei heute kaum möglich, ein gut erhaltenes Fahrzeug zu einem günstigen Preis zu finden. Und selbst wenn: Die Reparaturen in der Schweiz seien so teuer, dass das Fahrzeug am Ende doppelt und dreifach so teuer werde wie der Marktwert. «Es gibt auf dem Oldtimer-Markt keine Schnäppchen.» Leicht zu finden sind aber Ersatzteile von Ford. Er selber fährt privat einen Buick Jahrgang 48, und bei seinem Hobby, dem Dirt Track Racing, jagt er einen 36er Ford Sprint Car über den Sand.

Welche Modelle sind für Einsteiger geeignet? Moser rät, dass man sich vielleicht einen MG B oder einen Chevrolet aus den 50er-Jahren anschafft. Weil für diese Fahrzeuge immer Ersatzteile erhältlich seien und sie im Unterhalt nicht teuer seien. Sein Tipp: «Man darf sich beim Kauf nicht vom Chrom blenden und nicht von Emotionen leiten lassen.» Zudem sollte man jemanden einweihen, der etwas von Oldtimern verstehe.

Er fliegt auch mal nach England

Moser selber hat mehrere Kunden beim Kauf oder Besichtigen eines Fahrzeugs begleitet. So hat ihn einer eingeladen, nach England zu fliegen, um ein Fahrzeug zu begutachten. Die Männer haben den weiten Weg zurückgelegt, «nur um zu sehen, dass das Fahrzeug ein Schrotthaufen war», sagt Moser.

Es gibt aber auch die andere Seite. Nämlich, dass Engländer in die Schweiz kommen, um Oldtimer zu reparieren. So schwört Ruedi Müller auf den britischen Mechaniker Bill Pullar, der ihm seine Nachkriegs-Bentley und Rolls Royce-Cars wartet. «In der Regel sind die Mechaniker in der Schweiz, Deutschland und in Österreich die besten, weil sie eine Ausbildung mit Berufslehre absolvieren. Aber dieser Brite ist auf diesen Marken ein Ausnahmekönner.»